Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- Seite 113 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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113 die Stellen enthalten, welche das jüdische Gefühl verletzen (z. B. Hauffs Märchen) aufzunehinen sind. Der Referent steht auf dem Standpunkt, daß erstere Frage unbedingt zu verneinen ist. Bezüglich der Bücher, worill Juden und Judenthum verächtlich gemacht werden, ist er der Ansicht, daß Bücher nur in dem Falle ausgenommen werden dürfen, wenn sie literarischen Werth haben. Lebhaft sei zu bedauern, daß es nur eine ganz geringe Anzahl jüdisch-konfessioneller Jugendschriften gebe; der „Israelitische Jugendfreund" von Flanter sei zn empfehlen. Der Referent, bringt Belege für die Vorsicht ill der Auswahl der Bücher, widmet warme Worte der Anerkennung christlichen Verfassern von Jugendschriften, worin in judensreundlichem Sinne jüdische Personen oder jüdische Verhältnisse wahrheitsgemäß besprochen werden. (Moses Mendelssohn von Ferd. Schmidt u. a.) Der Vortrag erntete den wohlverdienten, lebhaften Beifall der Versammlung. Nach einer kurzen, aber interessanten Debatte wird derselbe einer Kommission, bestehend aus den Herren: Andorn-Krefeld, Cohn-Borken, Fröhlich-M.-Gladbach, Katz-Gelsenkirchen, Meyer-Lünen und Treu- Essen überwiesen. Sie hat auf der nächsten Konferenz über ihre Thätigkeit zu berichten. — (Schluß des ersten Sitzungstages). Abends fanden sich die Konferenztheilnehrner zu einem gemeinschaftlichen Essen im Versammlungssaale ein, wobei der Herr Vorsitzende Graf-Essen ein begeistert aufgeuommenes Hoch auf Se. Majestät den Kaiser, den Schirmherrn der Schule und Förderer der Interessen der Lehrer, ausbrachte. Ein gutes Mahl, gewürzt durch mannigfache ernste und heitere Ansprachen, rief eine recht angenehme Stimmung hervor und hielt die Kollegen bis gegen Mitternacht zusammen. Zweiter Tag. Vormittags 9^4 Uhr begannen die Verhandlungen des zweiten Tages. 8. „Religionsunterricht und Verbalismus". Vortrag vom Kollegen Wallach-Aachen. In formvollendeter Weise schildert der Referent eingehend die mannigfachen Schäden, die der heutigen noch meist üblichen Methode des Religionsunterrichtes in jüdischen Schulen anhaften, die Wechselwirkung zwischen Schule und Haus, den „bloßen Wortkultus" u. s. w. Das Gebetbuch des alten Ritus könne nur in den Hauptstücken in Frage kommen, der Stoff müsse einer gründlichen Prüfung unterzogen werden; alles, was den Anforderungell auf innere Wahrheit, Psychologische Nähe und Schönheit der Form nicht entspreche, müsse aus Gebetbuch und Lehrplan verschwinden. An den schönen Vortrag schließt sich eine längere, anregende Generaldiskussion an, worin die von dem Referenten aufgestellten Thesen nur getheilte Aufnahme finden. An der Debatte betheiligen sich besonders Löb-Köln: (die hebräische Sprache ist das Band, das uns Israeliten auf dem weiten Erdenrunde umschlingt), Levi-Neuß: (kann eine „schlichte Lehrerversammlung" über so eminent wichtige Fragen des jüdischen Lebens debattiren?). Nansenberg-Neuwied: (Jawohl, nicht für die Schule, sondern für das Leben!) Liepmannssohn-Minden: (das nothwendigste Hebräisch muß erreicht werdeu). Baum-Rheine: (der Referent wollte ja nicht das Hebräische aus dem Lehrplan ansmerzen.) Zur Annahme gelangt schließlich folgende Vermittlungsthese von Andorn-Krefeld: „Der Religionsunterricht muß Eesinnungsunterricht sein. Im Mittelpunkte desselben steht der Unterricht in der biblischen Geschichte. Alle anderen Zweige des Religiousnnterrichtes werden unter möglichster Berücksichtigung des gottesdienstlichen Bedürfnisses zur Unterstützung und Vertiefung des Gesinuungsunterrichts herangezogen und zu demselben in methodische Beziehung gesetzt." 9. Die Mittheilungen aus dem Lehrerverbande. erstattet von dem Vorsitzenden, werden von der Versammlung mit großem Interesse ausgenommen. Sie sind durchweg von prinzipieller Bedeutung (Militärdienstzeit der jüdischen Lehrer. Anstellung der Lehrer und Gemeindebeamten u. a. m.). Um auch fortan manchen Kollegen eine Reihe wichtiger Mittheilungell aus dem Verbände zugänglich zu machen und solche nutzanwendend gestalten zu können, wird folgender Beschluß einstimmig angenommen: „Für alle Bezirke des Vereinsgebietes sind Vertrauensmänner zu bestellen, die allen Vereinsmitgliedern unter eigener Verantwortlichkeit vertrauliche Mittheilungen zugänglich zu machen haben." 