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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-15 · Heft 11 (15.3.1901) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
Seite 123 (sequence 5)
Language
German
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Charakteristisch fürdie Entstehungsgeschichte gewisser Zeitungsenten ist die folgende Notiz, die in dieser Woche durch die Blätter ging: Eine Statistik der jüdischen Beamten im preußischen Staatsdienst ist von nichtamtlicher Seite anläßlich der jüngsten Iudendebatten im Landtage in Aussicht genommen. Es soll sestgestellt werden, wie viel Juden in der Justizverwaltung, wie viel in den anderen Ressorts thätig sind, welchen Rang sie bekleiden, wie lange sie im Dienste sind u. s. w. Es kommen neben der Justizverwaltung die Schul-, Eisenbahn-, Bau- und Postverwaltung in Betracht. Die Antisemiten erklärten sogar schon, man werde diese jüdische Statistik aufmerksam nachprüfen müssen. Sie können sich beruhigen. An der ganzen Geschichte ist kein wahres Wort. Ein findiger Reporter hat sich die Nachricht aus unserm letzten Leitartikel gesogen, wo der Wunsch nach einer solchen Statistik ausgesprochen worden war. Das ist alles. Als in Posen bei Gelegenheit einer Versammlung des Eentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens riner der Redner (der sich um die Entwickelung der Stadt Posen unbestrittene Verdienste erworben hat) ans die unentwegt deutsche Gesinnung der Juden himvies, da gerieth die polnische Presse etwas aus dem Häuschen. Das war zwar benso wenig wunderbar, wie die Richtigkeit der qu. Ausführungen anzuzweifeln gewesen wäre, und das Wuthgeheul der niedrigen polnischen Preßmeute kam darum keinem kundigen überraschend. Aber als der „Fall" auf der ganzen Polenlinie ausgenommen und politisch ausgenutzt wurde, da änderte sich schon das Bild, und wir erlebten das Wunder, daß auch die vornehmeren polnischen Organe ihre wahre Gesinnung durchblicken ließen und in eine Tonart verfielen, die ebenso wie die sogenannten sachlichen Ausführungen eine Abfertigung erheischen. Einer unserer Mitarbeiter schreibt uns über dieses seltsame Vorgehen:! Die unanfechtbaren geschichtlichen Wahrheiten, nämlich die auch in lälischeir Zeiten bewährte deutsche Gesinnung der Juden benutzen! i ie Polen zu Drohungen gegen die Juden. Sie sprechen dabei l oa Undankbarkeit und von Millionen, die die Juden an der polnischen Gutmüthigkeit „verdient" Hütten. Alles Gemeinplätze, die uns höchstens ein Lächeln des Bedauerns für ihre Urheber abnöthigen formten. Indessen diese niedrigen antisemitischen, geschichtlich falschen Redensarten wurden dazu benutzt, um den polnischen Antisemitismus j! befürworten. Als Drohung .sollten sie offenbar wirken, damit so ''ivas nicht wieder vorkäme. Nur die Juden einznschüchtern, das war r Zweck. Nun, dagegen möchten wir doch ein Wörtchen einlegen. Die Polen, iAe sonst in der Geschichte des Landes so gut Bescheid wissen, sollten Ibodenken, daß die heutige Haltung der Juden im Osten nur die logische Fortsetzung ihrer früheren Stellungnahme ist, und gerade sie sollten sich hüten, es so hinzustellen, als ob ihnen die Juden politisch iMer national verpflichtet wären. Ihr nationales Phrasengeklingel Mwr immer mit Angriffen ans die Juden durchsetzt, und die Presse, die Meute mit dem Polnischen Antisemitismus droht, hat diesen, »Versteckt zwar, aber darum doch recht gründlich, großgezogen. Immer- Min sei es nochmals gesagt — und Ln der „Allgemeiner; Zeitung des llrdenthnms" wird es in einer Artikelserie geschichtlich begründet werden daß das Judenthum als solches durch nichts mit dem Polenthum verbunden war oder ist. Es ist eine bewußte Fälschung, es anders barzustellen. lediglich zu dem Zweck in die Welt gesetzt, um dem Volke, IRe es im grauen Alterthum beliebt wurde, die Inden als Si'rndenbock v" Präsentiren. Wir haben weder die Pflicht, Sympathien