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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-08 · Heft 10 (8.3.1901) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
Seite 115 (sequence 9)
Language
German
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sehr prekärer Lage befinde». Wie die ganze Nation für ihre umfassenden politischen Rechte sich wenig reif erwies, so zeigten sich auch unsere Glaubensgenossen dieser ihnen eingeränmten Freiheit wenig würdig. Die reichen, noch immer sehr feudal denkenden Herren benutzten das Privileg, um sich ihrer Pflicht zu entziehen, einen kräftigen und zahlreichen Mittelstand aber, der für die gesunde Entwicklung eines Gemeinwesens in erster Reihe in Frage kommt, giebt es hier nicht. Marl gewährte die Steuerfreiheit, um die Freidenker nicht zu zwingen, zu Zwecken des Kultus beizutragen; wer aber die hiesigen Verhältnisse näher kennt, wer vor allem sieht, wie viel stark eingewurzelter alter Aberglauben in diesen Kreisen wackerer Freidenker herrscht, muß die thörichte Einrichtung, die nur den Millionären zum Vortheil, den Gemeinden aber geradezu znm Ruin gereicht, aufs tiefste beklagen. Zur Steuer der Wahrheit muß übrigens hier eingestanden werden, datz unter den Drückebergern, die sich ihrer Beitragspflicht entziehen, die auf der Halbinsel lebenden Deutschen ein hohes Kontingent bilden. Glücklicherweise bricht sich nun auch allmälig die bessere Einsicht von der Nothivendigkeit einer allgemeinen Steueruinlage immer mehr Bahn. Wie aller Fortschritt im modernen jüdischen Leben Italiens, so kommt auch diese Anregung aus Florenz. Der als Jurist wie als Nationalökonom gleich geschätzte Adv. Professor Moise Finzi, ein Mann von vorbildlicher Frömmigkeit und opferwilligster Freigebigkeit, wies in einer besonderen Schrift die Unhaltbarkeit des italienischen Systems nach, das im Gegensatz zur Verwaltung aller übrigen Länder einem Jeden ohne Unterschied alle Rechte in der Gemeinde gewährt und als Gegenleistung auch von dem Allerreichsten nur einen Betrag von zivauzig Lire fordert. Bei dieser bedrängten Lage der Gemeinden kann natürlich reges geistiges Leben von ihnen nicht erwartet werden. Dazu fehlen auch die berufenen Leiter, der Neuzeit entsprechende Rabbiner. Wenn Sie die letzten Nummern der hiesigeil jüdischeil Blätter zur Hand nehmen, finden Sie mit größtem Eifer und Ernst die Fragen über das Alter und die Berechtigung der Kabbalah verhandelt; wer aber wagt, diesen vorurtheilsvollen, falschen Anschauungen zu widersprechen, wie es jüngst die Rabbiner von Padua gethan, wird von dem ganzen Chor niedergeschrien und verketzert. Traurige Verhältnisse das, aber einstweilen müssen sie ertragen werden. Ob nun gerade die Gründung eines zionistischen Organs, das seit vorigem Monat in Modena von Männern mit klangvollen Namen herausgegeben wird, der italienischen Judenheit die Rettung ans ihrer Noch bringen wird, bleibt abzuwarten, darf aber einstweilen stark bezweifelt werden Aber dennoch gebeil wir die Hoffnung nicht ans und verharren in der Zuversicht, daß bald der Retter kommt auch diesem Lande. Wie baut man Synagogen? Von Rabbiner Dr. Mar Grnnivald, Hamburg. ^ie ballt man Synagogen?" Kein Geringerer als Jesaja hat diese Frage zum ersten Mal aufgeworfen; er ist zugleich der Erste, der ihr die einzig gerechte Antwort gefunden. Beides, Frage und Antwort, Aufgabe und Lösung, umschließen die wenigen Worte im erstell Vers des 66. Kapitels. „Der Hmnnel ist mem Thron und me Erde der Schemel meiner Füße. Welches ist das Haus, das ihr mir erbauen solltet, welches der Ort zu meiner Ruhestatt?" Zunächst einige Vorfragen! i. was dedeutet, welcher Bestimmung dient die Synagoge? „Synagoge ist ein griechisches Wort. Es bezeichnet, oon versammeln abgeleitet, wie das hebräische Keneset und das aramäische Kenischta: Versammlung, Gemeinde; daun aber auch wie dieses Kenischta: das Gemeindehaus. So sagt mall auch heute noch hier lind da: „Ich gehe nach der Gemeinde," in dem Sinne von „Gemeindehaus". In den Synagogen, die wir uns, wie noch heute vereinzelt im Orient, so in Aleppo, unbedacht zu denken haben, wurden die Angelegenheiten der Gemeinde erörtert. Hier fanden die Propheten ihre Zuhörer, hier wurde seit Ezras Zeiten die heilige Lehre, die Thora, vorgelesen und im Allschluß an die Vorlesung durch Vortrüge erläutert. Hieraus ergiebt sich bereits die ursprünglich ganz Primitive Einrichtung der Synagoge. Sie beschränkt sich auf einen Ort, all dem die Thorarolle aufbewahrt, und einen zweiten, all dem sie verlesen wird. Jedenfalls ist von vornherein die Vorstellung anszuschließen, als habe mail bei Synagogeubauten an das Vorbild des Tempels gedacht. Der Tempel war im Wesentlichen der Ort, an dein geopfert wurde; die Synagoge die Stätte des Gebetes. In der Synagoge versammelt sich das Volk, im Tempel waltet der Priester. Ausnahmen, wie die Synagoge des Severns im Rom, mochten sich immerhin finden lassen. Begegnen uns ja, wie im synagogalen Ritus Stücke aus der alten Tempellitnrgie, heute noch in unseren Gotteshäusern Reminiszenzen an das alte Heiligthum. Solche Reminiszenzen sind vor allem die Menora, der siebenarmige Leuchter und der Schnlchan, der Tisch, aus dem während der Vorlesung die Thorarolle liegt, entsprechend dem Tisch für die Schaubrode im Tempel. In der Regel steht dieser Tisch auf einer Tribüne, welche das jüdische Alterthum mit dem griechischen Worte Iwmn: Altar bezeichnet. Das Mittelalter gebraucht dafür, der üblichen Gestalt entsprechend, den Namen initzäol: Thurm. Der bei uns gebräuchliche Ausdruck Almemor ist aus Almimbar verstümmelt. So heißt nämlich die Kanzel in der Moschee. Bema hieß auch in der alten Kirche die Stätte für die Schriftverlesung. Neben dieser Tribüne stehen nun in den Synagogen des Kaukasus, in Cochin (Indien) zwei Säulen, nicht zu verwechseln mit denen in den alten deutschen Synagogen, wie in Worms, und der Prager Altnensthul. Hier war das Zweisänlensystem durch das Vorbild der christlichen Gotteshäuser von selbst gegeben. Jene beiden Santen scheinen hingegen der Erinnerung an die Säulen Jakin und Boaz am Tempel zu Jerusalem ihr Dasein zu verdanken. Wie diese am Eingang zum „Heiligen", so stehen jene Säulen an der Stelle, wo die eige»itliche Synagoge erst beginnt. Mit richtigem Empfinden nennt ja auch der Volksmund den Aron hakodesch den Ort, an dem man die Thorarolle aufbewahrt, das „Allerheiligste". In dem Allerheiligsten stand bekanntlich die Bundeslade, und zwar aus einem Stein, den man den Grundstein oben nannte. Noch heut bezeichnet diese Stelle ein Felsenvorsprung in der sogenannten Omarrnoschee. Diesen Stein

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