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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-01 · Heft 9 (1.3.1901) · p. Seite 107

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 9 (1.3.1901)
Date
1901-03-01
Page
Seite 107 (sequence 13)
Language
German
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107 „Dann esst ich davon," erwiederte Heva, „aber nur unter der Bedingung, daß Du ihn mit mir theilst und mir nachsagft: dies sei Gift für Dich, wenn Du mich je zu lieben aufhörst." Leon warf einen Blick auf Kronele und fand keine Antwort. „Du zauderst?" rief Heva schmollend, „Du liebst mich bereits nicht mehr?" Die Verlegenheit Leons wuchs sichtlich, als Kronele, die den inneren Kampf ihres Vetters und seine Liebe zu ihr bemerkt hatte, ihm aufs neue den Rettich überreichte, ein anderes Stück nahm und ihm sagte: „Leon, möge dieser Moraur unser Tod sein, wenn wir je unserm Herzen untreu werden. Du dem Deinigen, das Heva angehört, ich dem meinigen - " „Habe ich darum eine Tochter erzogen, daß sie für einen Mann zu sterben bereit sei?" kreischte da die Mutter auf. „Was muß ich hören, was sehen! Für einen Mann sterben! Das heißt Gott beleidigen. „Ich war so jung und schön wie ihr, aber ich habe nie in meinem Leben daran gedacht, für einen Mann zu sterben. Eine brave Jüdin denkt nicht an Liebe; die Liebe ist ein Laster der Gojim." „Mama," sagte Heva spitz, „das alles war gut für Deine Jugendzeit, wir aber sind vor allem Französinnen." „Du kannst thun was Du willst. Was aber mein Verdruß, was mir das Herz zerspringen macht" — und hier wurde ihre Stimme weicher und mit Thränen getränkt, „was mir mein Leben verkürzt, ist meine Tochter, die eher Vater, Mutter und die ganze Welt untergehen sieht, als auf einen Mann verzichtet; als gäb'sinder ganzen Welt nur diesen einen Mann!" Frau Reich trocknete sich ihre Thränen. Kronele, die nie eine solche Sprache aus dem Munde ihrer Mntter gehört, verschlang sie mit ihren Augen. Sollte mich meine Mutterlieben? dachte sie. Habe ich mich getäuscht? Zum ersten Male stellte sich Kronele diese Fragen. Die Mutter ihrerseits, die ihre Tochter betrachtete, sagte zu sich selbst: Jst's möglich, daß Kronele nie gefühlt hat, daß ich sie mehr als alle meine andern Kinder liebe? Jst's möglich, daß sie wirklich für einen Manu stürbe? Wie blaß sie ist! Ach, wenn sie wüßte, wie ich sie liebe! Mutter und Tochter legten sich mit solchen Selbstgesprächen zu Bette. Dennoch gab erstere Leon den Befehl, gleich nach dem Feste nach Bischweiler zu gehen, um Kronele mit Herrn Netter zu verloben. „Wenn 10,000 Francs nicht genügen," fügte sie hinzu, „versprich ihm 15,000." Aber Leon drängte durchaus nicht, Kronele zu verloben. Unzufrieden mit seiner Braut, mit sich selbst, begab er sich auf geradem Wege nach Hause. Vierzehn Tage später eilte Frau Reich selbst nach Bischweiler, aber nicht, um Kronele zu verloben, sondern um den Arzt über die Lage ihrer Tochter zu befragen. Denn seit jenem Tage, wo die Mutter ihre Tochter gezwungen, den verhängnißvollen Brief an Elias zu schreiben, war die Krankheit des armen Mädchens zum Ausbruch gekommen. Sie blieb wie gelähmt auf dem Kanapee liegen, selbst das Reden ward ihr fortan schwer. Die Mutter kannte wohl den ersten Keim des Uebels, wollte es aber dem Arzte nicht gestehen, denn sie hätte sich selbst anklagen müssen. Dieser sah die Kranke und versprach, sie durch