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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-01 · Heft 9 (1.3.1901) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 9 (1.3.1901)
Date
1901-03-01
Page
Seite 100 (sequence 6)
Language
German
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106 Judenthum sei gar zu mächtig und gar zu einflußreich, es reiße schon jetzt alle Wissenschaft an sich und alle Kunst, allen Handel und alle Industrie. Während aber solche Behauptungen hauptsächlich von denen ausgestellt werden, die in der Thal nichts von der Wissenschaft an sich gerissen haben und nichts von der Kunst, und welche zum Handel und zur Industrie nur insoweit eine Stellung einnehmen, als sie beide zu verleumden, erklärt eine nicht viel höher stehende Gruppe, das Judenthnm sei nicht mächtig, sondern gar schwach und gar bedeutungslos, es könne drin Staate also keinen Nutzen, sondern allenfalls nur Schaden bringen. Die aber so reden, sollten doch auch nicht vergessen, daß seit den Tagen der Emanzipation nicht zuin wenigstell durch den Fleiß und die Thatkrast unserer Glaubensgenossen der Werth des Grund und Bodens zunahm, daß sich der Wohlstand der einzelnen Bevölkerungsschichten und der Nationalreichthum gewaltig gehoben hat, daß der deutsche Handel zum Welthandel geworden ist. Aber wenn dem auch so ist, so wird mau sich doch nicht weiter darüber wundern, wenn widersprechende Anschauungen über idie Bedeutung des Judenthums zu Tage treten. Es wird immer Thoren geben und immer solche, welche sich die Erscheinungen der Zeit nicht richtig erklären; was aber in hohem Maße Verwunderung erregen muß, ist die Thatsache, daß mau es wagt, die Nechtsausführnng uns zn verweigern unter dem Borgebeu, Deutschland sei ein christlicher Staat. Allerdings gestehen wir ja ohne Weiteres zu, daß unter den Beziehungen des Staates zu den einzelnen Personell keine einzige sein darf, die sich vorn moralischen Mittelpunkte entfernt! Aber entfernt man sich denn nicht vom moralischen Mittelpunkt, wenn man das Wesen des Rechts und seine Anwendung in schroffen Widerspruch bringt, entfernt man sich nicht vom moralischen Mittelpunkt, wenn man Jedem vom Recht nur so viel giebt, als er sich mit Gewalt ertrotzen kann, entfernt mall sich nicht vom moralischen Mittelpunkt, wenn man jedes noch so lebensvolle Dasein zn vernichten sucht, falls es bestimmten Annahmen der Majorität widerstrebt? Abgesehen aber voll der Moral sollte man sich doch ja hüten, eine Verbindung zu schaffen zwischen dem Staate und einer bestimmten Konfession, denn diese Verbindung hat sich zn allen Zeiten als sehr spröde erwiesen. Jahrhunderte hindurch wurde oft ein Gleichniß gebraucht vor: der Sonne und dem Mond (Kirche und Staat). Ta war's nicht der Staat, den man sich unter dem Bildender Sonne dachte. Daralls sollte man entnehmen, oder man sollte es vielmehr nicht vergessen, daß Staat und Religion nur dann in Frieden mit einander leben können, wenn eine weise Sonderung besteht ohne eigentliche Trennung. Allein im Ernste hat man ja bei der Rechtsoerweigernng auch gar nicht an die Religion zn denken. Das Böse soll uns nicht täuschen, auch wenn es im Gewände der biblischen Phrase einherschreitet. Die Rechtsverweigerung hat einen sehr unreligiöseu Grund! Wenn auch manche Kreise unseres deutschen Vaterlandes heilte mit tugendhafter Entrüstung prunken, so ist es darum doch gewiß und offenbar, daß diese Kreise entsittlicht, demoralisirt sind, nicht in dem Sinne, in welchem die kirchlichen Parteien es meinen, sondern in dem Sinne, daß heute ein Jeder sich auf den Standpunkt des engherzigsteil Egoismus gestellt hat und die krasse Selbstsucht szum Gesetze