Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 106 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228429--57328-3293693- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
106 „Ja, ja," sagte der Alte, das Haupt wiegend, „Du lachst, die Dinge, die da in dem lieiligen Buche stehen, und über die ich mir den Kopf zerbreche, die machen Dich lachen" „Aber Vater," wehrte das junge Mädchen, „ich habe ja gar nicht darüber gelacht; ich habe .. „Schon gut, schon gut," unterbrach sie der Vater, „Du bist eben noch jung, und ein solch junges Ding hat mehr Freude an prächtige» Aufzügen und großen Festlichkeiten als an der heiligen Schrift. Und Du denkst gewiß noch an den Einzug der Polen, dessen Pracht Dir seit jenem Tage nicht aus dein Kopfe geht." „Ach, es war schön und herrlich anzusehen, Vater!" rief Recha, „die prächtig geschmückten Ritter, die glänzenden Rüstungen und die rauschende Musik . . ." -Nun, ich weiß nicht, ob auch wir Grund haben, uns mit jenen Polen zu freuen," unterbrach hier Salomon die begeisterte Schilderung seiner Tochter, „bis jetzt hatten wir ja gottlob keine Klage, aber die Nachrichten, die ich von auswärtigen Brüdern erhalte, sind leider keine günstigen; immer mehr und mehr werden wir Juden in unseren Rechten, in der Ausübung unserer althergebrachteil Glaubensübunge» beschränkt ..." „Aber der Polenkönig," ries Recha erregt dazwischen, „der Polenkönig Boleslav ist ein edler Mensch!" „Der Polenkönig?" meinte gedehnt der Vater, indem er befremdet die Erregung seines Kindes gewahrte, „mag wohl sein, daß er edel ist, aber von Deutschland her kommen böse Nachrichten von unseren Glaubensgenossen, und Gott der Allmächtige gebe, daß der Haß und die Verfolgung von dorther nicht auch nach unserem Lande kommen! Wir gehen, fürchte ich, einer traurigen Zukunft entgegen; meine einzige Hoffnung setze ich in Gott, dem Allmächtigen, — noch hat er sein Volk niemals verlassen, und wenn auch eine Zeit der Knechtschaft und der Demüthigung eintrat, so ist doch Israel stets als Sieger hervorgegaugen!" „Hörtet Ihr nichts, Vater?" unterbrach ihn Recha, indem sie ihr Ohr der Thüre zuneigte. „Was sollt ich hören?" entgegnete etwas ärgerlich der Alte, „wer sollte um diese Stunde zu uns kommen?" „Mir war's, als hört' ich Schritte auf der Gasse." „Ich hör' nichts," meinte kopsschüttelnd der Jude, „aber Deine Ohren sind gewiß besser, und ich will Nachsehen gehn." Und mit diesen Worten nahm Salomon einen großen Schlüssel aus der Lade und ging au das Thor, um zu sehen, wer Einlaß begehre. „Macht auf, Salomon!" erscholl jetzt von der Gasse her die Stimme eines Fremden, „hier ist Jemand, der Eure Schätze scheu will und auch manches kaufen möchte." „Und kommt so spät," frug Salomon, noch hinter der verschlossenen Thür, „kann der Herr nicht früher kommen?" „Macht auf und fragt nicht lange," rief ungeduldig der Wartende, „'s ist ein gar vornehmer Herr, der Euch, Jude, mit seinem Besuche beehrt. Und dann, kennst Du mich denn nicht wieder, habe ich Dich doch in Gnesen aus den Händen der Menge befreit?!" Schnell hatte der Jude bei diesen Worten den Schlüssel im Schlosse umgedreht, der Riegel knarrte, und die beiden Ritter traten in den Hof. <Forts. folgt.) Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weill. XIV. 4W^lle Gäste, Männer und Weiber, Jünglinge und Mädchen, legen beim Passahmahl eine Hand auf die Mazzot und sprechen lant folgende Strophe: „Dies ist das Elendbrot, das unsere Vorfahren im Lande Mizraim aßen. Wer Hunger hat, er komme und esse mit uns, wen eS dürstet, er komme und labe sich mit uns. Dies Jahr sind wir hier, künftiges Jahr aber im Lande Israels. Dies Jahr sind wir Knechte, künftiges Jahr sind wir freie Männer!" Dieser Spruch stammt aus der babylonischen Gefangenschaft. „Ich wette," begann Leon, „Kronele dachte an Afrika statt an Asien." „In Asien," versetzte diese, „sind die Juden Knechte, in Afrika sind sie freie Franzosen." „Ja, das Ganze," sagte der junge Reich, „ist zu ändern. Es fällt mir garnicht ein, nach Jerusalem zu wandern, und so oft ich dies Gebet wiederhole, setze ich Paris anstatt des Landes Israel. Paris ist mein gelobtes Land." „Du hast diese Bemerkung schon im vergangenen Jahr gemacht," erwiederte ihm Kronele, „und Herr Elias, der damals noch hier war, hat Dir bewiesen, daß, solange nicht alle Völker einen einzigen Gott anbeten, die Juden bald in Afrika, bald in Asien, bald in Europa als Märtyrer des mosaischen Ideals werden dulden müssen. Ihr Märtyrerthnm ist noch lange nicht zu Ende und die sich frei wähnen und stolz thun, sind keine Juden mehr und haben nie gewußt, warum sie Juden waren." „Genug davon!" sagte die Mutter, die bei dem Namen Elias auffnhr. Mau begann die Wundererzählungen. Es ist der Brauch, daß ein mit Wein gefüllter Becher auf dem Tische steht, der dem Propheten Elias bestimmt ist, denn Elias ist der jüdischtalmudische Messias, der ihnen ihre Befreiung ankündigen soll. So oft man trinkt, nimmt ein Gast den Becher und nippt daran im Namen des Propheten, mit Ausnahme des letztenmals, wo der Becher gefüllt auf dem Tische über Nacht stehen bleibt, denn der Geist des Elias nippt erst um Mitternacht daran. „Kronele," sagte Leon, „muß für den Propheten trinken, denn in ihrem Sinne ist Elias — Elias Seidel." „Um des Himmels willen," sprach die Mutter ärgerlich, „ist's denn nicht mehr möglich, hier zu essen, ohne den Namen dieses Menschen zu hören? Nie ist so oft von ihm die Rede gewesen, als seit er von uns gegangen. Gewiß, Ihr werdet mich noch von hinnen treiben." Endlich sollte der Moraur geirossen werden, vom dem jeder ein Stückchen verzehrt zum Andenken all der Bitterkeit, die Israel seit der Zerstörung Jerusalems gelitten. Die Frauen überlassen die Speise gewöhnlich den Männern, heute aber verlangte Kronele ihren Theil Moraur. „Ich verbiete Dir's," sagte die Mutter. „Du bist zu unwohl, Heva kann Deinen Theil verschlucken, der schadet's nicht." „Ich," lachte Heva, „ich liebe nur Süßigkeiten, Bitteres überlasse ich Anderen." „Wie!" entgegnete Leon entrüstet, „Du würdest nichts für Deinen Mann dulden? Und wenn ich nun wünschte, daß Du dies Stück Moraur verzehrst?"