gegen die Polen zu bethätigen. noch die Neigung, ihnen Antipathien zu bezeigen. und wir werden diese Haltung nicht andern, auch wenn noch Pöbelhaftere Angriffe auf die Juden erfolgen. Das wäre sachlich zu bemerken. Sonst aber könnte man das pharisäerische Gebühren der polnischen Presse noch viel eingehender beleuchten. Wo war die „gute Polen- Presse", als ihre niederen Mitläufer die Juden mit Namensnennung denunzirten. polenfeindlich zu sein, weil sie bei kommunalen Wahlen — man denke — einen Juden oder einen Evangelischen gewählt hatten? Wo war diese Presse, als mall die Inden nicht mehr Zid, sondern mit Zidki (Jidchen) bezeichnet? Wer ist am meisten mit dem blödsinnigen Ritualmordmärcheu hausiren gegangen? - Waren es nicht dieselben Organe, die jetzt mit dem polnischen Antisemitismus handeln? Nein, polenfeindlich sind wir nicht. Aber wir kennen die Stellung des durch die Presse vertretenen Polenthnms zn den Juden ganz genau. Und wir wissen, was Maske ist und was wahre Gesinnung .. Rumänien hat nur: doch ein neues und zwar ein liberales Ministerium. Das ist aber seltsamerweise für die dortigen Inden sehr schlimm. Denn ihre ärgsten Feinde sind - die Liberalen. Auch befindet sich in dem neuen Kabinet kein Minister, der nicht schon vorher bei judenfeindlichen Aktionen irgendwie betheiligt gewesen wäre. Unter diesen Umständen gewinnen die Worte aktuelle Bedeutung, mit denen Georg Brandes seiner; schon wiederholt erwähnter; Aufsatz über die Lage der Inden in Rumänien schließt. Sie lauten folgendermaßen: „Die Juden in Rumänien sind arr allen Gliedern gefesselt. Sie haben irn Lande rächt ein einziges Blatt zn ihrer Verfügung; sie wagen es nicht, mit Namensnennung in europäischen Zeitschriften eine Zeile gegen ihre Unterdrücker zu schreiben; sie dürfen Dokumente und Aktenstücke, ja, einfache Briefe nur unter Beobachtung zahlreicher Vorsichtsmaßregeln über die Grenze senden; sie wagen es rächt, den Namen eitles bekannten Ausländers ans das Couvert zn schreiben, und sie beschwören Jeden, an den sie sich wenden, niemals den Namen seiner Gewährsmänner zu nennen. Unter einem solchen Schreckensregiment leben sie. Aber ans zweierlei Art können ihre Stammesgenossen ihnen zu Hilfe kommen. Denn zwei Dinge giebt es, vor denen ihre rumänischen Peiniger zittern. Sie können die glatte Wahrheit über Rumäniens Zustände sagen, ganz unbekümmert um die erlogenen offiziellen Dementis, die natürlich erfolgen werden. Dadurch schassen sie Abhilfe. Denn die Antisemiten Rumäniens wollen die öffentliche Meinung im Rücken haben, und sie leiden darunter, wenn man sie als die Barbaren stempelt, welche sie sind. Sodann kann die jüdische Finanzwelt, die. obgleich ihre Macht übertrieben wird, immerhin eine äußerst bedeutende Macht ist, sich weigern, dem durch eigene Schuld in Grund und Boden zerrütteten rumänischen Staat irgend eine Anleihe vorzustrecken, bevor dieser Staat die Bedingungen erfüllt hat, unter denen allein die Großmächte im Jahre 1^'7^ seine Unabhängigkeit anerkannten. Dadurch schaffen sie Abhilfe. Denn Rumäniens Antisemiten, welche den Juden Geldgier vorwerseu, kennen nur ein einziges Verlangen ans dieser Welt, das Verlangen nach Gold, und können sie dasselbe nur ergattern, indem sie ihre Grundsätze über Bord werfen, so müssen es eben die Grundsätze büßen, und die rumänischen Inden können wieder ansathnren." Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 10 Mürz. überreiche, ans 19 Punkten bestehende Tagesordnung der heutiger; Repräsentanten- Versau; m l rr n g wurde irr schnellem Tempo erledigt. Geschäftlich theilte der Vorsitzende Louis Sachs mit, daß an Stelle des auf längere Zeit beurlaubten Geheinrrath Senator Herr Adolph Mayer einberusen ist. Alsdann verlas er das von; Vorsitzender; des Gemeindevorstandes Jnstizrath Meyer eingegailgeue Schreiben, das wir in; „Gemeiudeboten" irn

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