Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- Seite 112 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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112 sache, die sich erst kürzlich zugetragen hat. Bei Einreichung einer Offerte zur Besetzung einer vakanten Assistentenstelle in einer Düsseldorfer Apotheke fragt ein „Kollege" zugleich an, ob auch Juden in dieser Apotheke angestellt seien; sei dies der Fall, nehme er sein Angebot zurück, denn mit einem Juden wolle er nicht zusammen arbeiten. Und nun noch die Frage: Hat schon einmal Jemand gehört. daß ein jüdischer Apotheker eine Konzession zur Errichtung einer neuen Apotheke erhalten hat? Ich glaube, dieser Fall ist noch nie borgekommen, und er wird auch nie Vorkommen. Hat schon einmal Jemand gehört, daß ein jüdischer Apotheker eine staatliche Anstellung (Korpsstabsapotheker, pharmazeutischer Mediziualassessor, Apothekerrevisor rc.) erhalten hat, ich glaube es nicht. Ties zur Charakterisirung der Allgemeinheit. Zu erzählen, was wir jüdischer: Apotheker schon alles haben erdulden müssen, nur deshalb, weil wir Juden sind, würde zu weit führen; ich selbst könnte schon damit eine Zeitung füllen. Ja, auch ich sage: wir sind eben Juden, und Juden sein heisst leiden. Aber für ein so hohes Ideal, wie das Judenthum ist, zu leiden, soll auch mein und meiner jüdischen Kollegen Stotz und Trost sein. Auch uns soll nichts abhalten, unserer Ueberzeugung treu zu bleiben, auch wir wollen stolz auf unserem Posten verharren, auch wir wollen uns unseren Jndenthums rühmen und den pharmazeutischen Antisemiten durch Pflichterfüllung und Treue zeigen, daß wir „bessere Wilden" sind. Bericht über die Jahresversammlung des Vereins israelitischer Lehrer von der Rheinprovinz und Westfalen in Mülheim a. d. Ruhr, am 23. und 2H. Dez. t900. ^^^ach der Präsenzliste waren 60 Mitglieder erschienen. Der Vorsitzende, Herr Hauptlehrer Graf-Essen, eröffnete gegen 3 Uhr Nachmittags im Saale des Restaurants Heinrich Pieper die Sitzung, begrüßt die Kollegen von nah und fern und weist nochmals auf die Gründe hin, weshalb die Jahresversammlung nicht in Minden stattgestmden habe, wie es anfänglich festgesetzt worden war. Er begrüßt ferner die Mitglieder des Vorstandes der Shnagogengemeinde Mülheim, die Herren Cohn und Kann, und gedenkt alsdann in bewegten Worten des Heimgangs dreier echter, wackerer Kollegen: des Mitbegründers des Vereins und langjährigen Vorstandsmitgliedes Goldstein - Grevenbroich, des stellvertretenden Vorstandsmitgliedes Goldberg.-Köln, der, wie selten einer, für die Kasse gelebt und gestrebt hat, und endlich des so jäh aus dem Leben gerissenen thatkräftigen Kollegen Lanbheirn-Bochum. Ihnen allen sei ein ehrendes Gedächtniß bewahrt. Die Versammlung erhebt sich zu Ehren der Verstorbenen von ihren Sitzen. — Namens der Syuagogengemeinde Mülheim begrüßt Herr Cohn die Versammlung und wünscht den Verhandlungen guten, segensreichen Erfolg; Herr Kollege Oppenheimer-Mülheim bedauert in seiner kurzen, aber kernigen Begrüßungsrede als maxister loci den Konferenzbesuchern zur gegenwärtigen Jahreszeit leider nichts von den Schönheiten des umgebenden herrlichen Ruhrthales bieten zu können; die Versammlung möge aber als Ersatz „den guten Willen" anerkennen, indem er der Unterstützungskasse demnächst von einigen Gönnern ein Geschenk von 100 Mark überreichen werde. Zu den Kosten der Versammlung hat der D. I. L. V. wiederum eine namhafte Summe bewilligt. Sodann wird in die Tagesordnung eingetreten: 1. Kassenbericht. Dieser wird vom Vorsitzenden Herrn Hauptlehrer Graf-Essen erstattet. Er zeigt ein hocherfrenliches Bild von dem trefflichen Stand der Kasse. Ihr Vermögen beträgt gegenwärtig über 113000 Mark. In dem nunmehr fünfjährigen Wirken des derzeitigen Vorsitzenden ist das Vermögen von 82 000 Mark aus über 113 000 Mark emporgeschnellt. Die Einnahmen des letzten Jahres betrugen mehr als 15 000 Mark, so daß nach Auszahlung von ungefähr 9000 Mark an Unterstützungen und Pensionsquoten dem Vereinsvermögen noch 6000 Mark zugeführt werden könnten. Die Zahl der Kassenmilglieder beträgt gegenwärtig 110. Goldsch m id t - Köln dankt unter dem Beifall der Anwesenden dem Vorsitzenden, Herrn Hauptlehrer Gras-Essen, und dem Rendanten. Herrn Bankier Herz L. Hirschland - Essen, für den schönen Erfolg. Zum Zeichen des Dankes und der Anerkennung für die umsichtige Leitung und mühevolle Arbeit erheben sich die Anwesenden von ihren Plätzen. 