Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- Seite 114 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1l l heit aus. Eine Amsterdamer Bestattung (vvn ehedem dürfen »vir glücklicherweise heute sagen) machte aber unwillkürlich einen geradezu grotesken Eindruck. Wie das Ungethüm von Leichenwagen, gleich den davor gespannten Trauerrosinanten mit schäbigen Sammetdecken behängen, dröhnend über das holprige Straßenpflaster rollte, ihm zur Seite die Träger, mit Dreimastern und Mänteln vvrsündfluthlichen Zuschnittes angethan, dahinter außer den eigentlichen Leidtragenden das Gefolge, zumeist ein wirrer Schwarm vvn Personen ohne Haltung, Regel und Ordnung, die, wie sie gerade gingen und standen, dem Zuge sich anschlossen und ihn, nachdem sie der Mitzwoh Genüge gethan, vor dem Thore wieder verließen, - wahrlich kein erbaulicher Anblick! Die stundenweite Entfernung des Hauptfriedhofes zu Minderberg (4 Stunden ab Amsterdam dahin) macht die Ausfahrt an sich äußerst umständlich und kostspielig; es mußte für Trauerwagen je nach der Zahl der Theilnehmer gesorgt, den letzteren ein Imbiß nach der Beerdigung geboten, auch die erschöpften Pferde erfrischt werden. Schlimm aber war es, daß hundert Hände, und nicht blos diejenigen mehr oder minder verschämter Armen, sich der trauernden Familie schon vor dem Sterbehause, aus der Straße, vor dem fernen Friedhofe und wo nicht sonst, einen Obolus verlangend, entgegenstreckten für irgend welchen Dienst, den Dieser oder Jener als „Begräbnißbeamter" oder unter anderer Bezeichnung verrichtet hatte oder verrichtet zu haben vorgab. Geben und Nehmen wollte gar nicht enden; eine ganze Industrie hatte sich auf dieser Grundlage aufgebaut. Was half es, daß mau jahrelang als Mitglied der einen oder andere» Chewrah, mochte sie nun Loinde Bachurim oder Agudat Bachurim sich nennen, seine Beiträge für volles Begräbnis; und Zubehör gezahlt hatte, — im entscheidenden Augenblick rissen die Nachzahlungen gar nicht ab. Jedermann, selbst der konservativste, erkannte und beklagte die Mißstände, ließ sie indeß aus Mangel an Initiative einfach fortwucher». Um so viel größer ist das Verdienst der „Neuen Israelitischen Begräbniß-Vereinigung", welche, von einigen thatkräftigen Männern i»> Jahre 1891 errichtet, sofort muthig den Kampf gegen Vorurtheil, Eigennutz und Jmpietät ausgenommen hat und jetzt, gerade zehn Jahre nach ihrem Entstehen, bereits sich rühmen darf, einen sehr großen Theil der Angehörigkeiten beseitigt zu haben. Auf ihr Betreiben hatte die große (hochdeutsche) israelitische Gemeinde seinerzeit sich entschlossen, alles Anstößige und Ordnungswidrige in der äußeren Erscheinung der Leichenbegängnisse zu entfernen und dieselben zeitgemäß auszngestalten. Jetzt wird das Dekorum und der Anstand dabei gewahrt, hat der Andersgläubige keine Veranlassung inehr, über jüdischen Schlendrian und Schlimmeres mitleidig die Achseln zu zucken. Und was die Hauptsache ist, der Verein hat sich besonders in administrativer Hinsicht vorzüglich bewährt. Seine Mitglieder, deren Zahl bezeichnenderweise in einem Dezennium auf fast 500» gestiegen ist <24b Begräbnisse von Nichtmitgliedern hat der Verein in dieser Zeit extra besorgt) haben nur den Jahresbeitrag, welcher, dem Lebensalter beim Eintritt entsprechend, sachverständigerseits festgesetzt, aber mäßig ist, sonst nichts zu entrichten. Im Todesfall übernimmt die N. I. B.