Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- Seite 119 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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IIS „Fahrt nur fvrt. Ich gehe »licht nach Rechwvg. Vater, Du kannst Heva ohne mich verloben. Ich zeichne später den Kontrakt. Kronele ist zu krank, als daß ich sie verlassen könnte." „Geh' nur!" sagte der Vater; „Du kennst ja die Ursache ihres Uebels. Und dann sind wir am Abend wieder zurück." „Ich sage Dir aber, daß ich hier bei meinem kranken Kinde bleibe." Und sie kehrte in die Kammer zurück und tauschte ihr seidenes gegen ein wollenes Kleid. Unterdeß fuhr der Wagen auf Hevas Drängen davon. Kaum waren sie fort, so trat die Mutter aus der Kammer und blieb sprachlos vor ihrer Tochter stehen. Kronele, vbschon irr Fieberhitze, warf einen forschenden Blick auf sie, und ihre Hand ergreifend, sagte sie mit tiefer und schwacher Stimme: „Mutter schelten Sie mich nicht, ich bin sehr krank." Da fiel die Mutter auf ihre Knie vor dem Kanapee, und indem sie ei-nen glühenden Knß aus die Stirn ihrer Tochter drückte, erwiderte sie: „Ja. Du bist krank, mein Kind, aber Deine Mutter wird Dich heilen. Laß mich nur einen Gang gehen. In einer Stunde bin ich wieder bei Dir. Versprich mir, daß Du es nicht versuchst, aufzustehen." Kronele ergriff die Hand ihrer Mutter und drückte sie an ihre brennenden Lippen. Frau Reich erhob sich rasch und eilte nach Bischweiler, das eine gute Stunde vom Dorfe entfernt liegt. Sie ging zum Arzte, dem sie kurzweg die Frage stellte: „Herr Doktor stirbt man aus Liebe?" »Ist Ihre Tochter verliebt?" fragte Dieser. „Das ganze Elsaß weiß es, der Arzt ausgenommen!" „Frau Reich," versetzte Dieser, „man stirbt gerade nicht ans Liebe, aber an einer Schwindsucht. Ihre Tochter leidet daran, und wenn sich das Fieber dazu gesellt, so wird die Krankheit schnell gefährlich." „Und wem» ich ihr den gebe, den sie liebt?" „Freilich wäre dies zunächst die beste Arznei." „Danke, Herr Doktor," erwiderte Frau Reich und verließ ihn. Sie brauchte keine halbe Stunde, um ins Dorf zurückzukehren. Als sie in die Stube trat, fand sie Kronele fieberfrei aber todtenblaß. „Kronele, mein Herz," sagte sie, „wie ist Dir?" Kronele, die nicht an diese»» zärtlichen Ton gewöhnt war, betrachtete ihre Mutter mit großen, verwunderten Augen. „Du bist also um meine Gesundheit besorgt, Mutter?" „Ob ich darum besorgt bin! Sollte man nicht glauben, ich wäre Dir eine böse Mutter?" Kronele schwieg. „Wie. meine eigenen Kinder verkennen mich? Du glaubst, ich Hütte kein Mutterherz?" „Elias allein, liebe Mutter, sagte mir immer, Du hättest ein Herz und eine gefühlvolle Seele." „Elias hat Dir das gesagt? Er allein hat mich errathen. Höre, mein Kind. Glaubst Du, daß er käme, wenn Du ihm schriebst, daß er trotz meines Briefes käme?" Bei dieser Frage fuhr das arme Kind vor Schrecken wie von einem schweren Traume auf. Dann sich ausrecht setzend, sagte sie: „Du siehst nicht, Mutter, Du fühlst nicht, daß Du mich langsam tödtest!" „Ich Dich tödten?" rief die Mutter, die ihr Kind in ihre Arme drückte. „Sieh' mich doch nur an! Sehe ich aus wie eine böse Mutter? Leg' Deine Hand ans »nein Herz und fühle, wie es schlägt. Ich hielt Dich nicht für so ernstlich krank. mein Kind, heut' zum ersten Male habe ich Dein Leiden aus Deinem Gesichte gelesen. Nun ich weiß, daß Du wirklich duldest, nun fürchte ich, Dich, mein Herz, zu verlieren. Da ist mir nichts zu theuer, Dich zu retten. Alles, was Du willst, alles, selbst Elias sollst Du haben. Aber glaubst Du, daß er mir meinen Brief vergessen kann?" „Mutter, »neine gute, liebe Mutter!" rief Kronele und schlang krampfhaft die Arme ui» ihren Hals. „Ich habe eine Mutter! Gelobt seist Du. mein Gott!" Dies Freudengefühl war so heftig, daß die letzten Worte auf den Lippen Kroneles mir so schwebten; sie konnte sie nicht mehr aussprecheu und fiel in eine lauge Ohmnacht. Die Mutter bedeckte ihr blasses Gesicht mit Küssen und rief sie nach und nach wieder zur Besinnung. „Nun Dir besser ist," sagte die Mutter, „sage mir das eine: glaubst Du, daß er kommt, wenn Du ihm schreibst?" „Nicht wenn ich ihm schreibe, sondern wenn Du ihn» schreibst." „Du bist dessen sicher?" „So sicher, als war' ich er!" versetzte Kronele. „Gut denn, mein Kind. Lege Dich nieder und schlummere, «ches wird wieder gut, und zu Pfingsten mußt Du Kraft genug finden, um aufzustehen und Dich zu schmücken." „Um Dir zu gefallen, Mutter, thue ich alles." Eine Stunde später kamen die Brautgäste auf drei mit Maien und Bändern bnntgeschmückten Wagen in den Hof gefahren. Man hörte sie schon aus der Ferne an dem Knallen der Peitschen »nd Pistolen. Frau Reich, festlich gekleidet, erwartete sie auf der Hausschwelle. „Vater Reich." sagte sie laut, „Du hast Deine Tochter Hesse verlobt, ich habe während Eurer Abwesenheit das Knaß meiner Tochter Kronele gelegt (Knaß legen heißt verloben». Ihr werdet nicht in meine Stube treten, ohne meinem Kronele Maßeltof zu wünschen" (Maßeltof, gut Glück, ist der hebräische Beglückungswunsch). „Mit wem?" riefen zwanzig Stimmen aus einmal. „Mit Elias Seidel," erwiderte die Mutter." „Er ist also hier?" fragte Leon. „Was liegt Dir daran? Wenn er nicht da ist, so kommt er. Ich habe sein Knaß gelegt. Und diesen Abend kündige ich dem ganzen Dorf das Verlvbniß meiner beiden Tochter an!" Und alle Gäste stürmten in die Stube und lärmten: „Maßeltof Kronele!" Und Frau Reich nahm zwei Schalen von Porzellan, zerbrach sie in Stücke und ries laut: „Maßeltof Elias und Kronele! Und Maßeltof Leon und Hesse!" „Mir ganz recht," sagte der Vater Reich. „Aus diese Art werde ich Beide ans einmal los!" -i- -V -i- Die Freunde und Verwandten des Reich'schen Hauses sangen, tanzten und tranken die ganze Nacht hindurch. Frau Reich und Kronele allein, von den hestigen Gefühlen des Tages wie gebrochen, ruhten, ohne doch einschlafen zu können. Kronele machte sich Vorwürfe, ihre Mutter so lauge verkannt und ihr so vielen Kummer verursacht zu haben. Sie sann ans Mittel, um ihr hundertfältig ihre Sorgen und Schmerzen zu vergelten. (Forts, folgt.)