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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-08 · Heft 10 (8.3.1901) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
Seite 120 (sequence 14)
Language
German
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120 Das Navvrnev-Kied Von Herma nil Moses.*) ich nur auf meinen Reisen Einen Glaubensbruder traf — , ' War sogleich die erste Frage: „Nun, was macht denn euer Naw?" „Seid ihr noch mit ihm zufrieden?" „Macht er es noch Jedem recht?" „Hält er es noch mit dem alten „Und dem jüngeren Geschlecht?" Und die Antwort? Ja, die lalltet: Raw zu sein, ist nicht so leicht. Wie es Mancher, der's nicht besser Weiß, wohl glauben mag vielleicht. Schwärmt der Eine sür 'ne Orgel Ist dem Andern sie ein Graus, Diesenl währt die „Schul'" zu lange. Jenem geht zu früh sie aus! Will der „Lamden" eine Predigt Geistvoll und recht tief gelehrt, Halt dagegen ein „Amhorez" Das für ganz und gar verkehrt! Der will eine Predigt haben Leicht verständlich, populär, So daß sie sür sein bescheidenes Verständniß nicht zu schwer! Mel.: „Der Hauptmann mit dem Schnurrbart/ Hält den Naw mail für neu ,.Kozen", — Ach, ein Naw wird's nicht so schnell —, Sagt man: „Ja, er ist ein „Chochem" — Doch gesinnt materiell," — Giebt er weg den letzten Pfennig, Den er kaum entbehren kann — Heißt's: „Der Naw, der ist ein „Schnorrer" — Aber sonst — ein braver Mann!" Ist der Naw beliebt, verehret Voll der ganzen Haute volöe, „Nuddelt" ganz gewiß die „Kitte", „Ja. er schallt nur in die Höh'!" Ist volksthümlich er dagegen. Steigt herab zum Volk, im Ort Wird er wiederum verurtheilt: „Unser Naw, der wirft sich fort!" Bei 'ner „Chaßne", wo die Braut zwar Geld hat, doch dabei ist „mies" — Muß der arme Raw noch schildern Dieser Ehe Paradies! Und wenn Einer hillgeschieden, Der noch nie was Gutes schuf. Muß der Naw ihn dennoch rühmen! Denn so will es sein Beruf! Motto: „Singst du dies Lied, siehst bald du ein. Es ist nicht leicht, Rabbiner sein!" Ist der Raw für's Reformiren, Liebt den Orgelklang er gar — Hat er gegen sich die ganze „Orthodox" gesinnte Schaar! Steht dagegen er zum Alten Und hält Neuerungen fern: — Schreien gleich die „Liberalen"! „Unser Raw ist unmodern!" I! Ist der Raw ein „Talnmd-Chocharn", Giebt dem Studium sich hin — Finden Leute sich, die sagen:! „Ach, für „Kahl" hat er kein' Sinn!" Hält dagegen er zu leben Mit dem Volk für seine Pflicht — Meinen wiederum die Nörgler: „Für 'nen Naw schickt das sich nicht!"! Hat Natur mit ihren Gaben Au des Raws Figur gespart — Seufzen sicherlich die Damen: i „Ach, seill Anblick ist uns hart!" Doch besitzet tadellosen Wuchs, Adonis gleich, der Mann —; Heißt's: „Was soll sein schönes „Ponim"!" „Sag' mir lieber, was er kann!" Wenn ein Naiv null überwunden Hat die Schwierigkeiten all, Wenn er ihrer Herr geworden. Sie besiegte allzumal, Wenn er fünfundzwanzig Jahre Als ihr Meister sich gezeigt: Dann verdient solch eine Leistung, Daß bewundernd man sich neigt! So bewundern und so schätzen Wir den lieben Jubilar. Und so bringen uns're Wünsche Wir ihm mit den Worten dar: Bleibe uns, was Du gewesen Füllfundzwanzig Jahre noch! Daraus laß't die Gläser klingen! Hoch der Jubilar! Hoch! Hoch! Mtcrarische Mittheilungen. Die „Miltheilungen der Vorderasiatischen Gesellschaft" bringen einen auch für unsere Kreise sehr werthvollen Beitrag: „Nelle phönizische