Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- Seite 124 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Wortlaut wiedergeberi. und knüpfte daran folgende Worte: „Wir bedauern Alle mit dem Gemeindevorstand und der Gemeinde den Amtsaustritt dieses für unsere Gemeinde hochverdienten Mannes, in dem wir einen Mann verlieren, der vielleicht an Arbeitskraft und Arbeitslust nicht so leicht zu ersehen ist. Justizrath Meyer hat schon in jungen Jahren sein Interesse für die Gemein" Verwaltung dadurch bethätigt, das; er in verschiedenen Gemeindeanstalten und Vorständen thcitig war. Anfangs der 70er Jahre wurde er in den Gemeinde- Vorstand gewählt, dessen Geschäfte er 17 Jahre lang zum Segen der Gemeinde geführt hat. Wir müssen ihm dankbar sein, das; er seine großen Fähigkeiten, Erfahrungen und Kenntnisse bereitwilligst in den Dienst der Gemeinde gestellt hat und daß ihn, nichts über die Interessen der Gemeinde gegangen ist. Besonders dankbar müssen nur ihn, dafür sein, daß er es verstanden hat, die guten Beziehungen zwischen den Schwesternbehörden aufrecht zu erhalten und dadurch den Frieden der Gemeinde zu wahren. Es hat mich sehr gefreut, ans seinem Schreiben zu entnehmen, daß sein Zustand sich wenigstens nicht verschlechtert hat, und daß er den, Gedanken Ausdruck giebt, daß sich sein Interesse für die Gemeinde nicht verringern, und daß er gern seinen Rath, wenn es dessen bedürfe, geben werde. Wir alle wollen hoffen und wünschen, daß wir davon noch recht lange Gebrauch machen können, daß er in befriedigenden, Gesundheitszustände noch recht oft uns diesen Nath ertheite und recht glückliche Tage verlebe." Die Worte wurden von allen Seiten des Hauses mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Der Vorsitzende erbittet und erhält die Ermächtigung, den Gefühlen der Versammlung in einen, Schreiben an Jnstizrath Meyer Ausdruck zu geben, das durch das Bureau der Repräsentanten überreicht werden soll. Der Gemeindevorstand hat bereits eil, Dankschreiben übergeben lassen. -- Die gleichzeitig eingegangene Vorlage betreffs der Wahl eines Aeltestenstellvertreters wurde den, Ausschuß III überwiesen. — Mit der Vorberathung des Etats, welcher bis Ende dieses Monats zur Erledigung gelangen muß. wird, wie in früheren Jahren, der Ausschuß I betraut; hierzu werden noch die Herren Professor Blaschte, OppenHein, u„d Louis Sachs kooptirt. In die Deputation zur Berathnng der Frage der Anstellung von Hilfsarbeitern beim Gemen,devorstand werden die Herren Stadtrath Weigert. Professor Blaschke, Dr. Veit Simo n und L ö w e nberg entsandt. Dieser Deputation wird gleichzeitig der Antrag eines Mitgliedes betr. die Veröffentlichung eines Jahrbuches der jüdischen Genre, „de übergebe,,. — Der Antrag Lewin, den Vorstand zu ersuchen, bei der Nepräsentauten-Versarnmlung wegen der Unterlassung der rechtzeitigen Ersatzwahlen des Krankenhansvorstandes eine nachträgliche Indemnität nachzusucheu. wird durch ein Schreiben des Vorstandes, das bereits in, Februar vorigen Jahres eingetroffeu ist, als erledigt betrachtet. Ein Antrag Oppenheim wurde in modifizirter Form dahingehend angenommen, der Versammlung drei Monate vor den, Ablauf der Amtsdauer der Mitglieder, soweit angängig, Mittheilnug zu machen. Die Versammlung nimmt alsdann davon Kenntnis;, daß, entsprechend ihren, in einer früheren Sitzung zun, Beschluß erhobenen Wunsche, Dr. Lachmann, welcher in die kennst, l'.oloulsntion Association delegirt ist, alle sechs Monate einen Bericht über die Thätigkeit der genannten Vereinigung abstatten wird. Zur Kennt,,ißnahme wird ferner mitgetheilt, daß der Gemeindevorstand sich „nt der Miethung der Räume im Hause Oranienburgerstr. 6063 für die Gemeindebibliothek einverstanden erklärt hat. Der Kontrakt läuft vom 1. April d. I. auf fünf Jahre. Der Bericht über die Revision der Stenereinziehnngsstelle wird entgegengenvmmen; die Berathnng der Frage betreffend die Amtsdaner der Nepräsenlantenstellvertreter einer gemischten Deputation überwiesen. Ein vom Gemeindevorstand ausgearbeiteter Entwurf bezüglich der Aendernng des K 16 des Statuts, welcher sich mit der Ergänzung der Stellvertreter befaßt, liegt bereits vor, und es ist begründete Aussicht ans Annahme desselben durch das Polizeipräsidium vorhanden. — Eine Zuwendung der Frau Anna Meyer an das Neichenheimsche Waisenhaus in Hohe von 1500 Mark wird genehmigt: die Zinsen des Kapitals sollen hilfsbedürftigen, entlassenen Waisen zugewiesen werden. — Den Koscherfteischhändlern wird, wie bereits im Vorjahre, der Beitrag zun, Pensions- und Nuterstützungssonds erlassen. Der Fonds ist in der glücklichen Lage, gefüllt zu sein. — Debattelos werden bewilligt an den Verein für Arbeitsnachweis 2000 Mark, zur Einrichtung des Baubüreans in, Verwaltungsgebäude der Gemeinde 1200 Mark, zur