Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 104 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Sprachen neu übersetzen und als Prachtwerk illnstriren zu lassen. Es wäre ein großes Geschäft damit zu machen, und es geschieht auch noch! — (Und es wurde bald nachher gemacht!)" Damit nun aber Niemand rüge, die hier ansgehobenen Apercus seien zu schroff, zu anmaßend und willkürlich, sei darauf hingewiesen, daß wir es eben mit Tagebucheinträgen zu thun haben, die Fanny Lewald zunächst zum persönlichen Gebrauche machte, aber, als sie angeschwollen waren, doch einmal in ihrer Eesammtheit gedruckt wünschte. Und so dürfen denn auch diese Auslassungen nicht, wie sie hier als Beispiele des Stoffes wegen herausgerissen dastehen, wirken, sondern innerhalb des sortlanfenden Textes. Wie innig sie bis zuletzt an den Idealen ihrer Jugend hing, was die Niederkümpfung der konfessionellen Schranken, wie sie in jüdisch-christlichem Liebesbunde drastisch sich verkörpern, anbelangt, erweist die Niederschrift über ihr letztes vollendetes Werk „Die Familie Darmer", worin sie, wie wir oben sahen, jene Prinzipien laut predigte: „Zufrieden, daß mir das noch geglückt ist.es ist ein eigenartig getheiltes Empfinden, wenn man den letzten Strich einer Arbeit schreibt, mit der man sich Jahre lang getragen. Man nimmt Abschied von einer selbstgeschaffenen Welt, deren Gestalten uns Mitlebende gewesen sind. Mir ist heute so zu Muthe, als schiede ich von einem Lande und von Freunde», an die ich mein Herz gehängt, auf Nimmerwiedersehen!" Wolle man doch ferner auch bedenken, daß Fanny Lewalds oben angeführte unfreundliche Urtheile an Leute anknüpsen, die keine sonderliche Sympathie bei ihr erwecken konnten, und sodann: wer nie oder besser nicht öfters ähnliche Erfahrungen gemacht hat, der werfe den ersten Stein auf sie! Wie lebenslang einstarkerTropfen jüdischen Blutes sich in ihr geregt hat, so hat sie ihrem Ursprünge auch wahrlich nicht Unehre gemacht. Es berührt eigenthümlich, gegen den Schluß ihres Bekenntnißbuchs von dem letzten Besuche, den ihr am 8. -Oktober 1888 Eduard Simson, der damals 78jährige Reichsgerichtspräsident, abstattete, Bericht zn empfangen: „Mein ältester Lebensgenüsse - mein Spielkamerad von der Geburt au." Beide hatten ungesähr in denselben Jahren den Schritt gethan, der ihn ganz und gar der Religion der Geburt entziehen, sie dieser immer mehr entfremden sollte. Im Zeichen Goethes, des großen „Heiden", fanden sich die beiden merkwürdigen Menschen wieder, die Renegaten des Judenthums aus äußeren Motiven geworden waren, ohne je zum Protestantismus irgend eine wärmere Antheilnahme zu gewinnen. „Goethes Bild hing uns gegenüber an der Wand. Er hat unserem Leben das Gepräge gegeben." Simson hat außer der Bürde vieler hoher Staats- und Ehrenämter auch die des Präsidiums der Goethegesellschaft getragen, und das unter deren Aegide stehende „Goethennd Schillerarchiv" verwahrt nun seit dem letzten Jahre unter anderen persönlichen Handschriften der Größen deutschen Schristthums die Hauptmasse von Fanny Lewalds Briefen aus einem Geschenke ihres Neffen Dr. Felix Lewald, wie in der Jahresversammlung der Goethegesellschaft am letzten Pfingsten mitgetheilt wurde, und sie treffen sich dort mit der Fülle von Briefschaften der Lewald und ihres Gatten Adolf Stahr, die 1891 der Grvßherzog von Sachsen-Weimar dorthin gestiftet hat. So konzentrirt sich dies Material zur genaueren Kenntniß der Fanny Lewald um den Namen Goethes, der ihres Jugend- und im gewissen Sinne Schicksalsgenossen