Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 102 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Es ließen sich noch weitere Belege anführen, namentlich wenn man spitzfindig werden, oder das Vielfache von dreizehn gelteil lassen will; doch schon das bisher Angeführte reicht ans, nm zu zeigen, daß die Zahl dreizehn zu keiner Zeit im Judenthuin eine besondere, oder gar eirie unheilvolle Bedeutung gehabt hat. Um so bedauerlicher ist es, wenn zahlreiche Inden, die sich sogar zn den Gebildeten zählen, ihr eine solche beilegen. Sie zeigen damit, daß sie die Lehre des Jndenthums, die jeden Aberglauben verbietet und verabscheut, nicht kennen. Brief aus Oesterreich. Ende Februar. wir unseren vorigeil Brief mit einem Dementi begönnen, so sind wir in der Lage, dieses Schreibe» mit einer Bestätigung unserer Ansicht anzufangen, mit einer Bestätigung freilich, die uns nicht viel Vergnügen und Genugthuung bereitet. Kaum hat sich nämlich das Haus unserer Abgeordneten konstituirt, kaum ist unter schweren Wehen das Präsidium geboren worden, und schon schwirren allerlei Nachrichten umher, welche beweisen, wie Recht wir gehabt, als wir vor einer besonderen Exponirung des Judenthums bei den Wahlen, sei es im Interesse der einen oder anderen Partei, warnten. Insbesondere waren davor unsere Warnungen gerichtet, die extrem deutschen Parteien zu unterstützen. In deren Mitte sind ja die gefährlichsten Antisemiten zn suchen und zu finden; es find Diejenigen, welche den Antisemitismus in seiner wildesten Gestalt darstellen, den atavistischen Judenhaß, die den Antisemitismus zu eurer Rassenfrage gestalten. Die Inden täuschen sich aber, wenn sie meinen, dieser Judenhaß sei nur bei den Radikalen und nicht auch bei den sogenannten „Fortschrittlern" zu finden. Geivisse Erscheinungen haben gezeigt, ivie die ans das „fortschrittliche" Programm Gewählten oft noch gefährlicher für uns sind als die Männer von der Sorte Schönerer und Genossen. Wurde da iir Rumburg, einer der Städte des nördlichen Böhmens, bekannt dadurch, daß sie Leinwand erzeugt und dem extremsten Antisemitismus huldigt — so bekommen in dieser steifleinenen Kulturstadt Juden für ihr gutes Geld schwer Wohnungen — ein Mann gewählt, dem Juden gewiß ihre Stimmen gegeben haben. Der Herr heißt Per gelt und ließ sich als „Fortschrittlicher" wählen. Kaum ins Abgeordnetenhaus gelangt, wandelt dieser Herr von un - wandelbarer Treue seine Gesinnung um und entdeckt seine Liebe für Schönerer und Wolf. Er will mit Juden, den Herren Auspitz, Nosenzweig und Licht, in einem Klub nicht beisammensitzen; er möchte dem von Schönerer gegründeten „Alldeutschen" Klub beitreten. Nebenbei ist der Dr. Licht gar kein Jude mehr, er ist vielmehr schon vor langer Zeit ein Anhänger des evangelischen Bekenntnisses geworden. Was nützt es ihm aber? Pergelt will mit ihm doch nicht in einem Klub sitzen. Wie nennt man aber ein solches Vorgehen, wie es Herrn Pergelt einzuschlagen beliebte, sich nämlich von Juden und Fortschrittlern wählen zu lassen, und, wenn man in den Hafen der Gewühlten eingelaufen ist, die Grundsätze der Partei zu verleugnen, ans deren Programm hin man gewählt wurde? Die Einen werden es vielleicht Schlauheit nennen, wir benennen es Renegatenthum oder mit einer noch stärkeren Bezeichnung. Deutsche Treue ist dies auf keinen Fall, und wir aus einerniedrigeren Kulturstufe stehenden Juden mit unserem alten Testamente