Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- Seite 93 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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93 Male die unerläßliche Rücksicht ans greifbare Geschehnisse und Begegnungen, über das Thema Jndenthum nicht hinter dem Berge zu halten, während der uneingeengte Fluß ihrer Empfindungen und Ideen in diesen Nachlaßblüttern verweilen oder Vvrbeirauscheu konnte, wo es ihr behagte. Um so eher, als Fanny Lewald, sobald mau die Summe ihrer ganzen Erscheinung zieht, kühl und nüchtern, ebenso verstandesscharf wie leidenschaftslos vor uns steht, der das Zeug zur idealen Kritikerin nur deshalb gebricht,' weil sie kein Recht der Vergangenheit, keine Ehrfurcht vor dem geschichtlich Gewordenen, kein Beugen vor der Tradition anerkennt. Kein Wunder, daß es ihr, die auch an das Christenthum eine scharfe Sonde legte, den Ueberlieferungen des mosaischen Ritus und Dogmas vvrurtheilslos gegenüberzutreten an jeder Voraussetzung gebrach. außer — der Geburt und dem „Milieu" ihrer Jugend. Diese Sphäre der Kindheit und sogar noch die Mädchenjähre bleiben bei der Gestalt der Fanny Lewald arg im Hintergründe, und daher wissen auch eifrige und anhängliche Leser ihrer Erzählungen und Spiegelbilder gerade von den jüdischen Fermenten ihrer Frühzeit fast gar nichts. Wer kennt z. B. ihren Familiennamen Markus? Freilich verspürt heutzutage kaum Jemand Luft, die sechs Bünde starke eigene Lebensgeschichte ernst durchzuarbeiten, trotzdem ihre Lektüre hohen Genuß, einzelne Stationen amüsante Ruheplätzchen darbieten. Lehnen wir uns darum au eine Jedem zugängliche knappe Skizze an, die Henriette Gotdschmidt, Rabbiner Dr. A. M. Goldschmidts pädagogisch weitberufene Wittwe, in dem großen Nachschlagelexikon der „Allgemeinen deutschen Biographie", Band 35, entwvrsen hat. Heben wir in gedrängtem Gange heraus, was da für unsere Frage angegeben ist, indem wir es mit den deri litterarisch-biographischen Handbüchern gemeinsamen Daten verknüpfen. Fanny Lewald entstammte einer jüdischen Kansmannssauülie, deren Ansehen bis in die Aera des Alten Fritz znrückreiehte. Die zwei ersten Bünde ihrer „Lebensgeschichte" zeigen uns Fanny im Vaterhanse und portrütiren die Eltern wie den ganzen Familienkreis mehr aninuthig als eigentlich herzlich: „Vater und Matter, von inniger Liebe für einander erfüllt, mit Pflichttreue dem verantwortlichen Berufe der Erziehung ihrer Kinder lebend." „Der echt patriarchalische Geist," folgert H. Gvldschmidt, „der in dem Leben der damaligen jüdischen Familien der herrschende war, gab auch den festen Boden für Fanny Lewalds Gemüths- und Charakterbildung. Durch die bis zur Stunde noch nicht besiegten Bornrtheile der Bevölkerung war selbst für die gebildeten und geachteten jüdischen Familien eine soziale Abgeschlossenheit, ein unsichtbares, aber fühlbares Ghetto vorhanden, das den einen Vorzug in sich barg, die zerstreuenden Elemente einer Geselligkeit fern zu halten, die unbestreitbar einen großen Theil geistiger und ost auch sittlicher Kräfte der weiblichen Jugend der besser htmeten Gesellschaftsklassen aufzehrt." Wie man sich für diese Abgeschlossenheit durch um so gediegenere Charakter- und Verstandesbildnng entschädigte, das kennzeichnet Fanny treffend durch „ein armes Leben und ein reiches Herz". Ihr Vater, mühsam zu mäßigem Wohlstände gelangt, übrigens den schon damals ausgesprochen liberalen Grundsätzen der Königsberger gemäß, in deren Stadtrath gewählt, widmete ihr der ältesten lind wohl Lieblingstochter, eine besondere Sorgfalt der Erziehung. Nichts weniger als rigoros verhielt er sich bei dem - früh