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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-15 · Heft 11 (15.3.1901) · p. Seite 122

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
Seite 122 (sequence 4)
Language
German
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gegen das Laskersche Austrittsgesetz. Im Februar 1901 protestirten 600 preußische Gemeinden bei dem Reichskanzler, gegen den von dem Justizminister Schönstedt ausgesprochenen Grundsatz der Nichtanstellung jüdischer Beamter. Kurz, die jüdischen Gemeinden Preußens haben zu wiederholten Malen genau die Thätigkeit ausgeübt, die die Hauptaufgabe der zu schaffenden Gesammtorganisatian bilden soll, und niemals, selbst in den Zeiten der schlimmsten Reaktion und offener absolutistischer Bestrebungen nicht, ist es den staatlichen Behörden eingefallen, solche Vertretung der wichtigsten konfessionellen Interessen als unerlaubte Politische Thätigkeit zu betrachten und zu ahnden. Weshalb haben sich nicht im Schoße der Gemeindevertretungen gleiche juristische Bedenken gegen die soeben erwähnten Petitionen geltend gemacht? Wir haben auch nicht gehört, daß die Staatsregiernng oder das Abgeordnetenhaus jene Petitionen der jüdischen Gemeinden als unberechtigte Uebergriffe in das politische Gebiet getadelt oder zurückgewiesen hätten. Und nun sollte es auf einmal strafbar sein, wenn jene Vertretung nicht einmal von den Gemeinden und Verbänden selbst, sondern von einem durch sie bestellten Ausschuß geübt wird? Wir können von einem anderen Gebiete ähnliche Fülle anführen. In allerjüngster Zeit haben zahlreiche städtische Bertretungskörperschaften gegen die Erhöhung der Lebensmittelzölle Verwahrung eingelegt und Petitionen beschlossen. Das ist doch eine eminent politische Angelegenheit, die auch gar nicht die Städter im Besondern, sondern die gesammle Bevölkerung des Reiches betrifft. Und trotzdem denken die Regierungen gar nicht daran, jene städtischen Körperschaften aufzulösen, durch staatliche Kommissionen zu ersetzen. Die Besorgniß einer durch angebliche Kompeteiizüberschreitung herbeigefuhrteu Gefahr ist also in unserem Falle absolut unbegründet; wie schon erwähnt, kann sie durch ausdrückliche Verpönung eigentlich politischer Angelegenheiten in dem aufzustellenden Organisationsstatut völlig beseitigt worden. Seien wir doch nicht päpstlicher als der Papst, nicht staatlich frommer, als die Staatsbehörden selber es fordern. Wagen wir doch endlich, uns von der ängstlichen Vormundschaft, in die wir uns bisher begeben hatten, zu befreien und mit dein Muthe deutscher Männer, vollberechtigter deutscher Staatsbürger an das volle Licht der Oeffentlichkeit zu treten! Den guten „Freunden" aber, die bisher nicht verhindern konnten oder nicht verhindern wollten, daß wir deutsche Juden irr die Lage von Parias, von Bürgern zweiter Klasse versetzt worden sind, danken nur höflichst für ihre Rathschläge, indem wir ihnen sagen: Gestattet uns, unsere Angelegenheiten selber zu ordnen, wie wir es verstehen; denn schlimmer, als es uns bisher unter eurer Assistenz gegangen ist, kann es keinenfalls kommen! Air Woche Berlin, 17. März. ((L^^ie „Kölnische Zeitung" bringt als Ergänzung zu ihrem oben besprochenen Artikel über den Judentag in dieser Woche folgenden Artikel „von jüdischer Seite". „Die AussL'ihruiigen in Nummer 176 Ihres geschätzten Blattes über Jndentage sind vollkommen zutreffend, und nichts könnte den i Inden mehr schaden, als wenn sie mit ihren Angelegenheiten gerade I in jetziger Zeit die breite Oeffentlichkeit betreten wollten. Dies lehrt die bekannte Interpellation Hänel Anfangs der achtziger Jahre und jetzt wiederum die Peltasohn'sche Ansrage. Die jetzige ungünstige Zeitströlnung sür die Juden ist weiter nichts als eine kräftige Reaktion ans die etwas stark von ihnen ausgenutzte, ihnen günstige liberale Gesetzgebung der sechziger und siebziger Jahre. Gegen diese Reaktion sich anznstemmen, ist