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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-08 · Heft 10 (8.3.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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65. Jahrgang. Nr. 10. iöertin. 8. Mar^ 1901. Werkage zur „Mkgemeinen Zeitung des IuöentHums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 28. Februar. Vor einen! sehr zahlreichen Auditorium sprach in der ordentlichen Mitgliederversammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs über „Die jüngsten Iudendebatten im Abgeordnetenhauses In überaus klaren und sachlichen Ausführungen besprach der Redner die Frage der Anstellung der jüdischen Notare und die Vorgänge in Könitz, welche beide eine tiefgehende Erregung ivachgernfen haben. An der Hand der Verfassungsparagraphen beleuchtete er das Uugesetzmäßige des ministeriellen Vorgehens in der ersten Angelegenheit, er wies darauf hin, daß schutzberechtigt nur die Gescnurntinteressen des Volkes seien, welche in der Verfassung! ihren gesetzgeberischen Ausdruck gefunden haben, und daß der Staat j nur insoweit christlich sei, als die Einrichtungen mit der Neligions- > ausübung im Zusammenhänge stehen. Die Verwaltung habe nur j das Recht, auf die örtlichen Verhältnisse innerhalb des Rahmens! der Verfassung Rücksicht zu nehmen, das könne nicht dazn führen, daß Jemand seiner Religion wegen auf Jahre hinaus distanzirt werde. Nachdem der Redner noch das niederziehende Verhalten der einzelnen Parteien in dieser Debatte, besonders der Nationalliberalen mit ihren zwischen Nationalität und Liberalismus pendelnden Seelen in scharfen Worten gezeichnet, geht er zur Besprechung der Konitzer Affäre über, in welcher die Pfade der Wahrheitsfindung in solcher Weise durchkreuzt worden seien, daß man dem Minister zurufen mochte, er solle zusehen, daß die Republik keinen Schaden erleide. Der innere Zusammenhang beider Angelegenheiten sei der Terrorismus der antisemitischen Agitation, unter der das Vaterland leide, weil die Ver-! fassung dadurch ins Wanken komme. Wahrheit und Gerechtigkeit werden sich nicht unterdrücken lassen, auf die Dauer können sich nicht Staat und Verwaltung den berechtigten Klagen der Juden entziehen. Folgende vom Referenten vorgeschlagene Resolution wurde alsdann einstimmig angenommen: „Die im Saale der Gesellschaft der Freunde versammelten jüdischen Bürger Berlins legen Verwahrung ein gegen die aus den Reden des preußischen Justizministers vom 81. Januar, 8. und 9. Februar 1901 ersichtlichen Verwaltungsgrundsätze, welche mit aller Deutlichkeit ergeben, daß unsere Glaubensgenossen wegen ihrer Religion die Gleichberechtigung im preußischen Staatsdienst nicht genießen. Die Versammlung spricht die Erwartung ans, der Herr Reichskanzler und Ministerpräsident werde nicht dulden, daß die durch Neichsgesetz und Verfassung gewährleisteten Rechte den Inden ihrer Religion wegen verkümmert werden." Der Vereinsvorsitzende Rechtsanwalt Dr. Hör Witz bezeichnet als das Bedauerlichste in diesen Angelegenheiten, daß der Umfang der Bevölkerungsklasse, welche in diese Ideen hineingezogen, ein so gewaltiger geworden sei, daß der oberste Hüter des Rechtes, der Justizminister, sich habe irritiren lassen von dieser Bewegung, und daß der alleroberste Hüter, das Parlament, vollkommen versagt habe, wo es sich um das gehandelt habe, wodurch es selbst erst entstanden sei. Nachdem er noch dem Wunsche Ansdruck gegeben, des Verhaltens der Nationalliberalen bei der nächsten Wahl eingedenk zu sein, giebt er einen kurzen Jahresbericht. Der Verein zählt jetzt mehr als 1000 Einzelmitglieder und 77 korporative Mitglieder, so daß er bereits 100 000 deutsche Juden repräsentirt. Au Stelle des Kaufmanns Nosenthal ist Rechtsanwalt Sonnenfeld iu den Vereinsvorstand gewählt worden. Der Vermögensstand des Vereins ist infolge der großen an ihn gestellten Anforderungen kein so guter wie im Vorjahre, doch ist der Reservefonds unangetastet geblieben. Die Thätigkeit des Vereins war eine sehr umfangreiche auf allen möglichen Gebieten; die Berliner Staatsanwaltschaft ist bereits dahin gelangt, ohne Ansuchen von amtswegeu einznschreiten, selbst wenn es sich nur um Juden handelt. Der