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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-08 · Heft 10 (8.3.1901) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
Seite 116 (sequence 10)
Language
German
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113 hatten wohl die Steine mit dem Tetragrannnaton, dem unaussprechbaren Gottesnamen, zu vertreten, welche man in den alten Synagogen zu Erfurt und Regensburg bemerkte. Neben den alten Synagogen, wie der zu Fürth, fällt eine hohe Stange auf. Man möchte ihr auf den ersten Blick die Bedeutung eines Blitzableiters beizumessen. In der That kennen schon die talmudischen Schriften (Tosephta Schabbot VII. u. s. w.) die Beziehung zwischen Blitz und Eisen. Die Stangen auf dem Dache des Tempels dürften außer als Vogelscheuchen auch als Blitzableiter gedient haben. Bachja, im 13. Jahrhundert, erklärt jedenfalls als solchen — den Thurm zu Babel! In Wahrheit sind aber jene Stallgen wohl weniger ein Schutz gegen die Naturgewalt als ein Denkmal für die Unduldsamkeit der Menschen. Das Abendland ließ nicht zu, daß die Synagogen höher als andere Häuser gebaut wurden. So entschädigte man sich in etwas durch eine Stange, welche die übrigen Gebäude überragte. Daß man die Synagogen mit Vorliebe am fließenden Wasser ballte, entsprach praktischen Rücksichten. Auch war das Tauchbad meist mit der Synagoge verbunden. Die Lage des Gotteshauses außerhalb der Stadt erhöhte seinen Werth als Zufluchtsstätte bei Verfolgungen. Das „Judenhaus" zu Burg St. Edmunds (11. Jahrhundert) weist mit seinen Schießscharten noch deutlich auf diese Bestimmung hin. Vielleicht wird auch die Bauart der Fenster in der Prager Altneuschule hierdurch verständlich. Jedenfalls baute mall in Polen im 17. Jahrhundert auf Befehl des Königs die Synagogen als Festungen zum Schutze gegen die Kosaken und Tartaren. Nicht anders ist es, wie das slavische Kostet, Kosciol (Kastell) ---- Kirche durchblicken läßt, den christlichen Gotteshäusern ergangen. Was von den letzteren die Synagogen nebst anderem wesentlich unterscheidet, ist die Trennung der Geschlechter! Gleichfalls auf ein Vorbild zurückzuführen, welches in einem bestimmten Falle der Dienst im Tempel gab. Der Vollständigkeit wegen sei schließlich noch einer „geschmackvollen" Verbindung voll Kirche und — Küche in Synagogen Ostindiens Erwähnung gethan. Dort wird in einem Schrank Küchengeschirr aufbewahrt und gegen eine geringe Entschädigung zu Gastmählern geliehen. Die Synagoge selbst bürgt so gleichsam für seine rituelle Zulässigkeit. Wir sehen jedenfalls: Während die Kirche sich enger an das Vorbild des Tempels anschließt, die Moschee sich aus der Heiligenkapelle entwickelt, läßt die ursprüngliche Bestimmung der Synagoge in der Wahl des Stils unbeschränkte Freiheit. 2. In welchem Stil hat man null Synagogen gebaut? Zunächst in demselben Stil, der gerade zeitgemäß und landesüblich war. Die Synagoge im alten Alexandrien hatte die Gestalt der Basilica. Im heiligen Lande finden wir zu Nebratein, Kefr Birim und Tell Hum, dem alten Kapernaum, Synagogenreste, welche unzweideutig die Formen des griechischen Tempels aufweisen. Irr Worms und Speyer baute man romanisch, und zwar bis in Einzelheiten getreu nach dem! Muster der gleichzeitig daselbst entstandenen Dome. Die alte Synagoge zu Regeusburg zeigt gothischen Charakter. Der romanische Almemor läßt jedoch errathen, daß er aus einem älteren Bau in diesem Stil herübergenommen