vergebliches Bemühen und taktisch klüger wäre es. dieselbe durch ruhiges Verhalten im Sande verlaufen zu lassen. Mit dem 8 12 der Verfassung in der Hand wollen die Wasserstiefler freisinniger Observanz den ungleichen Kampf mit einer Zeitströmung aufnehmen. deren tiefere Ursachen sie selbst mitverschuldet haben. Und gerade heraus sei es gesagt, daß es die jüdischen Parlamentarier, die Lasker, Baniberger u. s. w. und ferner die jüdischen Preßleiter waren, welche die heutigen Zustände heransbeschworen haben, indem sie die Negierung durch ihre maßlose Opposition zwangen, sich ihrer zu erwehren. Und die Negierung that es, indem sie den eben entstehenden Antisemitismus gewähren ließ. Man erinnere sich nur jener Reichstagssitznng, in welcher Bismarck ein Todtengericht über den vom ganzen Judenthum verhimmelten Lasker hielt. Das Judenthnm sollte, trotz Verfassungsparagraphen und zeitweiliger liberaler Gesetzgebung, niemals das psychologische Verhältuiß der Nationen untereinander außer Acht zu lassen. Es sollte daher niemals vergesse»!, daß es einen Fremdkörper in dem Rumpfe der deutschen Nation bildet, und daß jeder Körper zeitweilig das Bedürfniß hat, auf die in ihn eingedrungeneu Fremdkörper für diese in unangenehmer Weife zu reagiren. Aebnliches beweist die Geschichte des Jndentl)M»»s zu allen Zeiten und weiter bedeutet die jetzige Zeitströmung auch nichts. Nach dieser bricht, den» Naturgesetz entsprechend, auch »nieder eine bessere an, und um diese baldigst herbeizusühren. sollte»» ans sogenannten Jndentagen die Gegner durch rechthaberische Rede»» nicht »»och mehr gereizt werden. Mau sollte stets bedenken, daß im politische»» Leben nicht immer nach dem nackter» Recht entschieden wird; in solch »dealen Zeiten leben »vir »»och nicht. „Vorn Rechte, das mit uns geboren, von dem ist leider nie die Frage" heißts in» Faust." Wenn sich die in dieser Zuschrift ausgesprochene»» Anschauungen auch nicht in allen Punkten mit de»» unsrigen decken, so glaubten »vir doch, einer so bemerkenswerthen Aeußerung eines Israeliten Nauru geben zu sollen." Boshafte Menschen würden sagen: Auch diesen Artikel kann nur ein Mitglied des Kölner Gemeindevorstaudes geschrieben haben, mit dessen bekannter Resolution der erste Theil des Artikels übereinstimmt. Allein der zweite Theil desselben ist so antisemitisch, daß selbst der Boshafteste nicht ernstlich wird behaupten können, diese Aeußerungen über die „Fremdkörper" und dergleichen habe wirklich ein Jude geschrieben. Nein, das erscheint uns in der That unmöglich und ist selbst der guten „Kölnischen Zeitung" etwas zu viel, wie man aus der Schlußbemerknng ersehe»» kann. Eine für jüdische Gemeinde»» »nichtige Entscheidung hat die Steuerbehörde in Posen in dieser Woche hinsichtlich der Legate getroffen, nämlich diese: Legate an jüdische Gemeinden sind ebenso befreit von der Erbschaftssteuer »vie Legate an katholische und evangelische Kirchen, da die jüdischen Geineinden zu den deutschen Religionsgemeinschaften gezählt werden, die der Erbschaftssteuer bei Legaten nicht unterworfen sind. — Die Entscheidung hat, »vie man »ms a»»s Posen schreibt, die folgende Vorgeschichte: Eine jüdische reiche Wittwe in Posen vermachte vor einige»» Monaten der Posener und einet kleineren Gemeinde in der Provinz größere Legate. Die Posener Gemeinde zahlte ohne weiteres die berechnete Erbschaftssteuer, die andere Gemeinde sträubte sich dagegen. Der Sohn der Verstorbenen, Landgerichtsrath, hielt bei der Auszahlung des Legats für de»» event. Fall den Stenerbetrag zu seiner eigenen Sicherheit zurück. Beweis, daß selbst ein Jurist über die Auslegung des betreffenden Gesetzparagraphen nicht sicher war. Die Gemeinde beschritt den Rechtsweg, und es erfolgte die Entscheidung, daß eine Steuer nicht zu zahlen sei. Selbstverständlich beansprucht jetzt die Posener Gemeinde die Rückzahlung der mit Unrecht gezahlten Steuer.

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