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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-01 · Heft 9 (1.3.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 9 (1.3.1901)
Date
1901-03-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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65. Jahrgang. Nr. 9. Berlin, l. März 190l. Der GemeLndebote. Weikage zur „Aktgemeinen Zeitung -es Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutsch land. 22 Berlin, 27. Februar. Durch die politischen Zeitungen geht die Nachricht, daß der Allgemeine deutsche Judentag bereits im Laufe des März in Berlin abgehalten werden soll, und daß lediglich eine gemeinsame Aktion der bestehenden jüdischen Vereinigungen zum Schutze der staatsbürgerlichen Rechte der Juden beratheu werden würde. Als Delegirte sollen Vertreter der meisten jüdischen Organisationen, unter Ausschluß der Zionisten, zugelassen werden. In zionistischen Kreisen plant man für den Fall, daß der Judeutag wirklich die Zionisten von seinen Verhandlungen fernhalten sollte, eine Gegendemonstration durch gleichzeitige Einberufung eines deutschen Zionistentages. Der erste Theil dieser Nachricht ist, wie wir bestimmt versichern können, absolut falsch. Es handelt sich nur uni eine Vorkonferenz zur Schaffung einer einheitlichen Gesammtorganisation, die aber wohl auch noch nicht im März zu Stande kommen dürste. Ob der zweite Theil der Meldung den Thatsachen entspricht, entzieht sich natürlich unserer Kenntniß. Aber möglich wäre es schon, und wir wurden uns darüber weder wundern noch aufregen. 22 Berlin, 27. Februar. Gestern ging im Krollschen Saale eine merkwürdige und höchst interessante Veranstaltung von Statten. Zur Unterstützung der Chinakrieger und der rumänischen Inden wurden altgriechische, altjüdische und al tchri stl ich e Gesänge durch eine von Professor Oscar Fleischer geleitete Gesellschaft in wirksamer Weise zum Vortrag gebracht. Natürlich fehlte es diesen Darbietungen nicht all modernen Zusätzen; am meisten war dies bei den altjüdischen Melodien der Fall, die bis an die Grenze der italienischen Oper nwdernisirt waren. Diese Abtheiluug begann mit dem Lobgesang am rothen Meere, der in der sephardischen Gemeinde zu London sich „erhalten" hat, brachte den 100. Psalm, das Berum Olam und den Umzug beim Schlußfest in der trefflichen Bearbeitung von Eisenstadt, zum Schluß den 149. Psalm. Diese Abtheilung hatte auch unbestritten den größten Erfolg. Der Chor, von Professor Frendenberg geleitet, sang sehr gut, und voll den Solisten zeichnete sich namentlich Fräulein Vera Goldberg vortheilhast ans. Das Publikum, durch ein ausführliches Programm voll Professor Fleischer über die historischen Grundlagen belehrt, erwies sich sehr dankbar, und eill Jeder wird wenigstens all diesem Abend ein Urtheil darüber gewonnen haben, ob es wirklich origincrl-altjüdische Melodien giebt oder nicht. 8. Berlin, 21. Februar. Die heutige, zahlreich besuchte Delegirtenversammlnlig des Verbandes für jüdische Wohlthätigke i ts ps leg e wurde vom Vorsitzenden Jnstizrath Breslauer mit der für die Jetztzeit immerhin noch tröstlichen Versicherung eingeleitet, daß auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit die Arbeit der Juden wenigstens anerkannt werde, daß mall hieraus die Juden nicht verdrängen könne und zu verdrängeil glücklicherweise auch nicht die Absicht habe. Sei doch erst in neuester Zeit, und zwar von christlicher Seite ausgehend, ein Fest für die Verwundeten in China und für die verfolgten Juden in Rumänien veranstaltet worden. Nach der akklamativen Wiederwahl dreier allsscheidenden Mitglieder des geschästsführenden Ausschusses, der Herren Jnstizrath Breslauer, Grüttln ald und Gustav Sachs, und der Neuwahl von Frau Direktor May an Stelle der verstorbenen Frau Dr. Maybaum gab der Vorsitzende den üblichen Bericht über die Thätigkeit des Verbandes, der sicherlich allmälig*zu seinem vorgesteckten Ziel gelangen dürfte, die gesummte Wohlthätigkeit in Berlin überschauen und helfend eingreifeu zu können. Nach dem Bericht haben im vorigen Jahre zwei große Versammlungen stattgesuuden, in diesem Jahre werden voraussichtlich drei einberufen werden können. Die Frauenvereine sind in fünf Sitzungen zusammengetreten, um diejenigen Fälle zur