Simson Gedanken regiert hat. Im Verein mit den Papieren, die nach dein Tode von Stahrs — man vergleiche dessen Lebensskizze von mir „Allgem. Dtsch. Biogr." Bd. 35 den Schluß - ältestem Kinde Alwin 1892 zugänglich geworden, kann man nun Fanny Lewalds Eigenheiten nnd Privatverhältnisse in ihrem Frauenalter an ungeschminktesten Unterlagen studiren. Um die sogenannte jüdische Physiognomie ist es immer ein eigen Ding. Von Eduard Simson behaupteten die meisten Kenner, man habe ihm de» Inden angesehen. Theophil Zolling, der Herausgeber der „Gegenwart", stellte darin Nr. 14 vom 7. April 1900 aus Geigers Buch eine Auslese „Aus Fanny Lewalds Tagebuch" zusammen, wozu er einleitend von eigenen Besuchen plaudert bei der „kleinen, behäbigen Dame mit ausgesprochen semitischem Typus, großen, glänzenden Augen, und zn beiden Seiten des schwarzen Häubchens die sorgfältig tnpirten weißen Schillerlocken nach der Haartracht von 1830". Gerade das Gegentheil sagt Geiger in seiner fein charakterisirenden und nachempfindenden Einleitung, aus der wir uns mit einem schön unterrichtenden Stuck Auskunft erholen wollen. „Sv sehr Fanny Lewald durch das littcrarische Interesse in Anspruch genommen wurde, so wurde sie nie vollständig von ihm gefesselt. Religion und Politik behielten in ihrem Denken einen großen Platz. Fanny Lewald war als Jüdin geboren. In ihrem Aussehen hatte sie kaum etwas vom jüdischen Typus; ihrer Bildung verschaffte die väterliche Religion nur den Vortheil, den das bildungsfähige Streben der Inden am Anfänge dieses Jahrhunderts, sich durch Aneignung allgemeiner Kultur wahrhast zu Deutschen zu machen, den Angehörigen dieser Religionsgemeinschaft gewährte. Der Kreis, in dem sie sich seit ihrer Entfernung aus dem Vaterhanse bewegte, bestand wesentlich aus Christen. Besondere jüdische Interessen traten in der Zeit ihrer Reife — und nur von dieser handelt das vorliegende Buch — nicht mehr an sie heran. Eine solche Entfremdung hatte aber bei ihr nicht, wie dies bei gewöhnlichen Naturen leicht der Fall ist, Abneigung zur Folge. Dem Antisemitismus stand sie kühl gegenüber, ohne ihn zu theilen. Manche üble Eigenschaften ihrer ehemaligen Glaubensgenossen erkannte sie klar, empfand sie vielleicht tiefer, als sie gestehen wollte nnd tadelte sie scharf. — Eine Vergleichung zwischen ihrer angestammten und ihrer angenommenen Religion lag ihr fern. Eine fromme Christin in dogmatischem Sinne wurde sie nie. Sie besaß für das Christentum historisches Verständnis;. Seine Kulturbedeutnng war ihr anfgegange»; die Person des Stifters erregte ihre Sympathie. Aber viele Lehren des Christenthums blieben ihr fremd, wie die jeder anderen Religion, weil sie keine religiöse, keine Gefühls-, sondern eine Verstandesnatur war. Sie wollte nicht glauben, sondern begreifen . . . Die (spätere) Ueberzeugnng von dem Nichtwissenkönnen machte sie duldsamer gegen die Gläubigen. Air einen persönlichen Gott, an die Lehre von der Unsterblichkeit glaubte sie allerdings auch dann nicht. Nnn betrachtete sie aber fast mit einem Gefühl des Neides Diejenigen, die auf eine in einem einzigen Wesen personifizirte Weltregierung vertrauen, nnd die den Tod nicht als Ende des Lebens betrachten konnten . . . . „Ich habe mich resignirt, nicht glauben und nicht verstehen zu können." In diesem Satze faßte sie ihr Glaubensbekenntnis; der späteren Zeit zusammen. Ich will diesen Spaziergang zu dem mich Ludwig Geigers begnem dargebotene sinnige Spende, der Abdruck des allseitig anregsamen Lewald'jcheu Tagebuchs mit Geigers lehrreichen