erfolgenden einschneidenden Konflikte. Fanny lernte > einen jungen protestantischen Theologen Leopold kennen, dem sie bald innig zugethan war, „träumte sich bald in die Stellung einer Pastorsfran hinein", wie es H. Goldschmidt ansdrückt, und erhielt den vorbereitenden Unterricht für den Uebertritt in die christliche Religion. Nun heißt es bald, das Liebesverhältnis; habe sich gelöst, meistens mit der näheren Angabe, Fannys äußerliche Aufnahme der christlichen ReligionSsatzungen hätten den normalen Abschluß der Herzellsaffäre verhindert; bald liest man (so in Frz. Brümmer's sorgfältigem „Lexikon der deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts"), der Tod des betreffenden Kandidaten der Theologie sei dazwischen getreten. Jedenfalls empfing Fanny im 17. Jahre die Taufe. Das Glaubensbekenntnis;, das sie dabei ablegte, nennt sie viel später selbst „ein trauriges Muster von schwungvollem Jesuitismus" und erklärt es für die einzige Lüge, die sie in ihrem Leben gesagt habe. Auch bereute sie den entscheidenden Schritt, da sie zwar den Geist des Christenthums im Allgemeinen zu bewundern behauptete, aber mit verschiedenen Lehrpunkten der Kirche, z. B. dem ihrem rein logisch arbeitenden Denken unfaßbaren Dogma von der Dreieinigkeit nicht ins Reine zu kommen vermochte. Ob sie, wie man mancherorts liest, deshalb dem Geliebten entsagt hat? Uns will es unwahrscheinlich bedünken, wo sie doch eben blos der bestimmten äußeren Ermöglichung einer Ehe wegen an die ganze Sache herangetreten war. Daher neigt man zu H. Goldschmidts Auffassung, Fanny Lewald habe kein Hehl daraus gemacht, daß »lach dem Schwinden jener Aussicht eine Ernüchterung für den Religionsunterricht bei ihr sich eingestellt, namentlich was dessen dogmatischen Theil betraf, und sie habe die Taufe nicht ohne inneren Kampf zwischen ihrer wirklichen Ueberzeugung und dem von ihr geforderten Bekenntnisse geschehen lassen. Bevor wir die ferneren litterarischen Erzeugnisse der Lewald auf solche Verwerthung von ..eonkesKion^", wie Gottschall die Basis von „Jenny" richtig nennt, unter die Lupe nehmen, halten wir nach weiteren Begegnissen Umschau, die in unsern Zusammenhang gehören. Dahin rechnen wir besonders die Bekanntschaften, die sie einundzwanzigjährig, ans ihrer ersten Reise 1832, den Vater begleitend, machte. In Breslau lernte sie Heinrich Simon, den Sohn ihrer Tante Minna kennen, denselben geistreicheil Mann, der in den Stürmen der 48 er Revolution als energischer Liberaler glänzen sollte. Dramatisch schildert sie im 3. und 4. Bande ihrer „Leidensgeschichte" die „Leidensjahre", die für sie aus den» trotz der Thränen- und Umarmungsszene beim Abschiede bald deutlich werdenden Entscheid des angebeteten Vetters für die bekannte überspannte feudal-reaktionäre Romanschriststellerin Iva Gräfin Hahn-Hahn erwuchsen Fanny Lewald hat sich dafür an der — übrigens dem von Simon gewünschten Ziele, weil sie die Standes- und Religionsschrauken nicht zu überspringen vermochte - ausweichenden Nebenbuhlerin durch die scharfe satyrische Parodie „Diogena von Iduna Gräfin H...-H..." (1847) herb gerächt. Ferner traf sie in Baden-Baden mit Ludwig Börne zusammen, dessen Geisteslind Denkart sich die ihrige mannigfach verwandt fühlte, wenn auch der Kampf, der in Beiden zum äußeren Bruch mit dem Judenthum geführt hatte, ganz verschiedenen Motiven entsprungen war; „aus dem zwiefachen Druck der allgemeinen deutschen und der spezifisch jüdischen Verhällnisse", um mit ihrer Biographin Henriette Goldschmidt zu reden, freilich bei Beiden. Die knappe Wiedergabe des Eindrucks, den der Freiheitsapostel Börne in ihr hinterließ, läßt