Erledigung zu bringen, bei denen die Mitwirkung mehrerer Vereine geboten erschien. Als Mitglieder sind neu hinzugetreten der Verein für Krankenpflege, die Iranenloge Humanitas und das jüdische Kinderheim; der Verband zählt nunmehr 68 Mitglieder. Die Thätigkeit der Centralstelle war eille sehr srege. Vom 1. März 1900 bis 15. Februar 1901 gingen 10 558 Anfragen ein (1000 mehr als im Vorjahre), 11 248 Berichte wurden erstattet. Seit Bestehen des Verbandes beläuft sich die Zahl der Anfragen aus 47 000, die der Berichte auf 58 000. Unter den Eingängen befinden sich 820 Allsragen und 218 Berichte voll der städtischen Centralstelle — ein Beweis der Jnterkonfessionalität der Wohlthätigkeitsbestrebungen! Auch die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft haben mehrfach Berichte an die Centralstelle gegeben. Alsdann hielt Dr. Wilhelm Reumann einen mit lebhaftem Beifall ausgenommenen Vortrag über „Entwickelung der jüdischen Wohlsahrtseinrichtungen — Fürsorge und Selbsthilfe." In sehr instruktiver Weise erörterte der Redner die verschiedenen Phasen der Wohlsahrtsbestrebungen und legte die Prinzipien, von denen die Wohlthäligkeitsnbllngen allsgingen, und die praktischen Maßnahmen dar, in denen sie sich ansprägten. Von der mosaischen Arlnengesetzgebnng ausgehend. führte er eingehend das Alterthum, das Mitteialter und die Neuzeit — letztere nur in Rücksicht auf die Leistungen der deutschen Juden — vor mit dem Hinweis, daß das ethische Prinzip der jüdischeil Wohlthätigkeit stets das gleiche geblieben sei und seinen prägnanten Ausdruck in dem erhabenen Grundsätze: „Liebe Deine Feinde wie dich selbst" gesunden habe, daß die jüdische Wohlthätigkeit stets nach zwei Polen, der Fürsorge und der Selbsthilfe, tendirte. In reichstem Maße habe sich überall der Segen des Fürsorgesystems bewährt, das seine wichtigsten Erfolge ernte, wenn sich die Fürsorge mit der Vorsorge verknüpfe. Eine längere Erörterung widmete der Redner noch den Maßnahmen zur Bekämpfung der Wanderbettelei und den neuesten Schöpfungen auf dem Gebiete der Wohlfahrtsbestrebungen, dem zu begründenden Institut für verwahrloste jüdische Kinder und der bereits im Ban begriffenen jüdischen Arbeiterkolonie in Weitzensee, welche beide ihre Kraft auch aus dem Gebot der Nächstenliebe ziehen, und deren werkthätige Unterstützung in hohem Maaße wünschenswerth sei. Wir können uns um so mehr aus diesen Auszug aus dem interessanten Vortrage beschränken, als der letztere, dem Wunsche der Versammlung gemäß, zum Druck gelangen soll. In der sich anschließenden Diskussion wurde hauptsächlich der Mangel beklagt, daß zum Schlitze der mutterlosen Kinder, deren Vater sie nicht erhalten könne, so wenig geschehe. Allseitig wurde die Schwierigkeit der Lösung dieses Problems nicht verkannt, die Aufgabe aber als eille dringende und wohlgeeignet für die Thätigkeit der Frauenvereine bezeichnet. ö? Königsberg 1. Pr., 22. Februar. Das hiesige Komitee zur Unterstützung der rumänischen Juden veröffentlicht einen Bericht über seine bisherige Thätigkeit. Es sind eingegangen: 1. Sammlungen aus Königsberg 11710,15 Mark. 2. Restbestand, welcher aus einer früheren Sammlung beim Magistrat zu Königsberg i. Pr. hinterlegt war, 2561,80 Mark, 8. von auswärtigen Gemeinden 591,70 Mark, insgesammt 14 863,65 Mark. Davon gingen ab: Verwaltnngskosten 90,14 Mark, es wurden abgeführt an die Nationalbank sür Deutschland in Berlin 14605,65 Mark. Der Nest von 167,86 Mark soll nach Bezahlung noch ansstehender Rechnungen ebenfalls an die Nationalbank für Deutschland in Berlin abgefnhrt werden. ^2: Könitz, 25. Februar. Gegen den Kaufmann Matthäus Meyer aus Könitz und mehrere Mitglieder seiner Familie war bekanntlich aus Anlaß der Konitzer Affäre eine Untersuchung wegen Meineides eingeleitet worden, die, nachdem die Familie Meyer nach Berlin verzogen war, von der dortigen Gerichtsbehörde geführt wurde. Wie null die in Könitz erscheinende „Ostdeutsche Tageszeitung" erfährt, ist gemäß dem Anträge der königlichen Staatsanwaltschaft laut Beschluß des königlichen Landgerichts I Berlin vom 8. Februar d. I. das Verfahren eingestellt. Das ganze Verfahren scheint nur den Zweck gehabt zu haben, die Widersprüche zwischen den beiderseitigen Zeugen-

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