Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- Seite 118 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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118 „Ich hörte schon von Deinen Schätze», Jude," sagte der König, zerstreut um sich blickend, „doch sag', weshalb Hab' ich Dich an meinem Hofe noch nie gesehen? Kommst Du doch des Oesteren in Geschäften nach Gnesen." „Ich komme nur, wen» ich gerufen werde!" antwortete mit leichtem Stolze der Jude, „und nun, gnädigster Herr König, wollt die Gnade haben. Euch auch dieses anzusehen," und er schritt gegen die Längsseite des Gelasses hin. „Laßt," wehrte der König, „es ist spät, und wir wollen Euch Eurer Nachtruhe nicht beraube»!, wenn's Euch recht ist, so konnne ich morgen wieder, an, Tage, und da will ich mir so manches aussuchen." „Gnädigster Herr König, es wird mir armen Knechte stets die höchste Ehre sein, des Königs Majestät in meinem Hanse zu sehen." Nach diesen Worten waren sie wieder in die Stube getreten, wo Recha zurückgeblieben war. Sie war an das Fenster getreten; da suhlte sie dicht neben ihrem Ohre den heißen Athen» eines Mundes, und beglückt, wonnetrunken lauschte sie dem Klange jener Stimme, deren Zauber sie heute schon einmal bestrickt hatte, und deren Ton ihr noch im Herzen klang wie süße Musik. Es war nur ein leises Wort gewesen, das ihr der König ins Ohr geflüstert, denn jetzt war auch schon ihr Vater eingetreten, und der König trat hinweg von ihr — aber dies eine Wort hatte mit seinen, Zauberklange alle Fibern ihres Herzens mächtig erregt — wie ein süßer Wonneschauer durchzuckte es ihre Glieder, und ein Gefühl namenlosen, ungeahnten Glückes fuhr ihr durch die Seele. -r- * * Nach einer halb durchwachten Nacht hatte sich Böleslav erhoben; er hatte keinen Schlaf finden können, und wenn schon hier und da ein leiser Halbschlunnner seine Lider schloß, so waren es wirre, häßliche Träume, die ihn peinigten und ihn jäh auffahren machten; verworrene Traumgebilde und nnzusammenhängende, zumeist schreckhafte Bilder tauchten auf vor seinem inneren Auge. Wie war er darum froh, als der Tag dämmerte und er sich von seinen, Lager! erhob. Sollte ihm doch dieser Tag ein Wiedersehen mit den, § holden Mädchen bringen, an das er unausgesetzt dachte, und deren süßes Bild in seinen Träumen nochmals zu erblicken er I vergeblich gehofft hatte. Er ließ sich rasch ankleiden, und ungeduldig erledigte er einige dringende Staatsgeschäfte; dann, es mochte wohl um die elfte Vormittagsstunde sein, begab er sich, nur von einen, Knappen begleitet, auf den Weg zum Hause des Inden. Durch enge, winkelige Gaffen und über große, weite Plätze führte der Weg, und als sie vor den, Thore standen, welches das Hans Salomons von der Straße trennte, da verabschiedete der König den Pagen und klopfte mit seinem Schwerte an das versperrte Thor. Nach einigen Minuten, die dem Harrenden Stunden düukten, kam langsamen Schrittes Jen,and an die Thür. „Mein Herr ist nicht zu Hause!" rief eine weibliche Stimme aus dem Innern des Hauses. „Macht ans! Ich bin's, der König!" Zitternd vor Schreck hatte die alte Magd die Thür geöffnet. Der König schob sie bei Seite, und raschen, eiligen Schrittes nahm er den ihn, bereits bekannten Weg zur Wohnstube; diese war heute festlich geputzt, und der blanke Fußboden gescheuert, den Tisch bedeckte ein weißes Tuch ans seine», Damastzeuge. Recha war allein; sie hatte Festeskleider angelegt, denn es war Sabbath. Wenn ihr Anblick selbst in, einsachsteu Geivande ein bezaubernder war, mußte dies um so mehr der Fall sein, wenn, wie heute, kostbare Gewänder die vollen Formen umhüllten, und ein glänzendes Geschmeide Hals und Arme schmückten. Ein Rock aus schwerer, gelber Seide schmiegte sich um ihre Hüften und ließ die zarten geschmeidigen Formen durchschiuunern und die zierlichen Füße sehen, die in goldgestickten Pantoffeln steckten; um den Leib schlang sich eine Binde aus rothem Stoffe, mit farbigen Steinen geziert, mehrere Reihen milchweißer Perlen zierten den schlanken Hals, und in den, blau-schwarzen leuchtenden Haare, das in leichten Ringeln auf die Schulter fiel, strahlte ei» Goldreif, mit Türkisen und feurigen Rubinen besäet; denselben Schmuck hatte Recha auch in den Ohren, und breite funkelnde Reifen un,spannten das zarte Handgelenk. Sie sah berückend aus, und in dieser märchenhaften Pracht der Gewänder kam ihr jugendfrischer Reiz noch inehr zur Geltung. lForts. folgt.» Kronele. Eine Erzählung voll Alexander Weill. ist daS schönste jüdische Fest. Es ist der Jahrestag der mosaischen Gesetzgebung auf den, Berge Sinai » lMathan Thorah). An diesen, Tage schmücken die Juden ihre Wohnungen und Teinpel mit Maienbäumen und Blumensträußen, und allen Schinerz, alle Klagen vergessend, stimmen sie Jubelgesänge und Dankgebete an, weil Gott sie zum Volk der Menschheit erkoren. Kronele befand sich besser, als acht Tage vor Pfingsten der Vater Leons der Frau Reich in einen, Briefe ankündigte, er wünsche das Verlöbniß seines Sohnes vor dem Feste noch zu feiern, damit er die Brautgeschenke auf Pfingsten noch kaufen könne; er lud sie ein, mit ihrem Manne nach Rechwog zu kommen, un, vor dem Notarius den Heirathskontrakt zu zeichnen. Die Heirath sollte einen Monat später stattfinden. Um Leon nicht zu verlieren, der für Heva nicht mehr so zärtlich war als in der ersten Zeit seiner Liebe — ein Umstand, welcher der Mutter nicht entging willigte Frau Reich ein, ihre jüngste Tochter vor der älter» zu verloben und zu verheirathen. Dieser Entschluß verbitterte ihren Sinn und wider Willen säst quälte sie aufs neue Kronele mit bösen Worten. Uebrigens entsprachen die Thaten der Mutter ihren Worten nicht, denn sie hörte nicht einen Augenblick auf, ihre Tochter mit wahrer mütterlicher Sorgfalt zu pflegen. Alles wurde zum Verlobungsfeste Heva's bereit gemacht. Der junge Reich hatte das Wägelchen mit Bändern und Fichten sträußen verziert. Zivei schöne Rappen wurden vorgespannt der Vater, Heva, das kleine Mamele und der Sohn waren bereits aufgestiegen, es fehlte nur die Mutter, die für die Cere monie in seidenen Kleidern prangte und ebenfalls zur Abreise bereit war, als sie unwillkürlich vor Kronele stehen blieb, die fiebernd dalag. Plötzlich fühlte sie eine» Stich im Herzen, und wie von einem höheren Gedanken erleuchtet, rief sie zmn Fenster hinaus