Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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die allgemeine Theilnahme finde, damit derselbe in die Lage kommen kann, auch den Kreis seilles gedeihlichen Wirkens immer mehr zu erweitern. Der Vorstand des Vereins besteht aus folgenden Herren und Damen- I. Weinberg, Vorsitzender; Fanny Arndt, stellv. Vors.; Martin Fernbach, Schriftführer; Sophie Graetz, stellv. Schriftf.; H. Benjamin, Neubaut; Emma Eloesser, stellv. Nend.; Sophie Alterthum, Flora Baumaun. Valeska Bodlaender. Henriette Feldmann. Johanna Hirschlaff, Luise Jakobh. Marie Jasfü, Clara Jordan, Anna Karpeles, Clementine Kayser, Henriette Lehfeld, Necha Lewh. Toni Lichtenstein. Henriette May. Martha Neumann, Bianca Schauer, Emma Stern, Bertha Strauß, Elise Weiße, Doris Wiener. 1. Berlin, 4. März. Am 27. v. M. veranstaltete der Verein „Kinderhort" im neuen königlichen Operntheater (Kroll) ein Wohlthätigkeitskonzert. Mehrere Künstler stellten ihre Kräfte in den Dienst der guten Sache. Ein schwungvoller Prolog, verfaßt nnd vorgetragen voll Frau Jda Oppenheim, leitete das Konzert ein. Alsdann sang der Chor der neuen Synagoge, verstärkt durch Mitglieder anderer Shnagogenchöre, unter Leitung seines bewährten Dirigenten, des Kapellmeisters Albert Kellermann, den Psalm 84: „Wie lieblich sind deine Wohnungen Herr Zebaoth" von Lewandowski. Dieser Psalm ist der Sammlung der „achtzehn lithurgischen Psalmen" für Soli und Chor mit Begleitung der Orgel entnommen. Bekanntlich hat Lewandowski diese Psalmen, die er dem König von Bayern, Ludwig II. widmete, im Aufträge der Gemeinden München und Nürnberg tomponirt. Leider sind diese Psalmen, die als wahre Perlen in der Mnsiklitteratur angesehen werden, gerade in Berlin, wo der Komponist lebte, wellig bekannt, und ist es daher als ein Verdienst des Herrn KellermallN anzusehen, wenn er unser Publikum mit diesen Schöpfungen seines großen Vorgängers vertrant macht. Mit der Aufführung des Psalms 84 machte Herr Kellermann einen guten Anfang und zeigte sich als ein feinfühlender Musiker. Das Solo „Heil ihnen, die in deinem Hause weilen" sang mit gebildeter Stimme und religiöser Empfindung die Konzertsängerin Fräulein Fanny Opfer, Mitglied des Chores der neuen Synagoge. Das zahlreich versammelte Publikum nahm die Komposition mit großem Beifall auf. Nun folgten viele Vorträge der Damen, Geigenvirtuosin Fräulein Baginski, Frau Liban-Globig, Fräulein Lilli Schwende, Fräulein Heymann und des königlichen Hofopernsängers Herrn Julius Liban. Zum Schluß sang der Chor künstlerisch und abgerundet die „Loreley" von Mendelssohn unter Leitung des Kapellmeisters Kellermann. Auch hier übernahm die Solopartie Fräulein Opser und führte diese vortrefflich ans. So bot das Konzert einen wahren musikalischen Genuß. Hoffentlich wird auch der materielle Erfolg ein günstiger sein. ^2 Berlin, 3. März. Eine Anklage wegen Aufreizung, die gestern vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts! zur Verhandlung allstand, richtete sich gegen den Redakteur der „Staatsb.-Ztg." Johannes Böckler und den Dresch-Grafen Walter Pückler Kl.- Tschiru e. Es handelte sich um den Bericht über eine Rede, die Graf Pnckler am 14. Dezember v. I. in einer Versammlung der antisemitischen Neformpartei in den Concordiasälen gehalten hat. Der Vertheidiger des Angeklagten Böckler machte geltend, daß der Angeklagte von dem Bericht erst nach seiner Drucklegung Kenntniß erhalten habe. Er beantragte ferner die Verlesung früher ergangener Urtheile, wodurch Graf Pückler wegen ähnlicher und noch stärkerer Ausdrücke, wie hier in Frage kommen, freigesprochen worden sei, und die Vernehmung von Zeugen darüber, daß die „Staatsb.-Ztg." die Jndensrage nur ans gesetzlichem Wege lösen wolle und Gewaltakte gegen die Juden verschmähe. Der Staatsanwalt Lantzow hielt diese Beweise für unerheblich lind beantragte. jedenfalls gegen den Grafen Pückler zu verhandeln, um das weitere Halten solcher Reden unmöglich zu machen. Der Gerichtshof hielt die Erhebung der angebotenen Beweise für noth wendig und vertagte deshalb die Verhandlung. Dagegen meldet ein Bericht ans Leipzig: Vor dem zweiten Strafsenat des Reichsgerichts fand heute früh die Nevisionsverhandlung in einem der Prozesse gegen den Grasen Pnckler statt. Die Revision war voll der Staatsanwaltschaft gegen das freisprechende Urtheil des Berliner- Landgerichts vom 26. Oktober v. I. eingelegt. Der Neichsanwalt beantragte die Verwerfung der Revision. Das Reichsgericht erkannte ans Verwerfung der Nevisio n der Staatsanwaltschaft nnd Bestätigung des sreisprechenden Urtheils des Berliner Landgerichts. 