Bäder in kurzer Zeit wieder herzustellen. (Forts, folgt.) Badebrref. Sehr geehrter Herr Redakteur! eit dein 1. Januar 1900 habe ich mich darauf gefreut. Ihnen wieder einmal den Vorwurs machen zu können, daß Sie etwas versäumt hätten und in Ihrer Tätigkeit als Chefredakteur lässig gewesen seien. Da ließen Sie Ihren Badebrief aus Kissingeu und aus der Heimath Spinozas erscheinen, und ich war der Mainirte. Ich konnte Ihnen nämlich mit meinem Badebrief nicht zuvorkommen, denn ich kann mir keine Badereise leisten. Ich mußte mit meinem Badebrief warten, bis unsere „Großen" ans dem Bade zurückgekehrt waren und all die Neuigkeiten ausgekramt hatten, die sie von dort mitbrachten. Ja, würden Sie mir endlich das Honorar gewähren, das mir als Ihrem bedeutendsten Spezialberichterstatter zweifellos zusteht, dann könnte ich mir auch den heimathlichen Staub für ein Paar Wochen voll den Füßen schütteln! So aber bin ich auf die Brosamen angewiesen, die von den Tischen der Reichen fallen — und damit Sie mir nicht wieder zuvorkomnien, schreibe ich Ihnen heute schon im Winter meinen Badebrief, unter Benutzung der Erlebnisse, die mir unsere Badereisende frenndlichst zur Verfügung gestellt haben. Zwei bedeutende Männer unserer Gemeinde habeil im Jahre 1900 eine Badereise „gethan". Unser Herr Parneß, wie selbstverständlich, und unser Herr Chasan, wie nicht weniger selbstverständlich. Unser Herr Rabbiner mußte zu Hause bleiben: selbst die bei seinen Amtsgenossen zur Badereise mit Recht so beliebten „drei Wochen" mußte er in seiner geliebten Gemeinde verbringen. Unser Herr Parneß ging an die „See", unser Herr Chasan begab sich ins Gebirge. Er behauptet, daß das für die Stimme zuträglicher sei. Und ein Chasan muß das ja wissen. Uebrigens hat unserem Chasan die Badereise keinen Pfennig gekostet. Kurz vor den Ferien schmetterte er das hohe C beim Ausheben mit einer solchen Gewalt unter die verzückte Gemeinde, daß ein hohes Cis daraus wurde. Gleich nach Schluß des Gottesdienstes verabredeten unsere Notabeln eine Petition an den Vorstand, daß dem vielgeliebten Chasan in Anerkennung seiner hervorragenden Leistungen und seiner unschätzbaren Verdienste uni die Hebung der Religiosität und die Erhaltung des Judenthums eine Badereise auf Staatskosten gewährt werden möge. Unser Parneß, dem jede Gelegenheit willkommen ist, um dem Chasan eine Gehaltszulage zu bewilligen, war sofort bereit, der Petition Folge zu geben, und so kam unser Chasan zu seiner Badereise. Unser Rabbiner hatte sich heiser gepredigt, aber für den gab es keinen rothen Heller. Ich finde das nicht ganz recht, wenn ich auch eine Meinung haben darf; es kann doch nicht Jeder ein gottbegnadeter Chasan sein und doch im vollsten Maße feine Pflicht und Schuldigkeit thun. Aber sagen Sie um Gotteswillen unserm Parneß nicht, daß ich das gesagt habe; er würde den wenige» Abonnenten, die ich bisher für Ihr geschätztes Blatt zu sammeln vermochte, unter Androhung einer empfindlichen Erhöhung der Kultnsstener verbieten, ein gegen die Oberherrlichkeit der Parnossim und die Beweihräucherung der Chasanim so feindseliges Blatt weiter zu halten, und was er erst für mich für eine Strafe ersinnen würde, das weiß nur ein Parnossimgehirn auszudenken. Unser Chasan hüllte sich über seine Badeerlebnisse in stolzes Schweigen, nur so viel ließ er verlauten, daß er ans das un-

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