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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-22 · Heft 8 (22.2.1901) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 8 (22.2.1901)
Date
1901-02-22
Page
Seite 95 (sequence 13)
Language
German
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95 Mit einer hastigen Geberde wollte hier Mstislav dein Redenden ins Wort fallen, dieser aber wehrte ihm mit der Hand und fuhr fort: „Darum also rathe ich Euch, sendet vorläufig den Kiewern Euren Sohn, und wenn sie ihm die Thore der Stadt gutwillig öffnen, so will ich ihnen Verzeihung und Gnade gewähren. Euer Sohn soll nach Kiew einziehen in meinem Schutze und in dein Geleite meines siegreichen Heeres!" Boleslav ließ seinen Blick von Jseslav zu dessen Sohne Hingleiten, um die Wirkung seiner Rede auf die Beiden zu erfahren. Jseslav hatte schon während der letzten Worte des Königs beistimmend mit dem Kopfe genickt, und setzt wollte er seinen Dank für Boleslavs Anerbieten aussprechen, aber Mstislav, der bis jetzt in finsterem Brüten verharrt, war ihm zuvorgekommen, und auf den König zutretend, wollte er ihm seinen Dank aussprechen, als ein Diener mit der Meldung eintrat, daß soeben der Ritter Szoltan von Swielicze durch das Burgthor eingeritten sei. nnd da der gnädige König den Befehl ertheilt habe, ihm die Ankunft des Ritters sogleich zu melden, so habe er es gewagt, die Unterredung der Fürsten zu unterbrechen, König Boleslav hatte mit einer raschen Handbewegung die beiden Russen verabschiedet und befahl, den Ritter sofort eintreten zu lassen. -t- -iri« Einige Tage später verließen berittene Herolde die Stadt, um die Vasallen des Königs ans ihren Edelsitzen aufzusuchen, und sie im Namen des Königs aufzusordern, all ihre Mannen zu sammeln und sie dem Könige zuznführen als Heeresbann zum Zuge nach Kiew. Schnell hatte Boleslav ein stattliches Heer beisammen, das er gegen Kiew führte. Eine kleine Abtheilung davon sandte er mit Mstislav voraus, der den Kiewern die Forderung des Königs überbringen sollte; unter dieser Vorhut befand sich auch Szoltan von Swielicze. * -i- Mstislav war vor der Stadt angelangt, die er nun zwingen wollte, sich ihm zu ergeben. Es bedurfte aber keines Kampfes und keiner besonderen List, denn kaum hatte er den Kiewern durch die Boten, die mit ihm zu unterhandeln kamen, seine Bedingungen sagen lassen, als diese auch schon ans die Unterhandlungen eingingen und dem Vortrabe des Polenheeres mit dessen Anführer Mstislav gutwillig die Thore der Stadt öffneten. Kaum aber war der Russe Herr der Stadt, als er auch nichts von der Gnade walten lies;, die er den bedrängten Einwohnern vor der Uebergabe versprochen hatte. Im Gegenthcil: er verübte die abscheulichsten Greuel, ließ seiner entfesselten Wnth freien Lauf, insbesondere an allen Denen, von welchen er glaubte, daß sie den Aufruhr angestiftet, mordete und plünderte, und er scheute sogar vor der ärgsten Grausamkeit nicht zurück. Manche unter ihnen blenden zu lassen! Seine wilde Grausamkeit kannte keine Schonung, und die Bedrängten, getäuscht durch die lügnerischen Versprechungen des Russen, der ihnen vollste Gnade und Verzeihung gelobt und sie so schmählich hintergangen hatte, planten einen zweiten Aufstand gegen den grausamen Großfürsten — aber da stand schon König Boleslav an der Spitze seines Heeres vor Kiews Thoren. Auf Befehl des Großfürsten war die Stadt zu»; Empfange des Polenkönigs festlich geschmückt, und Feierlichkeiten aller Art waren ungeordnet worden; wohl waren die gepeinigten Leute durchaus nicht in Festesstiinmung, aber es galt, dem Großfürsten zu Willen zu sein, und es mochte Wohl auch die Neugier dazu beitragen, darum waren denn auch die Straßen und Plätze mit Menschen gefüllt, die den Einzug des weitberühmten Polenfürsten neugierig betrachteten. Aber der König, der zwischen den beiden Großfürsten zu Pferde saß, blickte kühl und gleichgittig auf die gaffende Menge herab. Doch da belebten sich plötzlich seine Züge, und in sein »rüdes Ange kam ein feuriges Leuchten; einen Moment parirte er sein Roß und sah unverwandt nach einem Punkte hin. Die beiden Fürsten, aufmerksam geworden durch das Gebühren des Königs, wendeten ihre Blicke gleichfalls nach jener Seite, aber sie konnten dort nichts finden, das ihre Aufmerksamkeit hätte in solchem Maße fesseln können, wie dies beim König der Fall war — und dennoch hielt dieser sein Pferd an und wendete nicht den Blick von jenem Hause. An einem Erkerfenster des Hauses? das sich durch seine zierliche Bauart vor den anderen auszeichnete, war der Kopf eines Mädchens sichtbar geworden; dahin richtete der junge König sein bewunderndes Auge, und wahrlich, das Aussehen dieses Mädchens war Wohl werth, daß ein Fürst nach ihr das Auge wende — von solch sieghafter Schönheit war das Angesicht der Jungfrau, die da, den glänzenden Blick auf das Antlitz des jungen Königs heftend, am Fenster lehnte. „Herr König," sagte Jseslav, der jetzt den Gegenstand der Aufmerksamkeit Boleslavs bemerkte, indem er dessen Arm leicht berührte, „Herr König, Ihr seht das schönste Mädchen von Kiew — aber 's ist nur eine Jüdin, des reichen Juden Salvmon Tochter, die schöne Recha!" — „Eine Jüdin! sagt Ihr, mag sein; doch schön wie eine Göttin!" rief Boleslav, warf noch einen letzten Blick voll Bewunderung nach Recha hin, deren Antlitz mit glühendem Roth übergossen war, und spornte dann sein Roß. Der Zug bewegte sich langsam weiter dem Schlosse zn. Das schöne Frauenbild am Erkerfenster des zierlichen Hauses hatte aber nebst der Aufmerksamkeit des Fürsten auch die eines Ritters erregt, der sich im Gefolge des Polenkönigs befand. „Zum Teufel!" rief der Ritter, „das ja ist die schöne Jüdin wieder mit ihrem Vater, denen ich beigestanden, als sie zur Krönung in Gnesen waren! Das trifft sich gut, und das »vollen wir uns merken — die schöne Jüdin wird sich wohl dankbar erweisen für den Dienst, den ich ihr damals geleistet!" Sobald die Gelegenheit sich darbot, war der junge Ritter zum Könige geeilt, um ihm die Nachricht zu bringen, daß die Schöne, die des Königs Aufmerksamkeit in so hohem Grade erregt hatte, Niemand anders sei, denn seine alte Bekannte, sein Schützling aus Gnesen. „Von der Du damals so viel erzähltest," unterbrach ihn Boleslav, „nun wahrlich, bei meinem königlichen Schwerte! Sie ist ein wunderbares Weib und Du Haft wohl Recht gehabt, ihr Deinen Schutz zu leihen!" Jetzt war aber nicht lange Zeit mehr zu vertraulichen Reden, denn soeben war Großfürst Jseslav aus den König zugetreten, um ihm seinen Dank ausznsprechen für dessen Hilfe, durch die er wieder als Herrscher einziehen durfte in die rebellische Stadt. «Forts, folgt.)

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