Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 105 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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105 einführenden (einer scharf umrissenen Charakteristik) und erklärenden Auseinandersetzungen, einlud, nicht schließen, ohne mich im Voraus wider den etwaigen Tadel verwahrt zu haben, Fanny Lewald gehöre nicht in diese Zeitschrift und vor ein Forum israelitischer Leser. Es genügt da, an die vielfältige Beschäftigung jüdischer Gelehrter mit Heinrich Heine zu erinnern. Ueber Ludwig Börnes Stellung zu der von ihm aufgegebenen Religion ist 1899 in der Prager „Jüdischen Universalbibliothek" bei Brandeis) ein Extraheft erschienen, und auch sonst hat das Judenthum, ungleich toleranter als andere Bekenntnisse, zumal als solche, denen mit dem Posannenlobe der Barmherzigkeit schlecht gedient wird, seinen verlorenen Kindern Aufmerksamkeit und Sorgfalt bewahrt, wie man allein aus dem 19. Jahrhundert an Dutzenden von Beispielen „schlecht Getaufter", innerlich aber, meistens ohne rechtes Bewußtsein, Inden gebliebener Schriftsteller beweisen kann. Mir schwebt da gerade der hvchtalentirte Feuergeist Karl Beck vor, dessen viele wundervolle elegische und pfalmenartige Gedichte auf des Judenthums Geschick im jüdischen Publikum heute kaum mehr bekannt sind. Um Fanny Lewald auf das Element einmal nach Herz und Nieren Zn prüfen, das ihr ans ihrer Anfangsstufe Regel und Richtschnur gewiesen hat, braucht man nichts zn entschuldigen. Ebensowenig wie wir, die konfessionellsozialen Wirren vor und nach dem tollen Jahr 18.18 erwägend, uns wundern, daß ein übergetretener jüdischer Arzt ans Schlesien, David AugustNosenthal, eine biographische Gallerie*) seiner Gefährten auf dem Wege nach Nazareth ausgestellt hat, in die Fanny Lewald hineingehörte, falls dies Buch nicht nur katholisch gewordene Apostaten oder Proselyteu berücksichtigte. Aufs Deutlichste beweist uns aber die streng dogmatischkatholische „Geschichte der deutschen Litteratur" Wilhelm Lindemanns (7. Auflage, von A. Salzer, 1898, S. 1062) die Richtigkeit der Jdeenverbindung, auf die sich vorstehender Aufsatz stützt; sie sagt nämlich direkt: „Fanny Lewald tritt in ihren Romaneil gelegentlich gegen die Unduldsamkeit des Christenthums auf, dem gegenüber sie das Judenthum erhebt." Me Körngskrartt. Historische Erzählung von Carola Vach he im. IX. /(Ä^ie Tage in Kiew gingell dahin in Glanz und Festesjnbel, Lustbarkeiten und Gelage, Wettkämpfe und Maskenzüge, alles wurde veranstaltet, um dein Polenkönige die Ehre zn erweisen, die einem so hohen Gaste gebührte; reges Leben und frohes Treiben herrschte in der vorher so arg bedrängten Stadt. Boleslav war den ganzen Tag in Anspruch genommen und mußte bei den Festlichkeiten sein, die ihm zu Ehren veranstaltet wurden; sein Geist war aber nicht dabei, und seine Gedanken wunderten stets nach dem kleinen Hause hin, zu dem y „Kcmvertitenbilder aus dem 19. Jahrhundert 1. Deutschland" lSchaffhausen 1864 — 66, 1889—91 Negensbnrg, in neuer Auflage erschienen.) Erkerfenster, all dem ihm das holde Mädchen erschienen, dessen Bild ihll nicht mehr verließ seit jenem Tage. Oft versuchte er sich dasselbe in seiner Erinnerung so lebhaft vor Augen zu führen, wie er es bei seinem Einzüge erschaut; jedoch umsonst, und wenn er dachte, das süße Bild vor Allgen zu haben, so mußte er sich dann stets eiugestehen, daß noch etwas fehle, daß es seiner glühenden Phantasie selbst nicht möglich sei, die holde Jungfrau so vollkommen zu sehen, als sie es in Wirklichkeit war, und da war er denn auch jedesmal entschlossen, diesem grausamen Spiele seiner erregten Sinne ein Ende zu machen und das liebliche Kind wiederznseheu und sich all ihrem Anblick zu berauschen. Tagsüber waren die Fürstell und die russischen Edelleute wieder fortwährend um ihn gewesen, und er konnte keinen Allgenblick des Alleinseins finden, an dem er mit dem Säckelwart ein vertrautes Wort sprechen, ihm einen geheimen Auftrag Hütte geben können; jetzt aber, als es Abend wurde und abermals ein Tag zur Neige ging, ohne daß er sie gesehen hatte, deren Reiz seine Sinne so sehr gefesselt, — da hielt er sich nicht länger, und bei der Tafel als eben ein Zug von Masken allerlei Kurzweil trieb vor den Augen der Fürstell, verließ er seinen Platz am oberen Ende der Tafel zwischen dem Großsürsten und dessen Sohne, und das Getümmel der fröhlichen Masken benutzend, verschwand der König aus dem Festsaale. Naschen Schrittes begab sich Boleslav in seine Gemächer, und hier gab er den Befehl, sogleich den Ritter Säckelwart zu holen, da er ihll sprechen wolle. Es hatte Mühe, den Ritter aus dem Maskengewühle herauszusinden, da sich nach des Kölligs Berschwinden die Ritter zu denselben gesellt hatten und mit ihnen allerlei Scherze trieben; endlich aber kam er athemlos in des Königs Gemach. Dieser war schon ungeduldig geworden; er war es gewöhnt und hielt stets darauf, daß seine Befehle auf der Stelle allsgeführt wurden. Er empfing daher den hastig Eintreteuden recht ungnädig, und als dieser sich für die unfreiwillige Verzögerung irr Entschuldigungen ergehen wollte, rief der Köllig ungeduldig: „Laßt das jetzt, ich Hab' Euch rufen lassen, und es gilt keine Zeit zu verlieren! Nicht immer gelingt es mir, so leichten Kaufes mich von der lästigen Gesellschaft der beiden Russell frei zu machen — hellte aber will ich diese Freiheit benutzen. Komm, führ' mich zur Jüdin Recha." „Aber es ist dunkel, Herr König, der Tag geht zur Neige .. . ." „Ich will!" unterbrach ihn heftig der König. Er hatte einen Mantel umgeworfen, der seine Gestalt und seine königlichen Gewänder verbarg, und so schritten sie, der König an der Seite seines Schatzmeisters, durch die Stadt zu jenem Hanse Hill. In einem mäßig erleuchteten Zimmer saß der alte Salomon über einen dicken Folianten gebeugt, in dem er eifrig las; sein Haupt bedeckte ein schwarzes Sauunetkäppchen, das er heftig auf seinem Kopfe Hill und her rückte, wenn ihm eine Stelle ill dem Buche, das er las, undeutlich war; dann zuckte er mit den Achseln, und sein ganzer Leib gerieth in Bewegung. Ab und zu, wenn er au eine solch schwerverstündliche Bibelstelle gelangte, sprach er leise, unverständliche Worte vor sich hin, und seine Stirne legte sich in erliste Falten. Recha, die all seiner Seite saß, blickte zuweilen erstaunt aus den Vater hin, und jetzt zuckte sogar ein verstohlenes Lächeln über ihren vollen Mund.