Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- Seite 111 (sequence 5)
- Language
- German
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„Der Abgeordnete Dr. Porsch Hot einen Persönlichen Angriff gevsu nnch beliebt und von einem feineren Verständnis; snr jüdische Eigenart gesprochen. Gerade ich aber habe ganz scharf das gleiche Recht snr Alle betont und mich gerade dagegen gewandt, das; man einen Unterschied macht. Davon abgesehen aber entspricht eine solche Insinuation! des Abgeordneten Dr. Porsch nicht meinen Anschauungen über parlamentarischen Geschmack und parlamentarischen Anstand." Im Uebrigen hat das Zentrum an diesen! Tage sich wiederholt darüber beklagt, wie weh es thue, immerfort „als Staatsbürger zweiter Klasse" behandelt zu werden. O ja! In der Sitzung vom 2. d. M. brachte der freisinnige Abgeordnete Theodor Barth die bekannte Angelegenheit des wackeren Pfarrers Krösell in Kloekzin zur Sprache, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, hinter die Geheimnisse des j Konitzer Mordes zu kommen und seine „wissenschaftlichen"! Resultate auf den Hommerschen Dörfern vorzutragen. Wir; erfuhren bei dieser Gelegenheit, daß der Vorstand einer Syna-! gogengemeinde auf seine Beschwerde an das Konsistorium die Antwort erhalten hat: Der Pfarrer Krösell habe bestritten, daß er das Urtheil des Konitzer Gerichts kritisirt und aufreizend! gesprochen habe. Das soll nicht aufreizend gewesen sein! Wegen der Rücksicht, die der Pfarrer Krösell seinem Amte schuldig ist, sei ihm das Nöthige eröffnet worden. Der Kultusminister Studt antwortete hieraus Folgendes: „Ueber das Verhalten der evangelischen Geistlichen ist nicht der Kultusminister, sondern die betreffenden Konsistorien und der Oberkircbenrath kompetent. An den Oberkirchenrath hätte man die Beschwerde richten sollen. Was das Schullokal betrifft, so ist durch den Landrath die Benutzung des Schullokals untersagt worden. Damit ist die Sache für mich erledigt." Der Abgeordnete Barth sand diese „rein formalistische" Antwort des Kultusministers „sehr kühl" und sagte zum Schluß: „Der Minister hätte gegenüber dieser verhetzenden Thätigkeit sich nicht blos als Kultusminister, sondern als Staatsmünster suhlen müssen. Hier handelt es sich nicht blos um das Interesse der Synagogengemeinde. sondern des öffentlichen Friedens, um die Ausrechterhaltuug von Nahe und Ordnung. Bei der kleinsten Verfehlung eines Sozialdemokraten tritt das ganze Ministerium ins Gewehr. Man gewinnt den Eindruck, als ob der Minister meinte, der Pastor hätte zwar formell nicht Recht, aber in der Sache selbst hätte er gar nicht so übel gehandelt. Dagegen muß doch Front gemacht werden, solche anfhetzenden Reden müssen in einer Provinz wie Westpreicheu zu ernsthaften Bedrohungen der Inden an Leib und Leben fuhren. Ein Gericht hat allerdings die Rede des Dreschgrafen Pückler, als symbolisch und als nicht gefährlich bezeichnet. Die Leute aber, die ihn gehört haben, nehmen seine Worte nicht symbolisch, sondern anss Wort. Die Behörden, die das zulassen, übernehmen eine gefährliche Veran tw ort li chkei t." H- Der vom russischen Minister des Innern vor längerer Zeit fertiggestellte Plan zur Abschaffung der jüdischen Steuer auf Fleisch und Licht (Karobka) ist bis auf Weiteres vertagt worden. Als Grund für diesen Aufschub wird u. a. auch die merkwürdige Thatsache angegebeu, daß ein Theil dieser Steuern zur Verbesserung der Landstraßen verwendet wird, deren Instandhaltung den Juden ebensogut wie den Christen zu gute komme. Es wird hiermit in dürren Worten zugegeben, daß ein Theil der von den Juden für die