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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-22 · Heft 8 (22.2.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 8 (22.2.1901)
Date
1901-02-22
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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65. Jahrgang. Rr. 8. Kerliu, 22. Februar 1901. Der GrrneLndebote. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöentyurns". Korresponderrzen und Nachrichten. Dentschland. 8. Berlin, 17. Februar. In unserem letzten Repräsentantenbericht haben wir den Modus der diesmaligen Aertheilung der Zinsen ans dem Hertel Aschen Legat mitgetheilt. Es ist nun interessant, das Motiv kennen zu lernen, aus dem der Stister die jüdische Gemeinde zur Theilerbin seines Vermögens eingesetzt hat. Der ans Corswant bei Swinemünde gebürtige evangelische Partikulier Carl Eduard Hertel hat im Jahre 1846 in seinem Testamente, das in der That ein mustergiltiges Zeichen wahrhaster Nächstenliebe und Toleranz ist, folgende Bestimmung getroffen: „Da ich mein Vermögen größtentheils von meinem Großvater mütterlicherseits ererbt habe, ich auch durch vieljährige eigene Erfahrungen hinreichend belehrt worden bin, wie der Zeitpunkt einer Emanzipation jüdischer Glaubensgenossen noch nicht gekommen und außerdem auch nicht so bald gänzlich geschehen wird, ich ferner zu meinem Bedauern vielfältig bemerkt, daß von den Gaben, die von unserem gnädigen Könige, dessen Hans oder sonstigen Privaten zu wohlthätigen Zwecken der hiesigen Armendirektion zugesandt werden, säst nie etwas der jüdischen Gemeinde zngeflossen ist, obgleich doch die Mitglieder derselben gleichförmig wie alle anderen Unterthanen zu den Staatslasten beitragen müssen, und die Fälle ungleich öfter Vorkommen, daß eben diese Mitglieder, so gering auch im Verhältuiß ihre Zahl zu den übrigen Einwohnern ist,! nicht unbedeutende Unterstützungen zum Besten unserer christlichen Glaubensbrnder geben — ich außerdem durch eigene Erfahrung zum Oesteren überzeugt worden, daß man sogar Denen, welche aus freiem Willen oder infolge der Bekehrungssncht der evangelischen Kirche zu dem Glauben an Christi übergingen, indem sie solchen als den verheißenen Messias betrachteten und seinen frommen Vorschristen, alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens als Brüder zu betrachten, vertranten, dennoch immer ihre Geburt vorwars, und ihnen diese daher ein Hiuderuiß zu ihrem zeitigen Fortkommen ward, in Anbetracht also dieser eben erwähnten Gründe habe ich mich bewogen gefühlt, zur Erbin meines übrigen Vermögens die hiesige jüdische Gemeinde mit folgenden Einschränkungen zu ernennen- L2 Berlin, 18. Februar. Gestern wurde in der Ehrenreihe des jüdischen Friedhofes zu Weißensee die Gattin des Predigers der Nesormgemeinde Dr. M. Leviu unter zahlreicher Betheiligung weiter Kreise zur letzten Ruhe bestattet. Frau Dr. Sara Leviu war die Tochter des Sauitätsraths und Kreisphysikus Dr. Lessou in Dramburg, eines trefflichen und geachteten Arztes, der als einer der Ersten gegen Stöcker und Konsorten seiner Zeit sich erhoben, und dessen Charakterbild sie selbst einmal vor Jahren in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthnms" in fesselnder Weise gezeichnet hat. Seine Tochter war ihm in der Begeisterung für alles Große und Schöne, in der innigeil Liebe zum Jndenthnm ebenbürtig. Die Heimgegangene war eine stark ausgeprägte Individualität; sie besaß einen energischen, festen, aber auch hochsinnigen und liebeuswerthen Charakter. Ihr war ein seltenes Freundschaftsgefühl zu eigen, und ihre Gabe, Geselligkeit zu pflegen, erinnerte geradezu an klassische Traditionen. In der alten Judengasse wäre sie sicher eine jener Naschim zidkaniot geworden, die in der Sorge um das Wohl der Gemeinde anfgingen; im Anfang unseres Jahrhunderts aber wahrscheinlich eine jener Frauen, die die Gesetze höherer Geselligkeit in ihren Salons dlktirten. Ihr Muth, für die Ideen des Fortschritts und der Freiheit, vor allem aber für ihr angegriffenes und verleumdetes Jndenthnm überall eilizritreten, machte sie zu einer bedeutenden Persönlichkeit. Das tiefste Geheimniß ihres Werthes und des Einflusses, den sie auf Viele ausübte, lag aber in ihrem edlen Gemüthe, in ihrem reinen Herzen voll rastloser Liebe, das ohne Arg und Falsch war und jeder