seilles Handels macht. Und wenn diese Selbstsucht noch voll einer andern Macht übertroffen werden kann, darin wird sie vielleicht noch übertroffen durch einen maßlosen Hochmuth, durch eine ungezügelte Selbstüberhebung, die mit einem starken Kynismus Hand in Hand geht. Was aber bei solch' ethischer Mitte an der Peripherie erwartet werden kann, ist klar. Wir haben's mit Schrecken gesehen, wie die Nachkommen der alten Freiheitskämpfer das Banner jener Freiheit verrathen haben, das einst vertheidigt wurde mit dem Herzblut ihrer Väter! Wie nun das Recht die Eigenschaft hat, den Menschen zu entwaffnen, so veranlaßt die Rechtsverweigernng Waffen zu schmieden. Der Kampf um s Recht wird uns zu einer sittlichen Pflicht. Diesen Kampf aber müssen wir führen um unserer eigellen Zukunft willen. Der Mensch lebt ja mit seinen Gedanken nicht nur in der Gegenwart, er rechnet vor allem mit der Zukunft, seine Pläne und Erwartungen eilen dem Laufe der Zeiten voraus. Der Einbruch der Willkür hat aber die Tendenz, jede Berechnung für die Zukunft ohne Weiteres zu zerstören, und damit zerstört die Willkür die Werke der Menschen, noch bevor sie geschaffen sind. Wir müssen den Kampf um unserer Zukunft willen führen, wir führen ihn auch nach dein Zeugnis; unseres Gewissens für unser Daterland. Denn wahrlich! Soweit es an uns liegt, soll's nicht dahin kommen, daß in deutschell Landen die Wahrheit vergewaltigt werde, die nur den höchsten Richter anerkennt, daß die freie Thätigkeit vernichtet werde, die ihre Grenzen allein an der Fähigkeit und Thatkrast der Einzelnen findet, daß unter dem Scheine des Rechts Diejenigen eine ungerechte Herrschaft üben, denen die Gedanken an Scheiterhaufen sympathische Gefühle erregen, die in den Zeiten des verbrecherischen Fanatismus das goldene Zeitalter der Welt erblicken. Ja, wir müssen den Kampf führen für unser Vaterland. Denn es steht ja in den Weltannalen unseres Stammes, daß mit alles überwältigender Macht und mit der ruhenden Majestät des Naturgesetzes das Weltgericht richtend und rächend über diejenigen Nationen kommt, die ihren Namen zn tilgen suchen aus dem Buche der sittlichen Entwicklung des Menschengeschlechtes. Und wie wir den Kampf führen für unser Vaterland, so führen wir denselben auch für unseren Glauben; denn diejenige Religion, welche in den Tagen der Urzeit die ewigen Lehren verkündet hat, die Lehren von der Unverletzlichkeit und Unveräußerlichkeit des Rechts und voll der Gleichheit aller Menschen vor dem Richter der Gerechtigkeit, sie kennt auch gegenwärtig neben der Bethätigung reiner Menschenliebe kein höheres Ziel für den Einzelnen als die Wacht zu halten im Tempel der Gerechtigkeit. Und wenn tausend- und abertausendmal in diesen Tempel die Brandfackel hineingeschleudert wird, tausend- und abertausendmal sind wir von Gott erwählt, dem Weltenbrand zu wehren Und auf welche Weise dies geschieht? Wir müssen den Kamp' ums Recht führen, indem wir wieder und wieder auf dasselbe Hinweisen, unermüdlich und unerschrocken, Hinweisen, auch wenu das Geräusch der Straße uns einzuschüchtern versucht, auch wenn das Geräusch der Straße so anschwillt, daß man meinen sollte, das Recht stehe nicht über demselben, sondern gehe and demselben hervor. Wir wollen für's Recht kämpfen, indem wir auf das Recht Hinweisen, und indem wir ein Leben des Rechts Vorleben. Es genügt nicht, daß wir Israeliten alle Landes gesetze aufs Genaueste beobachten und aufs Sorgfältigste befolgen, wir müssen auch alle jene Handlungen unbedingt meiden/, die, ohne eigentlich ungerecht zu sein, dennoch nicht gerecht im besten Sinne des Wortes genannt werden können

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