10. Stellungnahme zu den Vorschlägen des ostprenßischen Religionslehrervereins zu der Verbandskasse. Zur Annahme gelangt nach kurzer Debatte der Antrag Liepmannssohn: „Da die Pensionskasse des D. I. L.-V. bereits am 1. Oktober d. I. ins Leben getreten ist, wird über die Peritz'schen Vorschläge eine Diskussion nicht mehr für angebracht gehalten." 11. Vortrag: (Verbandsthema) des Kollegen Ra n se nb erg-Neuwied: Soll die systematische Religionslehre in der Volks- und Religionsschule als besonderer Unterrichtsgegenstand behandelt werden? Wegen vorgerückter Zeit wird der Vortrag für die nächste Konferenz bestimmt. Dieselbe wird in den Pfingstferien in Bonn stattfinden. Für dieselbe hat auch der Senior der Versammlung, Kollege Löb-Kölii, einen Vortrag „lieber die Pintim" übernommen. 12. Freie Besprechungen. Sie gestalten sich sehr fruchtbar und anregend. Fröhlich-M.-Gladbach übermittelt verschiedene Wünsche betreffs der Bezirks-Konferenzen. Seine beiden Anträge werden nach kurzer Debatte angenommen. a) Alle Anträge und Beschlüsse der Bezirks-Versammlungen gehen an und durch den Vorstand des Hauptvereins. b) Der Vorstand möge die pädagogischen Stoffe der Hanptkoufereiiz den Bezirkskoufereuzen zur Vorberathung unterbreiten. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Herr Oppenheimer-Mülheim bringt dem Vorstande und ganz besonders dem Vorsitzenden, Herrn Hauptlehrer Graf, ein kräftiges Hoch aus für seine rastlose Thätigkeit im Dienste der Kasse und des Vereins und für seine umsichtige, zielbewußie Leitung der Verhandlungen. Mit einem begeistert aufgenommenen dreifachen Hoch auf den Kaiser schließt der Vorsitzende die im Allgemeinen schön verlaufene 45. Jahresversammlung. Auf frohes Wiedersehen im schönen Bonn zu Pfingsten, „dem lieblichen Feste". Die Schriftführer: M. Andorn-Hattingen. Wallach-Aachen. Aus den Niederlanden. Amsterdam, 26, Februar stillen Frieden von Eik en Dninen, allwo längs sanftwelliger Dünenhügel die Begräbnißstätte der 's Gravenhage'schen israelitischen Gemeinde liegt, wurden am 14, d. M. die sterblichen Ueberreste des Dr. j»r. K. Hartvgh, zugeführt, eines Mannes, der einst eine Zierde der Amsterdamer Anwaltschaft gewesen ist und diese Stadt als vieljähriges liberales Mitglied der zweiten Kammer der Generalstaaten bis zum Tode vertreten hat. Seit seinerUebersiedelung nach dem Haag als Direktor der Ersten Niederländischen Lebens- und Unfall- Versicherungs-Gesellschaft daselbst fungirend, hat Dr. Hartogh sein großes juristisches und assekuranz-technisches Wissen voll und ganz auch in den Dienst des Allgemeinwohls gestellt. Sozialpolitische Angelegenheiten, wie die verwickelten Fragen der Arbeiterversicherung, der Kranken-, Jnvaliditätsversichernng und Altersversorgung, desgleichen der Wvhnungssürsvrge zum Besten der minder bemittelten Stände, waren seine eigentliche Domäne, und er galt ebensowohl als eifriger Arbeiter in den Kommissionen, wie als wirksamer Sprecher iin Plenum. Non der allseitigen Verehrung und Liebe, die der Verstorbene als Mensch und Politiker genossen hat, legte das Leichenbegängnis;, das dem eines Großen der Erde glich, vollgiltiges Zeugnis; ab. Außer anderen hohen Staatsbeamten und Würdenträgern betheiligten sich fast alle Minister, fünf an der Zahl, daran; der Ministerpräsident Pierson selbst, vordem Präsident der Niederländischen Staatsbank in Amsterdem und seit jenen Tagen mit Dr. Hartogh befreundet, rief dem Entschlafenen ehrenvolle und herzliche Worte in die Gruft nach. Friede seiner Asche! Wenn es sich nicht gerade um einen außergewöhnlichen Fall wie diesen handelte, war ein jüdisches Begräbniß in den holländischen Großstädten bis vor Kurzem nichts weniger als erhebend anzuschaue». Gewiß, die strenge Schlichtheit unseres Gottesdienstes schließt pomphaftes Gepräge bei solcher Gelegen-