Sorge, jeder Noch sich freudig erschloß. Ihre Humanität und ihr Wohlthätigkeitssinn drängten sich nicht laut auf den Markt des Tages; aber im Stillen übte sie viel Gutes in ihrem Kreise und weit über diesen hinaus. Ihrem Gatten war die Heimgegangene eine treue und verständnißvvlle Lebensgefährtin: das Gluck seiner Jugend, der Stolz seiner Mannesjahre. Ihr Haus war lange eines der schönsten und gastfreiesten in Berlin. Seit Jahren litt die Heimgegangene an einer Herzaffektion, von der sie der Tod am Sabbath erlöste. Die warme Liebe und große Verehrung, die sie in allen Kreisen genoß, zeigte sich in der Betheiligung an ihrem Leichenbegängniß. Das Andenken der edlen und bedeutenden Frau aber wird in der Erinnerung Vieler unvergessen sortleben. Ilnve pin mnma! 8. Berlin, 14. Februar. ImVereinfür jüdische Geschichte und Litteratur sprach vorgestern Dr. En g e n M i ttw o ch über „Die Lage der Inden in den mvhamedanischen Ländern". Der Referent schilderte in seinem sehr interessanten und mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrage ans Grund eigener Reiseerlebnisse die Gesammtlage der dortigen Inden. Den HanpttheiL derselben bilden die sephardischen (spanischen! Inden, welche spagniolisch sprechen und schreiben, den geringeren Theil die aschkenasiscben (deutschen) Juden, welche, meist aus Böhmen und Rußland stammend, auch der deutschen Jargonsprache sich bedienen. Die spanischen Juden halten in der Mehrzahl noch streng die religiösen Gebräuche, und ihr geistliches Oberhaupt, der „Chacham Baschi", erfreut sich derselben geachteten Stellung wie der koptische und armenische Patriarch. Das Schulwesen läßt sehr zn wünschen übrig mit Ausnahme der von der isrnülite universell v" geleiteten Schulen, in welchen die Kinder außer der Landessprache noch Hebräisch, Englisch und Französisch lernen. Durch die Schulen ist namentlich auch die soziale Lage der Mädchen gebessert worden, welche früher schon im Alter von 10—12 Jahren heiratheten. Nach einem kurzen Neberblick über das Leben und die Lehren der Karüer, welche noch drei Gemeinden in Kairo, Konstantinopel und Jerusalem unterhalten, erörterte der Vortragende in eingehender Weise die politische und wirthschastliche Lage der orientalischen Juden. Dieselbe ist ans Grund der durch die Konstitution von 1876 gewährleisteten Gleichheit aller Ottomanen vor dem Gesetz für die Inden in der Türkei und Aegypten eine sehr günstige; ungünstig ist sie für die Inden in Palästina und noch trauriger in Marokko und Persien trotz der fleißigen und arbeitsamen jüdischen Bewohner. Am Euphrat und Tigris haben sich noch einige ganz alte jüdische Gemeinden unberührt von der europäischen Kultur und von dem Einfluß der orientalischen Großstädte erhalten, n. a. das in der Nähe des biblischen Ninive gelegene Bartennra, dessen 100 Häuser ausschließlich von Inden bewohnt sind. k'. Berlin, 17. Februar. Die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zn Berlin" hielt am 2. d. M. eine wissenschaftliche Sitzung unter Leitung ihres Vorsitzenden Herrn Auerbach ab. Nach Aufnahme eines neuen Mitgliedes machte der Vorsitzende den Vorschlag, das Stiftungsfest am 23. März in der üblichen Weise zu begehen; dieser Vorschlag wurde angenommen. Ferner verlas er das Thema, welches der Verbandsvorstand den Vereinen zur Behandlung für das Jahr 1901 empfohlen hat. Es wurde beschlossen, dieses Thema in der Versammlung des brandenbnrgischen Provinzialvereins zn besprechen. Darauf wurde die Debatte über die von Herrn Kollegen Golde ausgestellten Thesen fortgesetzt. Unter lebhafter Betheiligung der Anwesenden und nach eingehender Berathnng wurden die Thesen in folgender Fassung angenommen: 1. Die Sozialpädagogik ist diejenige Lehre vom Unterricht und der Erziehung, welche es sich zur besonderen Aufgabe macht, den Einzelnen zur bewußten Mitthätigkeit an der Kulturarbeit der Gesanuntheit vorzubereiten. 2. Die Sozialpadagogik findet auch auf den jüdischen Religionsunterricht Anwendung wegen der Vernnnstgemäßheit seiner Lehren, der Uebereinstimmung seiner ethischen.Forderungen mit den allgemeinen Knlturbestrebungen und wegen seines Hinweises auf die einstige Erweiterung der sozialen Verbände bis zur allumfassenden Vereinigung des Menschengeschlechts. 3. Der nach sozialpädagogischen

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