88 Potsdam, 5. März. Unsere Stadtverordnetenversammlung hat auf Antrag des antisemitischen Stadtverordneten Froetich beschlossen, eine Tafel mit der Aufschrift „Geschachtetes Fleisch" für alles auf dem städtischen Schlachthofe rituell geschlachtete Fleisch, gleichviel ob es der Freibank überwiesen wird oder nicht, anbringen zu lassen. Derselbe Stadtverordnete fragte bei Berathung des Gemeindeschuletats all, aus (welchem Grunde sich der jüdische Lehrer S. habe taufen lassen, und behauptete, daß derselbe dies aus geschäftlichen Gründen gethan habe, weshalb er durchaus ungeeignet sei, christlichen Religionsunterricht zu ertheilen. Stadtrath Dr. Over erklärte, darüber habe der betreffende Rektor zu bestimmen, der mit der Zulassung des Herrn S. zum Religions- und deutschen Geschichtsunterricht erkennen lasse, daß er mit dessen Leistungen zufrieden sei. Daraus wurden lebhafte Protestrufe laut, und schließlich wurde die Sache in geheimer Sitzung berathen. In einer Stadt, die den stark antisemitisch abfärbenden Tischlermeister Pauli in den Reichstag schickt, und von dem Kollegen dieses Herrn, der auch Stadtverordneter ist, kann dergleichen freilich nicht Wunder nehmen. s. Könitz, 5. März. Eine Falschmeldung zum Lewy- Prozeß enthalten antisemitische Zeitungen, so die „Deutsche Tageszeitung" und die „Deutsch-sozialen Blätter" des Herrn Liebermann v. Sonnenberg. Sie schreibell übereinstimmend, die Geschworenen hätten die zweite Frage, ob Moritz Lewy infolge der Wahrh e i tsb ek n n d u n g strafrechtliche Verfolgung befürchten könnte, bejaht und knüpfen daran Aenßerungen, nach denen die Geschworenen überzeugt gewesen sind, Lewy sei an einem Verbrechen betheiligt gewesen. Diese Darstellung ist falsch. Die Geschworenen haben vielmehr die zweite Frage verneint und damit ausgesprochen, Lewy hätte keinen Grund gehabt, den nach Ansicht der Geschworenen vorhandenen Meineid zu leisten. Auch die in den Worten: zur Zeit sei genügendes Material gegen die Lewys nicht vorhandeil liegende rednerische Entgleisung des Ersten Staatsanwalts benutzen die Antisemiten zu ihrer Agitation. Inzwischen hat aber der Erste Staatsanwalt auf Befragen der Verteidigung amtlich erklärt, er habe keine Veranlassung, die Entfernung der Lewys ans Könitz zu verhindern. Kolberg, 1. März. Der sechsnndzwanzigste Jahresbericht über die Verwaltung des jüdischen Knrhvspitals snr 1900 schließt sich seinen Vorgängern ebenbürtig all. Am 28. Mai wurde die Allstalt eröffnet und am 28. September geschlossen, so das; dieselbe 124 Tage in Betrieb war. Wegen Aufnahme in die Anstalt waren 777 Personen vorstellig geworden, nnd 374 Personell wurde nach sorgfältiger und eingehender Prüfung die Aufnahme genehmigt. Aber nur 333 Personen traten wirklich in die Anstalt ein. Von den 333 Pfleglingen der Anstalt waren 223 aus Berlin, 35 ans der Provinz Posen, 25 ans Pommern, 16 aus Schlesien, 9 aus Westprenßen, 8 ans Brandenburg. 7 ans dem Königreich Sachsen. 6 ans Ostpreußen, 2 ans der Provinz Sachsen lind je 1 aus der Provinz Schleswig-Holstein und der freien Reichsstadt Hamburg. Dem männlichen Geschlechts gehörten 187, dem weiblichen 196 Personen an. Zn den Erwachsenen zählten 175, zu den Kindern 158 Pfleglinge. Auf die vier Betriebsmonate vertheilten sich dieselben derart, daß 98 im Juni, 100 im Juli, 80 im August und 55 im September verpflegt wurden. Die Einnahmen betrugen Mark 37 149,64, die Ausgaben Mark 34 842,83. Hiernach schließen die Reineinnahmen des Jahres (nach Abzug des Kassenbestandes lind der außerordentlichen Einnahmen) mit Mark 33 442,79 nnd die Neinausgaben mit Mark 20169.45. Die Einnahmen haben noch niemals eine solche Höhe für die laufenden Verwaltungs zwecke erreicht als im Berichtsjahre. Diesen Aufschwung verdankt das Hospital ganz besonders der rührigen Mitarbeit einer unter dem Vorsitze unseres Kurators Herrn Joseph Heymann zum Zwecke der Propaganda zusammengetretenen Finanzkommission in Berlin sowie eines zu demselben Zwecke unter dem Vorsitze des Herrn Bankdireklors R. Hamburger znsammengetretenen Komitees in Posen. Zn den Einnahmen. die eine stattliche Höhe erreicht haben, gehören zunächst die lausenden Jahresbeiträge, welche von 925 Mitgliedern mit einer Beitragshöhe von Mark 8229 Mark im Vorjahre bis aus 1287 Mitgliedern mit einer Beitragshöbe von Mark 15 812 im Berichtsjahre hinaufgegangen sind. Die Zahl der Mitglieder ist mithin um 362, die der Beitragshöhe um Mark 7584 gewachsen. Der Vorstand besteht ans den Herren: H. Bernhardt, Vorsitzender, Rabbiner Dr. S. Goldschmidt, Schriftführer. M. Friedlaender, G. Paechter, Stadtraih Paul