Vorsitzende schließt den Bericht mit der Bitte an die Mitglieder, den Verein in kräftiger Weise zu stützen und dahin zu wirken, das; er bald alle Inden des deutschen Reiches umfassen könne. Der dritte Punkt der Tagesordnung, die Neuwahlen, fand eine schnelle Erledigung durch die cckklimative Wiederwahl des Vorstandes. T/D Berlin, 3. März. Am 27. v. M. hielt Herr Dr. M. I o s e P h seinen zweiten Vortrag über die Sitteulehre des Jlldenthnins im Verein sür jüdische Geschichte nnd Litteratur. Der erste Vortrag galt der kulturhistorischen Bedeutung, der zweite den Prinzipien der jüdischen Sittenlehre. Ihr oberstes Prinzip liegt iu der Selbstheiligung. die durch sittliche Vervollkommnung erreicht wird. Genauer bestimmt wird es durch die Gottesliebe, die nicht nur mit der Liebe zum Guten zusammenfüllt, sondern auch das höchste ethische Motiv bildet, ans dem alle Forderungen der Moral abgeleitet werden können. Die wichtigste Folgerung ans der Gottesliebe ist die Nächstenliebe, deren centrale Stellung in der jüdischen Sittenlehre viele Anssprüche der Schriftgelehrten beweisen. Der Vortragende trat mit Entschiedenheit der unhistorischen Auffassung entgegen, als ob das Gebot der Nächstenliebe eine neue Offenbarung des Christen thnms sei und suchte gleichzeitig die Entstehung dieses Vorurtheils zu beleuchten. Ebenso suchte er durch den Hinweis auf die Fremdennud Feiudesliebe die universelle Geltung dieses Gebotes als über alle Zweifel erhaben darzuthnn. Auch dieser zweite Vortrag erfreute sich lebhaften Beifalles. — Aus den auswärtigen Vereinen wird uns gemeldet: In Memel sprach Dr. E. Tu ch über „Die Juden in der Landwirthschast" sam selben Abend fand auch eine Feier zu Ehren des Begründers des Vereins Dr. Rülf statt), ferner Herr Leo Schein ha ns über „Die Geschichte der russischen Inden im 19. Jahrhundert"; in Tilsit Rabbiner Dr. Vogelstein-Königsberg über „Drei Neligionsdisputatiouen im Mittelalter"; in Stettin Rabbiner Finkel-Pasewalk über „Die Kultur und Litteratur der Juden in Galizien im vorigen Jahrhundert"; in N ake l Professor Dr. M. Löh r- Breslau über „Die Religion des Geistes Moses"; in Lissa Rabbiner Dr. R o se n th a l-Stargard „lieber Kaliri, Piudar und Edda"; in Breslau Dr. Hör owitz über „Das Buch der Frommen"; in Schwedt a. O. Rabbiner Dr. Finkel- Pasewalk über „Die Berliner Aufklärung und das galizische Ghetto"; in Hamburg Rabbiner Dr. Grnnwa l d über „Berthold Auerbach und das Iudenthum"; in Hildes heim Rabbiner Dr. Rosenthal- Stargard über „Psalmen und Weltliteratur", Referendar Gronemann-Hannover über „Die Inden in „Soll und Haben" und „Ut mine Stromtid""; in Cöthen Dr. Selig ko Witz über „Die Inden in China nach Missionsberichten" und über „Die Psychologie des Vorurtheils", Rechtsanwalt C oh n-Dessau über „Das Recht der Frau"; in Leipzig Rabbiner Dr. S a lfel d-Mainz über „Die Welt und das Haus der deutschen Juden im Mittelalter"; in Eisenach Rabbiner Dr. Jacob-Göttingen über „Bibelübersetzungen"; irr Dortmund Kantor Zivi-Elberfeld über „Ursprung und Entwickelung der jüdischen Musik"; in Bonn Lehrer Baum über „Sabbathai Zevi"; Dr. S im ch owitz-Köln über „Zangwills Ghetto - Novellen"; H. Wolfgang Auerbach-Frankfurt a. M. über „Don Josef Nassi" und Herr Schauspieler Auerbach-Frankfurt a. M. „Rezitationen von Gedichten Jelmda Haleois"; in Frankfurt a. M. Professor Dr. M. PH il i p p so n - Berlin über „Den großen Kurfürsten und die Juden", Rabbiner Dr. Lo ew e nst ei n-Mosbach über „Joselmann von Nosheim"; iu Nürnberg Rechtsanwalt Maienthau über „Das Recht der Juden nach den fränkischen Judenordnnngen". Ein neuer Verein ist in Meiningen entstanden und einer wird demnächst in Nordhauseu begründet werden. T/D Berlin, 2. März. Der Israelitische Fra u en - Unterstützungs-Verein hat am 28. v. M. seine ordentliche Generalversammlung abgehalten. Aus dem Kassenbericht für 1900 geht hervor, daß der Verein auch in diesem Jahre Erfreuliches geleistet hat. Die Einnahmen betrugen 11415 Mark, die Ausgaben 10 602 Mark, Reservefonds 16 000 Mark. Es ist dringend zu wünschen, daß dieser größte aller hiesigen jüdischen Frauenvereine in immer erhöhtem Maße

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