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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-15 · Heft 11 (15.3.1901) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
Seite 127 (sequence 9)
Language
German
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127 wirthschaft zuwenden. Mit den kleinsten Erfolgen »nächst die Theilnahme und wird zu großen Thaten, denn „es »nächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken". Und kein Beruß keine Arbeit zeigt so markant den Lohn für des Menschen Mühen, »nie die Beschäftigung mit dem Boden. Welch Entzücke»» ruft es bei Klein und Groß hervor, »nenn der Kein» des der Erde an vertrauten Samenkorns aus ihr hervorlugt und sich weiter entfaltet! Welche Lust nnd Augenweide bietet es uns, »venu beispielsweise die gemeine Heckenrose durch unsere Veredelung in herrlicher Schöne strahlt, durch ihren Duft uns berauscht! Wie da der Mensch durch seinen Geist und seine Kraft die Natur gleichsam zu meistern scheint. Und endlich, schlagen »vir doch die Bibel auf! Sie verkündet uns von unseren ackerbautreibenden Ahnen, wie sich bei ihnen die Bodenkultur zu einer hohen hohen Blüthe entfaltet, »vie sie künstlerische Terrassen angelegt, Weinbau gepflegt und Trauben erzielt, deren Größe uns heute unglaublich vorkommt. Das war in einem rein jüdischen Staate, in dem doch gewiß kein Ackerbürger den Sabbath entweiht haben wird. Weshalb nun von gewisser Seite so beharrlich gegen die Pflege der Bodenkultur ins Feld geführt wird, es könnte der Sabbath entweiht werden, ist unerfindlich. Ja, es zeigt von einer Voreingenommenheit, die »vir von Juden der Richtung nicht erivarten sollten. Wenn nun diese ostentativ erklären: führt keinen Knabe»» der Gärtnerei zu, »veil er möglicherweise den Sabbath entheiligen könnte, dann dürfen »vir ihnen zurusen: Zeigt »ins einen Beruf, eineu Erwerbszweig, der diese Möglichkeit ausschließt. Kein Geschäft, kein Handwerk, kein Unternehmen schützt vor der Befürchtung so wenig »vie die Pflege der Bodenkultur. Sollen »vir diese aber nur deshalb nicht wählen, dann müßten auch alle übrigen Zweige des Erlverbslebens verlassen werden; dann wären Haudel und Wandel für uns Inden verloren, »vir wären an» Ende aller Dinge. Aber Gottlob! so weit sind wir denn doch »roch nicht. Wir werden weiter mit alle»» uns zu Gebote stehenden Mitteln, in Wort und Schrift, mit Herz und Hand für die Berwirklichnng der „zeitgemäßen Idee" eintreten; »vir werden es weiter für unsere „heilige" Aufgabe halten, so viel Berufsarten »vie invglich unseren Jünglingen und Jungfrauen zugängig zu machen, und dazu gehört vornehmlich die Landwirthsch ast mit ihre»» verschiedenen Zweigen. Wir »vollen das soziale Loos unserer Mittelklasse»» heben. Und das thut Nvth! Are Juden in Oesterreich. Von N. Taubes. ie paradox es auch klingen mag, so entspricht es doch vollkommen der Wahrheit, daß auch Leid und Unrecht zuweilen berechtigte Neider finden können. Dieses Empfinden hatten »vir Juden Oesterreichs dein» Lesen der Berichte über die letzten Vorgänge in Preußen. Der vom Justizminister Dr. Schönstedt mit der verzuckerten Pille, der ausdrücklichen Berwahrung gegen die Beschuldigung des Antisemitismus, ausgesprochene Nechtsgrundsatz in Bezug auf die Anstellung von Juden in Staatsdiensten fand wohl von den fortschrittlichen Parteien, deren Wortführer Barth, Crüger und Rickert ihren verletzten Rechtsgefühlen beredten Ausdruck gegeben haben, entschiedene