Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-22 · Heft 8 (22.2.1901) · p. Seite 94

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 8 (22.2.1901)
Date
1901-02-22
Page
Seite 94 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228428--57307-3293671
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

94 freilich nur die gewaltige Anziehung des feurigen Emanzipationsmannes ohne Rücksicht auf das Jüdische zur Geltung gelangen. Hingegen schiebt sich das Letztere in den Vordergrund, wo sie auf Rahel Varnhagen, Henriette Herz, Dorothea Veit-Schlegel zu sprechen kommt. „Das war Fleisch von meinem Fleische," meldet sie doppelsinnig, als sie der Elfteren nachgelassene Schriften gelesen hat, und als sie in Berlin unter die noch Ueberlebenden jenes Kreises tritt, wird sie sich voll bewußt: „Diese Frauen waren es gewesen, die in eigener Machtvollkommenheit in Berlin die Gewalt der Vorurtheile besiegt; diese Greisinnen und ihre Gesinnungsgenossinnen waren es gewesen, welche, sich ans dem Pariathume ihres Volkes erhebend, die Bildung als den höchsten gütigen Adel zu vertreten und so eine Befreiung und eine Kultur der Geister in ihrer Vaterstadt herbeizuführen gewußt, welche ihre Nachkommen nicht zu behaupten vermocht." Es nimmt hiernach eigentlich Wunder, daß die Figur der Rahel in Fannh Lewalds gestaltenreichem Romane „Prinz Louis Ferdinand" (1849) zu weichlich, zu blaß, zu wenig genial, zu eng in kleinliche Beziehungen verstrickt erscheint. Nach Fanny Lewalds Heimkehr von diesem ergebuißvollen Ausfluge erhielt sie einen, nach Ansicht der Eltern — die sie trotz alledem und alledem nach ererbter jüdischer Sitte doch noch gut unter die Haube zu bringen hofften, — sehr „vortheilhaften" Heirathsantrag, den sie jedoch ausschlng, weil sie sich, giebt sie an, nicht verkaufen wollte. So wurde sie eben Schriftstellerin, lernte 1847, halb zufällig, in Rom den bekannten vielgewandten Litterar- und Kulturhistoriker Adolf Stahr kennen, um ihn erst 1854 nach vielen Kämpfen, die sich hauptsächlich um seine Scheidung von der ersten Gattin drehten, heirathen zu können. Jüdischen Interessen lind regelmäßigem näheren Verkehr mit rein jüdischer Gesellschaft war sie seitdem fast ganz entrückt. Immerhin konnte sie, Wohl mehr unbewußt, die demokratische Jüdin im schriftstellerischen Niederschlage ihrer Gedanken nie verleugnen und griff dabei wiederholt in diese Ideenwelt zurück, in der sie in Königsberg dabei gewebt und gestrebt hatte. Wie Gottschall sagt: „Aus dem Banne der Anschauungen eines Johann Jacoby ist Fanny Leivald schwerlich herausgetreten," so findet Geiger: „Die Königsberger Jugendeindrücke, die Gesinnung ihrer Umgebung, des Kreises, in dem auch Johann Jacoby groß geworden war, bestimmte ihr politisches Denken." Diesen hinreißenden Wortführer der preußischen Fortschrittsbeweguug während der Konfliktszeit hat sie nach manchen Zügen in dem Charakterkopf eines jüdischen Arztes konterfeit, der mit dem Helden ihres Romans „Wandlungen" (1853), dem abtrünnigen Theologiestudenten Friedrich Brand, befreundet ist. Andere jüdische Typen in späteren Romanen der Lewald sind der reiche Fliep, an dessen Thür der alte Freiherr von Arten, die Centralperson ihres Cyklus „Von Geschlecht zu Geschlecht" (1864—1868) bittflehend klopft; in dieser Serie erstem Abschnitte „Der Freiherr" erhebt, Gottschalls feiner Notiz zufolge, nicht nur das Bürgerthum stolzer sein Haupt, sondern auch selbst das Judenthum lernt sich immer mehr als eine gesellschaftliche Macht durch seinen Reichthnm fühlen. Endlich enthält ihr letzter Roman „Die Familie Darner" (1887) — Gottschall betitelt ihn kurioserweise versehentlich „Die Familie Lewald" — auch eine jüdisch-christliche Mischehe. (Schluß folgt.» LMl.I.L'I-ON Die Königsbraut. Historische Erzählung von Carola Buchheim. n einem Gemache der Königsbnrg zu Gnesen befand sich der russische Großfürst in eifrigem Gespräche mit seinem Sohne begriffen, der den Worten des Vaters mit ernstem Gesichtsallsdruck gefolgt war; ab und zu konnte man auch einen Zug boshafter Schadenfreude auf dem Antlitze des jungen Russen wahrnehmen, und aus seinen Augen flammte ein Blick giftigen Hasses. Jetzt insbesondere, als sein Vater von dem Polenkönige zu reden begann, da leuchtete es zornig auf in den Zügen des jungen Mannes, und seine Faust ballte sich krampfhaft zusammen. „Ja, ja," rief er ungeduldig ans, indem er den Redefluß des Alten heftig und rücksichtslos unterbrach, „ja, sing ihm nur ein Loblied, Deinem Polen, und Du wirst eS früh genug erfahre», daß er Dich nur genarrt hat die ganze lange Zeit her, und daß unseres Wartens hier kein Zweck ist,. .." „Das sagst Du, der Du dem Könige gram bist, — ich weiß nicht aus welchem Grunde, — sei's, daß Du ihm seine Macht neidest. ..." „Ich habe mir ja in seinem Beisein stets den größten Zwang auferlegt, habe geheuchelt und mich gekrümmt vor dem übermüthigen Boleslav — und hat dies uns auch nur einen Schritt weiter gebracht?" „Gewiß hat es das!" fiel hier der Großfürst ein, „und ich glaube, wir sind dem Ziele nicht mehr fern..." „Halt ein, Vater!" rief aufs Höchste erregt Mstislav, „und täusche mich nicht mit trügerischen Hoffnungen!" „Es sind keine trügerischen Hoffnungen, mein Sohn, denn ich glaube, wir sind am Ziele. Der König hat mich für diese Stunde zu sich rufen lassen, und ich eile zu ihm. Komm mit, Mstislav, denn des Königs ausdrücklicher Wunsch galt auch Deiner Anwesenheit!" — — König Boleslav kam den beiden Fürsten mit gewinnendem Lächeln entgegen, und im Herzen Beider regte sich frohes Erstaunen. „Ich habe Euch zu mir gebeten, edler Fürst," so begann er, sich au den Großfürsten wendend, „um Euch meinen Entschluß kund zu thun in Eurer Angelegenheit." Die Augen des Großfürsten hingen mit gespannter Erwartung an den Zügen des Königs; was würde ihm der nächste Augenblick bringen? Die ersehnte Hilfe oder die Vernichtung aller seiner Hoffnungen? Mstislav aber verharrte in Schweigen, den Blick in starrem Ausdruck vor sich hinwendend. „Und so habe ich denn für das Beste befunden," fuhr Boleslav fort, „wenn Ihr. Fürst Jseslav, Eure Anwesenheit den Kiewern, die nun einmal von Euch nichts wissen wollen, nicht anfdrängt." Ueber des Großfürsten Antlitz zuckte es, er erblaßte und mußte sich an die Lehne seines Stuhles stützen. „Kehrt jetzt nicht zurück zu Jenen, denn ich weiß, es thut nicht gut, und Ihr würdet Euch mit der Stadt schwer versöhnen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.