Anlage eines Fensters in, Jnspektionsbnrean des Friedhofs in Weißensee 250 Mark. Zur Schließung der Arkaden auf den, Friedhofe in Weißensee, welche, so lange sie bestehen, zu Klagen wegen des dort herrschenden Zuges Veranlassung gegeben haben, werden 29 000 Mark nach kurzer Diskussion genehmigt. Die Baukommission hat vorgeschlagen, die Arkaden zu vermauern und zu verglasen. Die Schönheit desselben wird, wie durch ein vorliegendes Modell ersichtlich gemacht wird, dadurch kaum beeinträchtigt werden. Syndikus Dr.Minden widerspricht dieser Position, da er fürchtet, daß bei einem großen Leichenbegängniß die Menge der Leidtragenden in einen schlanchartigen Gang hineingepreßt wird. Vorsteher Netter weist noch darauf hin, daß durch die beantragte Aendernng gleichzeitig die Bethalle eine Vergrößerung erfahren wird. Zur Neubelegung des Fußbodens der Arkaden werden noch 5000 Mark bewilligt. — Die Zinsen aus der Jeanette Llssaner-Stiftnng, welche ans einem Kapital von 20000 Mark besteht, sotten wie in den früheren Jahren für entlassene Zöglinge des Waisenhauses Verwendung finden. — Eine lange Diskussion rief noch die Bewilligung eines einmaligen und eines laufenden Beitrages an den Deutsch-Israelitischen Gemeindebnnd zu Zwecken der jüdischen Fürsorge-Erziehungsanstalt in Repzin hervor. Der Referent Kommerzienrath Friedländer giebt zunächst die unseren Lesern bereits bekannte Vorgeschichte dieser neuesten Wohlsahrtsbestrebnng, die Verhandlungen des Dezernenten im Ministerium des Innern Geheimrath K roh ne mit Jnstizrath Meyer und später mit Rechtsanwalt Lilienthal, und führt aus, daß die Anstalt zur Ausl,ahme von 50 Kindern Vorkehrungen treffen wird. Die Aptirungskosten werden etwa 10000 Mark, die jährlichen Unterhaltungskosten 9000 Mark betragen. Die Berliner Gemeinde soll nunmehr 5000 Mark zur Aptirung und 4500 Mark jährlich zur Unterhaltung der Anstalt beitragen. Der Gemeinde- Vorstand hat den jährlichen Beitrag für zn hoch befunden und ihn nur ans 3500 Mark ans drei Jahre normirt. Der Ausschuß ist diesen, Beschlüsse beigetreten und schlägt die Bewilligung des einmaligen und des jährlichen Beitrages unter folgenden Bedingungen vor 1. „Der Nest der Kosten muß von den übrigen Groß- und Mittel gemeinden in Preußen ansgebracht werden; 2. sobald durch die von den Kommunalverbänden zu leistenden Zuschüsse die Kosten der Anstalt theilweise gedeckt werden, soll der so entstehende Neberschuß den Gemeinden nach Verhält,,iß ihres Beitrages zurückgezahlt werden; 3) der hiesigen jüdischen Gemeinde soll in dem Anstaltskuratorinm eine nach dem Verhält,,iß ihres Beitrages zu bemessende Vertretung eingeräum' werden." Für den höheren jährlichen Beitrag wurde ins Feld geführt daß in Berlin die größte Zahl Inden des preußischen Staates leben daß hier die besitzenden Klaffen wohnen und daß es schwer wäre, di noch restirenden 5500 Mark von den anderen Gemeinden zn erlangen Dagegen wurde eingewendet, daß, wenn Berlin die Hälfte des Bei träges zahle, das Interesse der übrigen Gemeinden hierdurch eine Minderung erfahren würde. Ausschlaggebend ist schließlich für den Beschluß des Ausschusses geworden, daß sich der Gemeindevorstand zu einem weiteren Zuschuß bereit erklärt hat, falls die 3500 Mark nicht reichen. Vorsteher Rechtsanwalt Lilienthal hebt in längerer Aus führung zunächst den außerordentlich wichtigen sozialen Fortschritt welcher in den Fürsorgegesetze,, liege, und die grundlegende Aendernng des bisherigen Rechtszustandes hervor, da die staatliche Fürsorge erziehung jetzt in Bezug ans ihre Dauer sehr ausgedehnt sei und di Zwangserziehung bereits dann eil,treten könne, wenn die Verhältnis^ der Eltern Grund zu der Befürchtung geben, daß das Kind verwah - losen könne. Er konstatirt mit großer Genugthuung, daß das jei t gesetzlich Festgelegte bereits seit einer Reihe von Jahren von dev hiesigen jüdischen Gemeinde praktisch ausgeübt werde. Der Gemeind Vorstand habe sich dieser Angelegenheit mit großen, Interesse angenommen, da er erstens stets in großer Verlegenheit gewesen sei, vn wahrloste Kinder unterznbringen, zweitens aber auch die Sache im Interesse der preußischen Judenheit fördern zu müssen glaubte. Tic Arbeiten des D.-J. G.--B. seien außerordentlich dankenswerthe. T r Bund habe sestgestellt, daß über die Zahl der verwahrlosten jüdischen Kinder keine Statistik vorliege, im Ministerium des Innern sei die Mittheilung erfolgt, daß sich in allen Zwangserziehungsanstalt.n Preußens überhaupt keine jüdischen Kinder befinden. Es sei jedeel, mit Sicherheit vorauszusetzen, daß hier eine Aendernng eintreten werde da ja der Kreis der der Fürsorge anheimfallenden Kinder ausgedehnt sei. Prinzipiell seien der Fiskus und die Kommunen verpflichtet, die Kosten der Zwangserziehung zu tragen; für die Gemeinden handele W»«»