können von diesem auf einer höheren Kulturstufe stehenden germanischen Christenthum wenig lernen. Aber etwas sollten wir doch daraus lernen, das ist, solchen Herren für die Zukunft nicht unsere Stimme zn geben. Dann werden wir uns auch nicht über Perfidie zu beklagen haben. Wir begreifen aber die Welt schlecht. Der Herr Schönerer, dessen Vater mit Rothschild ziemlich vertraut war, dessen Million also auch nicht ganz auf germanischem Boden wuchs, dessen Nachkommenschaft stolz auf Schmul Leb Kohn aus Branowitz in Mähren zurückgeht, dessen Ahnenreihe also auf die uralten Ahroniden hinweist, der Urgermane Schönerer, Georg Ritter von Zwettl, geht natürlich noch weiter. Er will eine Anfrage an unseren Ministerpräsidenten richten. Und jetzt hören Sie, worauf sich diese Anfrage bezieht. Er will nämlich wissen, der ritterliche Gutsbesitzer, ob der Herr Ministerpräsident nicht der Meinung sei, daß zu viele Juden in der österreichischen Staatsverwaltung angestellt werden, und ob es nicht gut sei, dieses sich überall vordrängende Element entsprechend zurückzudrängen. Wir könnten dem Herrn Schönerer darauf eine Präzise Antwort geben. Die Juden werden in jenen Aemtern angestellt, in welchen man sie braucht. Gewisse Stellen aber bleiben ihnen für ewig versagt. Denn wie sollte man dann arme Adlige versorgen? Der Herr Schönerer zähle sich die jüdischen Bezirks richter, Auditoren, Schuldirektoren, Landesgerichtsräthe rc. zu sammen, und sein Schlaf wird ein ungestörter sein, voraus gesetzt, daß er sonst keine Störungen erleidet. Und für dn Gesinnungsgenossen dieses Schönerer und dieses Pergelt Habeisich die Juden bei den jüngster! Wahlen mit allen ihres Kräften eingesetzt, sie haben es offiziell als „Ehrensache de Judenthums" erklärt, diese Genossen ihrer Feinde zu wählen Wer da nicht mitging, wurde von gewissen Kreisen förmliä in Acht und Bann erklärt, als Friedensstörer bezeichnet, mit Brodentziehung oder noch mit Aergerem bedroht. Und jetz: müssen es die Inden in offener Reichsrathssitzung hören: Jh- „sonteniret" die Deutsch-Nationalen. Und wer ruft dies aus' O grausame Ironie des Schicksals, der Dr. Stranskh, der getaufte Jungtscheche, welcher in den Cafös mit Juden Karten spielt, Dr. Stranskh ruft dies aus, während Franko Stein, der Genosse Schönerers, ihm antisemitische Schimpfworts en gegenschleudert. Wenn es nun Leute giebt, welche angesichts solcher Erscheinungen behaupten, besser war es für uns i n Ghetto, muß man ihnen nicht, wenn auch widerwillig, z> - stimmen? Schwer lastet die Hand der Antisemitenliga ans uns, dies fühlen wir von Tag zu Tag mehr; wir fühlen se umsomehr, je öfter wir uns sagen müssen, wir haben sell t nicht am wenigsten das Grab ausgehöhlt, in das man m § schleudern möchte.-Wundere man sich ja nicht in unser »I offiziellen Kreisen, wenn die wahrhaft jüdisch Gesinnten, a I gestoßen durch dies ganze Treiben, sich immer mehr zurü k-I ziehen, angeekelt von dieser falschen Gesinnungslumperei, v-nil all dem Streberthum, welches jedes kräftige Wort scheut.! sind wahrlich nicht die Schlechtesten, welche eine Sammlung! des Judenthums ganz energisch verlangen. So geht es ninit! weiter, und gar bald werden wir erkennen, wie schwer n an uns selbst gesündigt haben. I Ob dieses Abgeordnetenhaus sechs Jahre oder sechs Mona!'» bestehen wird, das können wir jetzt nicht sagen, eines ab>« können wir schon jetzt behaupten: Gutes für uns Juden wu«