Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- Seite 96 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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S6 Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weill. xm. (c)^A^^ahrend Kronele Papier, Tinte und Feder vor sich hinlegte, diktirte nunmehr Frau Reich folgenden Brief ö „Mein Herr! Ich habe mich nicht einen Augenblick in Ihnen geirrt. Der Apfel fällt nicht weit vorn Stamme. Mein Herr, wissen Sie denn auch, wer Sie sind? Ich zweifle fast daran. Denn wenn der Sohn von Jakob Seidel sich selbst kennen wurde, nie hätte er es gewagt, die Tochter von David Reich zur Frau zu verlangen. Mein Herr! Ich habe mit eigenen Augen Ihre Mutter gesehen, die Sie in einem Leintuche auf ihrem Rücken trug; Sie reichten ihr die Hand über die Schlüter, und die Mutter streckte ihre Hand nach einem Almosen aus. Den halben Sou ich gab ihn ihr selbst." Kronele, die mit krankhafter Geschwindigkeit schrieb, erhob ihr schönes Auge zur Mutter. „Das wundert Dich, mein Kind," fuhr diese fort, die endlich einen tiefen Eindruck auf ihre Tochter' gemacht zu haben glaubte. „Es ist die lautere Wahrheit." Kronele aber antwortete nicht. Und je mehr die Mutter Vater und Mutter herabzuseheu sich mühte, je mehr erhob Kronele in ihrem Geiste den Sohn. Auch sah die Mutter bald ein, das; sie sich geirrt, und wie eine Schauspielerin, die vergebens auf den erwarteten Beifall harrt, nahm sie einen andern Toll an und fuhr fort: „Es wundert mich nicht, daß Sie irr ihrem Hochmuth ans Ihr Wissen und Ihrer: Namen es versuchen, der Mann zu werden von einem jungen, schönen, ehrlichen, braven Mädchen, deren Familie nie aus der Landstraße gebettelt hat und die eine Nedinie von 10 000 nud eine Aussteuer von 2000 Francs hat. So jung der Hahn ist, er versuchtes, nur eine Henne zu krähen, besonders wenn sie goldene Federn hat. Was mich wundert, ist, das; Sie es wagen, nachdem Sie einen Korb erhalten haben und fast ans dem Hause gejagt worden sind, wieder an meine Thür zu klopfen. Sie sagen, es sei Ihre Pflicht. Was für eine Pflicht? Sie spielten doch sonst den godelu Mann (großen Mann), woher jetzt auf einmal so kleinlich, süßlich? Wenn ich nicht irre, sagten Sie einst, Sie würden i nie ein Mädchen heirathell ohne die freie Einwilligung ihrer Eltern — und wie ich soeben erfuhr, Haberl Sie ohne mein Wissen eineil Brief an meine Tochter geschrieben, und meine Tochter hat Ihnen geantwortet." Frau Reich hielt aufs Nene inne; sie hoffte, Kronele werde leugnen; da diese aber sich nichts Unrechtes vorzuwerfen hatte lllld wie immer schwieg, fuhr die Mutter fort: „Und weil Sie es dennoch wagten, so haben Sie hier kurz meine Antwort: Nein! Tausende, huuderttausendmal nein. Auf immer und ewig nein!" Wieder schwieg sie und erwartete eine Bemerkung von ihrer Tochter, hörte aber nichts als das Kritzeln ihrer Feder, denn Kronele erstickte ihre Thränen und ihr Schluchzen und schrieb gebeugten Hauptes, ohne ihr Auge zu erheben. „Und nun noch zwei Zeilen, Kronele, schreibe," sagte die Mutter. „Mein Herr, ich benutze diese Gelegenheit, um Ihnen anznkündigen, daß Herr Salomon Netter von Bischweiler, ein reicher, schöner, junger Mann, mein Kronele zur Heirath verlangt hat, und daß ich sie mit ihm verlobte. Nach Ostern die Heirath." Kronele erhob ihr Haupt und zeigte ein feuriges Gesicht mit zwei Thränenfurchen. Sie legte die Feder nieder, stand vom Tische auf und sagte mit heiserer Stimme: „Mutter, das schreiben Sie selbst." In diesem Augenblicke trat Leon in die Stube. „Auch gut," sagte darum die Mutter. „Leon kommt gerade recht; er wird es mir schon schreiben." Kronele sank trotz aller Anstrengung erschöpft und erblassend auf das Sopha. Die Mutier küßte sie, Leon eilte ihr zu Hilfe und behandelte sie mit besonderer Zärtlichkeit. Vielleicht, da der Unmuth der Mutter in Worten ausgehaucht war, und obwohl sie Leon beauftragte, den Brief znscunmenzulegen und ihn an Elias auf die Post zu schicken, vielleicht wenn Kronele ihr gesagt hätte, daß sie lieber sterbe, als Elias entsage, vielleicht hätte sie erst noch alles reiflich vor diesen: letzten Schritt überlegt, wenigstens bis nach Ostern gewartet. Frau Reich führte gern Szenen auf, und sie hätte der flehende::, weinenden Tochter so manches nachgegeben. Kronele aber war zu unerfahren und zu schüchtern, mit ihrer Mutter so zu spielen und glaubte auch nicht, daß ihre Mutter- Sinn für ideale Liebe Hütte. Und aufs Neue beschloß Kronele, lieber zu schweigen, aber auch zugleich lieber zu sterben, als einem Andern als Elias je anzngehören. Und Leon, der ihr Schweigen nicht ungern sah, legte den Brief zusammen, schrieb die Adresse darauf und schickte ihn zur Post. Das Pessachfest begann denselben Tag. Das ganze Reich'sche Hans war festlich geschmückt. Die Vorhänge und Bettdecken waren gewechselt, die Dielen gescheuert und mit Goldsand bestreut, die Kommode hatte einen neuen Teppich, die Schränke neue Täfelchen erhalten, und selbst die Steine im Hausflur waren roth augestriehen. Auf der Eckbank befand sich ein Divan mit drei Kissen, worauf der Hausherr seiner: Sitz nimmt. Neben ihm auf einem Stuhl thront die Hausfrau. Jeder Gast hat einen silbernen Becher mit Wein gefüllt vor sich, den er während i des Seders in drei Pausen leert, und ein Büchlein, Hagada, das auf Hebräisch und in profaner Vaterlandssprache die Wunder erzählt, mit denen Gott aus Liebe zu seinem Volke Aegypten und die Pharaonen bestrafte. Während Herr Reich, seine Frau, sein Sohn und sein Tochtermann sich in die Synagoge begaben, hatte Heva, nachdem sie den Thron ihres Vaters aufgerichtet, ihr schönstes Brantgewand angethan und erwartete ihren Bräutigam auf der Hansschwelle. Kronele hingegen, in Schmerz aufgelöst, warf ein weißes Oberkleid über und verbarg ihr Haar unter einer weißen Haube, als wäre sie verheirathet. Ihre Mutter merkte die Absicht ihrer Tochter, ehe sie noch in die Feststube trat. Sie erblaßte darüber, hütete sich aber wohl, mit ihrer Tochter davon zu sprechen. Man fetzte sich gespannt und erwartungsvoll an den Tisch. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von r)luc>oii Atolle in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. WM»