und iberische Inschriften aus Sardinien von Freiherr Dr. Wilhelm von Landau (Berlin 1901. W. Perser). Der verdienstvolle Gelehrte, dessen Beiträge zur Alterthumsknnde des Orients in wissenschaftlichen Kreisen allgemeine Anerkennung gefunden, hat diese Schriften ans einer vorjährigen Reise im Museum zu Cagliari entdeckt. Sie stammen ans Nora, einem Orte der Südwestspitze Sardiniens, wo eine alte phönizische Kolonie existirt haben muß. Das Wesentliche all diesen Funden ist der Umstand, daß Grabsteine in altiberischer Schrift null auch in Sardinien entdeckt worden sind, während sie bisher nur im spanischen Mntterlande gefunden wurden. Da die Buchstaben der phönizischen Schrift einem beständigen Wechsel unterworfen sind, verwendet Ulan in der wissenschaftlichen Welt allgemein die hebräische Ouadratschrift als Verkehrsschrift. Dadurch ist der Jrrthunl entstanden, der in verschiedenen Besprechungen dieser Arbeit wiederkehrt, daß die Inschriften ln hebräischer Ouadratschrift in die Steine gemeißelt seien. Die Arbeit des Herrn von Landau wird sicher in Fachkreisen allgemeines Interesse erregen. — In einer soeben erschienenen lesenswerten Schrift, die schon viel Staub aufgewirbelt hat: „Vogelfrei! Ein Blick ans das erste Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts" (Brandenburg 1901, M. Evenins) unterzieht Rabbiner Dr. Ackermann die antisemitischen Vorgänge der Jahrhundertwende einer kritischen Betrachtung. Ausgehend von dem Fall Drehfus, in welchen: das Jndenthnm als solches schuldlos am Pranger gestanden habe, und voll dem Polnaer Prozeß, der bewiesen habe, daß das Jndenthnm nicht einmal an den geheiligten Stätten der Justiz vor ungerechter Antastung sicher sei. kommt der Autor auf die Konitzer Sache zu sprechen, deren einzelne Stadien er kritisch beleuchtet. Zwei Punkte hebt er besonders hervor: die Durchsuchung der Synagoge nach Spuren eines religiösen Mordes und die an Gerichtsstelle gepflogene Diskussion über den Schächtschnitt. Erstere empfand der Alltor als Gotteslästerung. Er wirst die Frage auf, ob wohl auf eine solch vage Verdächtigung hin, wie sie der Konitzer Syuagogendurchsuchnng zu Grunde lag, die Behörden gegebenenfalls auch zur Durchsuchung einer Kirche schreiten würden. Verfasser glaubt es verneinen zu müssen und schließt daraus, daß die Heiligthümer der Inden nicht den ihnen gebührenden Schutz genießen. Durch die Diskussion über den Schächtschnitt aber werde das Judenthmn offiziell als eine Schule des Verbrechens hingestellt. Der Autor fordert energisch, daß der ans Lüge basirte antisemitische Terrorismus in seiner ganzen Verderblichkeit erkannt und seine Helden entsprechend behandelt werden. Vorläufig aber sei das Jlldenthum vogelfrei! Mit einer interessanten Parallele, der er die Vorgänge in China zu Grunde legt, schließt der Verfasser seine höchst beachtenswerthell Ausführungen, deren Einzelheiten gewiß in weiten Kreisen lebhaftes Interesse erregen werden. I Zur Jubelfeier des Herrn Rabb. Dr. Frank in Köln hat unser verehrter Mitarbeiter Hermann Moses das obige humoristische Gedicht mit dem Titel „Ein schwieriges Amt" versaßt, das sicher auch in weiteren Kreisen beifällig ausgenommen werden wird. Die Red. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich sür die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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