ist. Solche wandernden Syuagogentheile, oft treue Begleiter ihrer landesflüchtigen Erbauer, gehören nicht zu den Seltenheiten. Die Altuenschule in Prag ist gothisch, die Synagogen zu Toledo, Santa Maria la Blanca und Del Transito im Mudejarstil, einem damals beliebten Gemisch von Gothisch und Maurisch, gehalten. Letztere soll ein Jude erbaut haben. Das Gleiche gilt von der Altneuschule. Abgesehen von dem Ausweis der Prager Grabinschriften spricht dafür der Weinstock oder „Lebensbaum", wie man ihn auch wohl zu bezeichnen pflegt (vergl. Brandt, „Die mandäische Religion, 197") an der Thür der Ostseite dafür. Von ihm hat einer der berufensten Kenner einst gesagt: „Das hat a Jnd gemacht." Eine herrliche Renaissance zeigen die Synagogen Italiens aus dem 16. Jahrhundert, so Jl Tempio in Nom, allen voran Jac. Sansovinos Prachtwerk in Venedig. Hierzu gehört auch die 1712 vollendete alte Synagoge in Halberstadt. Im Stil der nordischen Holzbauten finden wir Synagogen in Polen, eine alte in Ciesowa in Oberschlesien. Es haben hier nicht immer nur stilistische oder Billigkeitsrücksichten mitgesprochen. In einzelnen Fällen, wie in Böhmen unter Maria Theresia, duldete die Geistlichkeit keine Steinsyuagogen. Die kaukasischen Juden bauten ihre Gotteshäuser wie die Tataren oder als Moschee. Letzteren Typus stellt auch die Synagoge zu Jerusalem dar, die sich äußerlich in nichts von ihrer Umgebung abhebt. Diese Anpassung au die Umgebung ist das einzig Charakteristische an den Synagvgeubanten bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Von da an läßt sich zunächst im Kunst- Handwerk im Abendland ein Zurückgreifeu auf orientalische, persische, byzantinische (Bonn, Dresden u. s. w.) oder maurische Muster wahrnehmen. Die Bilderfeiudlichkeit, welche angeblich Iudenthnm und Islam gemeinsam haben, mochte die meist nichtjüdischen Baumeister zu solcher Wahl bestimmt haben. Soweit sie das „Orientalische" des Judenthums darin zur Geltung bringen wollten, haben sie unbewußt Judenfeinden, wie Lagarde, zu Dank gearbeitet. Diese Richtung bleibt etwa ein Jahrhundert vorherrschend. In den letzten Jahrzehnten, besonders seitdem wieder jüdische Künstler mit Synagvgenbauten betraut werden, baut man wieder entweder gothisch (Wien IX, Mariahilf, Budweis n. s. w0 oder romanisch (Breslau, Hanuover, Glogau, Straßburg. Königsberg i. Pr., Danzig u. s. w.) oder Renaissance (Frankfurt a. M., Kgl. Weinberge bei Prag, Warschau u. s. w.). Daneben behauptet sich hier und da die Vorliebe für den maurischen Stil lMalaczka in Ungarn, Caslau in Böhmen, Budapest, Florenz, Wien (türkischer Tempel). Karlsbad, Mnrienbad, Aachen n. s. w.). Nur ganz vereinzelt äußert sich ein Streben nach eigener Stilbildung, so in der grotesken Mole Antonelliana irr Turin. Dieser Bau wnrde 1865 von Antonelli als Synagoge begonnen, 1878 bis 1889 auf Kosten der Stadt fortgeführt und zu einem Nationalmuseum zu Ehren Viktor Emannels II. bestimmt. Der Thurm des Gebäudes umschließt einen Saal von 95 Meter Höhe und 26 Meter im Geviert und wird von einer 4 Meter hohen Figur eines Genius gekrönt. Nicht weniger als 10 Säulengänge in mehreren Säulenstelluugen vervollständigen das seltsame Bild. So lalltet denn das Ergebuiß: Man baut Synagogen bisher entweder im Anschluß an die Umgebung oder orientalisch oder, wie der letztere Fall zeigt, nach willkürlicher Stilbildung. Einen eigenen, jüdischen Stil giebt es nicht,

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