2. Bei der Wahl des Rendanten, dessen zehnjährige Amtsdauer abgelaufen ist, empfiehlt Spier-Bocholt die einstimmige Wiederwahl durch Zurns. Der Antrag wird einstimmig angenommen. 3. Ergänzungswahl des Vorstandes und der Stellvertreter. Infolge Ablebens des Vorstandsmitgliedes Goldstein-Grevenbroich und Ablauf der Arutsdaner von Graf-Essen und Steinweg-Nheda sind drei Mitglieder zu wählen. Herr Steinweg ersucht vor Eintritt in die Wahlhandlung dringend, von einer Wiederwahl seiner Person abznsehen, da er wegen seines vorgerückten Alters seinen diesbezüglichen Pflichten nicht Nachkommen könne. Die Versammlung würdigt die angeführten Gründe und verzichtet zu ihrem Bedauern auf ihren langjährigen Heiser und Förderer der Geschäfte. Liepmannssohn - Minden drückt dem scheidenden Vorstandsmitglied den Dank der Versammlung ans für alle Treue und Hingebung, und bittet die Versammlung, den Scheidenden znm Ehrenmitglieds des Vorstandes zu ernennen. Dies geschieht mit einstimmiger und freudiger Befriedigung aller Anwesenden. Auf Antrag Liepmannssohns wird sofort eine Wahlkommission gebildet, und die Sitzung auf 15 Minuten sistirt. Bei der alsdann durch Stimmzettel erfolgten Wahl vereinigen sich die Stimmen auf die Kollegen Graf-Essen, Baum-Nheine, Kanfmann- Gelsenkirchen; als Stellvertreter werden auf dieselbe Weise gewählt: Kaufmanu-Ahleu, Lilienfeld-Steele und Fröhlich-M.-Gladbach. 4. Die Wahl zweier weiterer Vorstandsmitglieder für den Verein ist durch Anschluß des Südwestdeutschen und des Kölner Lehrervereins statutengemäß nothwendig geworden. Einstimmig werden durch Zuruf gewählt: Eppstein-Hoppstädten und Goldschnndt-Köln. Der Eintritt dieser Beiden in den Vorstand geschieht erst nach ministerieller Genehmigung der revidirten Statuten. 5. Wahl eines dritten Delegirten und zweier Stellvertreter zum Lehrerverband. Es sind dies die Kollegen Liepmannssohn - Minden. Ransenberg-Neuwied und Andorn-Kreseld; die Stellvertreter Fröhlich- M.-Gladbach und Goldschmidt-Dortmund. 6. Ehrung eines Gönners. Der Vorsitzende, Herr Hauptlehrer Graf, berichtet, daß die Ehrung dem um die Kasse hochverdienten Herrn Rabbiner Dr. Frank in Köln anläßlich seines 25jährigen Amtsjubiläums gelten solle. Herr Dr. Frank habe in wenigen Jahren mehr als 13 000 Mark dem „Lieblingskinde" unseres Vereins durch Sammlungen zugewendet, auch sonst stets sein Interesse dem Vereine und seinen Bestrebungen gezeigt. Er bitte deshalb um eine ent sprechende Ehrung des Jubilars. Er schlägt vor, den Herrn Dr. Frant zum Ehrenmitglied zu ernennen^die höchste Ehre, die ein Lehrerverein zu vergeben hat. Ferner soll ihm eine kunstvoll ansgestattete Adresse überreicht werden. Die Versammlung stimmt dem Vorschläge freudig zu. — Gleichzeitig wird der Vorsitzende ersucht, der Marks-Haindorfschen Stiftung (Israelitisches Lehrerseminar) in Münster, zum Fest ihre 75 jährigen Bestehens die Glückwünsche des Vereins zu übermitteln. 7. Vortrag: Nach welchen Gesichtspunkten ist die Auswahl fü eine jüdische Schülerbibliothek zu treffen? Nach der Erledigung so viele Persoualsragen (s. Punkt 2. 3. 4, 5, 6) widmet die Versammlung gern ihre Aufmerksamkeit diesem freien, längeren, sehr fesselnden Vor trage des Kollegen Me Her-Lünen. Der Vortragende erörtert all Fragen, die in den Nah tuen seines höchst aktuellen Referates hinein gehören, spricht über die Nothwendigkeit der Schülerbibliotheken im Allgemeinen, über die Grundsätze, nach denen die Auswahl zu treffen sei. warnt, den Kindern zu früh die Schülerbibliothek zu eröffnen (Alter 11-14 Jahre) u. s. w. Mit besonderer Ausführlichkeit behandeb nun der Referent diejenige!: Punkte, die die jüdische Lehrerschaft speziell angehen, so die Fragen: ob die Auswahl nur aus jüdisch-konfessionell^ Jugeudschriften und solche Bücher, welche Christliches gar nicht oder nur allgemein Religiöses enthalten, beschränkt werden darf; ob Bücher.