-V. dafür die sämmtlichen Kosten, die Lieferung eines soliden Leichensteines mit inbegriffen. Der Betrag Vvn 260 ft. ira. 440 Mark) begrenzt seine Leistung nach oben; erhöhte Ansprüche (z. B. die Lieferung von mehr als vier Trauerwagen re.) müssen natürlich entsprechend honvrirt werden. Gegenüber den evidenten Erfolgen des Vereins ist es nicht zu verwundern, daß die alten überlebten Chewrahs sich auflvsen mußten, oder aber den Spuren jenes so weit als möglich zu folgen beflissen sind. ». Brief ans Italien. Florenz, den 2V. Februar. eunruhigen Sie sich nicht allzusehr ob der Statistik, die der „Schlesischen Zeitung" aus Rom eingesandt wurde; sie ist weder originell noch authentisch. Die Quelle, der sie der Korrespondent des genannten Blattes entnahm, ist gar leicht aufzufinden. Die hiesigen politischen Zeitungen gaben ihren Jahresabonnenten Prämien, darunter auch den Almanacco Jtaliano, einen Kalender und Nachschlagebnch für Jedermann. Dieser Almanach enthält neben dem Verzeichniß aller staatlichen Behörden auch eine Uebersichtstafel über den katholischen Kultus, und an diese letztere schließen sich einige Mittheilungen über die jüdischen Gemeinden des Inlandes und einige kurze Nachweisnngen über die Glaubensgenossen im Ausland an. Diese Statistik beruht jedoch keineswegs auf amtlichen Nachrichten, sondern ans einer Wahrscheinlichkeitsrechnung. die der Berfasser auf Grund eigener persönlicher Anschauungen anstellt. Aus einer Vergleichung des mir vorliegenden Almanacco für 1899 mit dem letzten Jahrgang ergiebt sich, daß der Verfasser überall, wo er von Fortzng oder Auswanderung reden hört, wie bei kleineren italienischen Gemeinden oder den Juden in Rußland, die entsprechenden Abzüge macht, ebenso wie er im entgegengesetzten Fall die Ziffer erhöht. Zuverlässige Berichte aber stehen ihm ebensowenig über Rußland wie über Amerika oder Italien zur Verfügung. Hierzulande existiren glaubwürdige amtliche Nachrichten über die Anzahl der Juden überhaupt nicht, da in den letzten beiden Volkszählungen nach der Religion der Bevölkerung nicht gefragt wurde, und eine jede, namentlich größere Gemeinden rechnen außer den ihr bekannten eine große Anzahl solcher Glaubensgenosse», die sich als Juden nicht zu örkeniien geben, oder ihre Religion nur bei Sterbefällen verrathen, zu den Katholiken. Erst für die im nächsten Monat stattfiudeude neue Volkszählung ist die Rubrik „Religion" wieder eingesührt, aber die Ausfüllung derselben ist doch nicht unbedingt erforderlich, sondern dem Gutdünken des Einzelnen überlassen. Mit diesem Fehlen einer amtlichen Liste der jüdischen Bewohner hängt der größte Mangel zusammen, unter dem die italienischen Gemeinde» leiden, und der jüngst in einer verbreiteten deutschen Zeitschrift vvn einem geistvollen Schriftsteller in seiner ganzen Tragweite dargelegt wurde: die seltsame Stenerordnung, die hierzulande herrscht. Das Beispiel freilich war nicht ganz zutreffend; stat! Florenz anzufnhren, das immer noch in sehr günstiger Finanzlage sich befindet und alle Institutionen mit verhältnißmäßig reichen Mitteln auszustatten vermag. Hütte er auf das ihm weit näher liegende Beispiel von Rom Hinweisen sollen, dessen Gemeinde mit Rücksicht auf die knappen und unsicheren Ei» nahmen bisher weder den seit langer Zeit geplanten Shnagogenban noch die unentbehrliche Anstellung eines Rabbiners mi! Energie betreiben kann. Aehnlich geht es anderen Gemeinden die ebenfalls durch die Unsicherheit ihrer Einnahmen sich in