Bedürfnisse ihrer Armen und ihrer Gemeinden aufgebrachten Summen zur Ausbesserung der Landstraßen verwendet werde. Die angegebene Motivirung, daß die Landstraßen ja auch den Inden zu gute kommen, kann nur in Rußland als genügend angesehen werden. Dafür zahlen doch die Juden auch Stellern. Am 22. Dezember vergangenen Jahres hat das Ministerium von New-Zealand, Australien, Herrn Charles Lonisson ans Christchurch als Mitglied des gesetzgebenden Rathes von New- Zealand bestätigt. Mr. Louissou ist der zweite Jude, welcher in New-Zealand dieses hohe Amt bekleidet. Schon als ganz junger Mensch hat Mr. Lonisson sein Geburtsland England verlassen, um 1854 nach dem damals ziemlich wilden Australien zu gehen, wohin ein unbezwinglicher Hang zu Abenteuern ihn lockte. Er kam zunächst nach Victoria, wo er nacheinander Schiffsarbeiter, Goldgräber und Händler war. 1864 siedelte er nach New-Zealand über, um da zuerst als Zollbeamter, dann als Kaufmann und später als Schiffsrheder thätig zu sein. 487'» kam er nach Christchnrch, wo er die Crown Brewery Company gründete, an deren Spitze er noch jetzt steht. 1881 wurde er Stadtverordneter seines neuen Wohnortes und sechs Jahre darauf Bürgermeister daselbst, ein Amt, welches er zweimal, und zwar 1887—1889 und 1897—1899 bekleidete. Außerdem bekleidete er seit 188.") das Amt eines Friedensrichters. Mr. Lonisson, der auch eiu guter Jude ist, war mehrere Male Vorsteher der jüdischen Gemeinde von Christchnrch gewesen. Me Indischen Apotheker. Von Max Rußban m in Paderborn. ezugnehmend aus den Artikel: „Die jüdischen Notare" in Nummer 6 dieses Blattes wäre es interessant, auch einmal in anderen Berufsarten, die zu den „akademisch gebildeteil" gehören, Umschau zu halten, wie es mit den Juden steht. Ich möchte einmal das Verhältniß zwischen Inden und Christen bei den Apothekern kurz beleuchten. Die Apothekenbesitzer suchen ihre Assistenten und Eleven durch Annoncen in Fachzeitungen, besonders in der „Pharmazeutischen Zeitung". Ich nahm mir seit einem Monat die Mühe, zusammen zu zählen, wie viel Annoncen das Wort „Christ" enthalten, und ich kam zu der Zahl: 15 Prozent; also circa 15 Prozent aller deutschen Apothekenbesiher schließen Mitbewerber jüdischen Glaubens um ihre vakanten Assistentenstellen aus. Diese thun es öffentlich; nun kommen solche hinzu, die das Angebot eines jüdischen Kollegen einfach in den Papierkorb werfen, wenn sie auch nicht das Wort „Christ" ihrer Annonce beigefügt hatten. Ferner giebt es Besitzer von Apotheken, die nie ihre Apotheke einem Juden verkaufen, die gar nicht daran denken, eine Verwalterstelle einer Filiale einen: Juden anzuvertrauen und dergleichen Dinge mehr. Dies „der pharmazeutische Antisemitismus" C unter den Apothekerbesitzern. Zur Beleuchtung des pharmazeutischenAntisemitismils nnter den christlichen Kollegen nur die Erzählung einer That- 9 Dieser Ausdruck hat sich schon in Fachkreisen eingebürgert, und lebhaft wird man dabei an Heines „Alta Troll" erinnert, der in seinem Reiche der Bären den Inden volle Gleichberechtigung gewähren und nur das „Tanzen auf den Märkten" im Interesse seiner Kunst verbieten will. In einem Gespräch mit Fanny Lewald erzählte Heine später: „Das ist keine Erfindung. Ich habe das einem im Uebrigen sehr verständigen und liberalen Manne, einem Apotheker, nachgedichtet, mit dem ich in Göttingen verkehrt habe. Er war der Meinung, daß mau die Juden emauzipiren müsse, daß man sie alles solle werben lassen — nur nicht Apotheker! Das gehe wirklich nicht." Vgl. „Erinnerungen an H. Heine" von F. Lewald in den „Illnstr. Deutschen Monatsheften" Jahrg. S. 125.