Verurtheilung. Und doch ist es nicht das, welches unfern Neid hervorrief, da »vir in Oesterreich es uns längst schon abgewöhnt haben, von Nichtjuden irgendwelchen Schutz zu beanspruchen; am allerwenigsten von der sogenannten Fortschrittspartei, deren langjähriger Führer als Mitglied des feinerzeitigen Koalitions- Ministeriums der erste war, der die Beibringung eines Taufscheines als Grundbedingung für die Erlangung einer Staatsairstellung einsührte. Vielmehr ist es das einmüthige Vorgehen aller Inden Deutschlands, die maßgebendeu Ortes flammenden Protest gegen die ihnen zugefttgte Schmach erheben, welches nns unsere Ohnmacht und Indolenz vor Augen hält. Wo finden »vir in Oesterreich ein Organ, das die Wünsche und Klagen von anderthalb Millionen bedrückter und verfolgter Juden an maßgebender Stelle Vorbringen könnte? Der „Oesterreichisch-israelitische Bund", der berufen war, in Oesterreich das zu werden, was der „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sür Deutschland ist, führt ein Scheindasein, und werden da nicht einmal Worte gewechselt, so daß »vir von demselben Thaten gar nicht erivarten können. Während in Deutschland das Svlidaritütsgefühl der Juden stets wach gehalten und gestärkt wird, nimmt bei uns die Zerfahrenheit und Zerklüftung in» eigenen Lager trotz der gemeinsamen Nvth immer mehr zu, was der Gesaiuintjudenheit Oesterreichs zum Schaden gereichen muß. Am ärgsten leiden darunter die Juden in Galizien, welche von ihren eigenen Glaubensbrüderu außerhalb des Landes zu wahren Parias herabgedrückt werden. In Galizien leben derzeit 860 OOv Juden in einem fast rechtlosen Zustande, »vie es die Fülle Arateu und Nochme Weiß zur Genüge beweisen, und die herrschende Partei in» Lande, der die Juden bei den Wahlen zur Erhaltung ihrer Macht Handlangerdienste geleistet habe»», zollt ihnen den Dank dadurch, daß sie denselben alle Erlverbsguellen verstopft und sie den» Hungertode preisgiebt. In dem Antisemitismus der galizischen Machthaber liegt ein System, das sich prächtig bewährt. Da bei dem niedrigen Knlturniveau der jüdischen Bevölkerung in Galizien und deren trister ökonomischer Lage an eine Selbsthilfe nicht gedacht werden kann, haben »vir uns au die Führer der Jndenschast von Wien — den» Herzen des Reiches — gewendet, uns in ilnserer argen Bedrängniß beizustehen, fanden aber überall taube Ohren. Nicht materielle Mittel waren es etwa, die »vir von ihnen erbettelten, als vielmehr geistige und moralische Unterstützung ii» dem Kampfe um die Existenz. Aber auch diese ward uns versagt, trotzdem die. Noth im Lande mit jedem Tage größer wird, und eine Katastrophe da Hereinbreche»» muß, welche die Emigration der Juden aus Ruiuänien hundertfach übersteigen wird. Wenn dann einige Mal hunderttausend Juden, von Noth und Hunger getrieben, die Metropole des Reiches überschwemmen werden, werden die Wiener Juden hilflos und händeringend ob der Größe des Unglücks dastehen, und nicht einmal die Rechtfertigung für sich beanspruchen können, daß sie dieses Unglück unerivartet überraschte, da sie lange genug zuvor gewarnt worden sind. In der jüdischen Presse Oesterreichs wird seit einiger Zeit einer Defensivorganisation der Juden warm das Wort geredet, aber mit Ausnahme der „Oesterreichisch-israelitische»» Union", die — der Wahrheit die Ehre — säst Ueberinenschliches leistet, deren Wirkungskreis aber als Privatvereiu ein sehr eingeengter

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