Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- Seite 92 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Militärarzt mit. Hierauf zum klinischen Militärhospital an der medizinischen Akademie abkomiliandirt, war er als vrdinirender Arzt in der unter Professor Eichwald stehenden internen Abtheilung thätig und machte unter der Leitung dieses berühmten Klinikers seine ersten Schritte in der wissenschaftlichen Medizin, deren Ergebnisse als Dissertation erschienen und einen bedeutsamen Beitrag.sznr Physiologie des Blutkreislaufs ansmachtsn. Darauf folgte ein mehrjähriger militärärztlicher Dienst in St. Petersburg und Odessa. 1855 von der Konferenz der medizinischen Akademie in St. Petersburg zum Pribatdvzenten für interne Medizin gewühlt, trat Schapiro abermals als Assistent seinem Lehrer Professor Eichwald an die Seite, der inzwischen zur Leitung des von der Großfürstin Helena Pawlowna neubegründeten kaiserlichen klinischen Instituts für Aerzte berufen war, der ersten und bislang einzigen Hochschule Nußlands, die zur Fortbildung von Aerzten, vorwiegend Landärzten dient. Als Dozent vertrat er das Fach der klinischen Diagnostik Ein spezielles Gebiet derselben, welches Herz- und Gefäßerkrankungen betrifft, ist als Serie vvn klinischen Vorträgen im Druck erschienen. 1896 avancirte er zum älteren Assistenten der inneren Klinik,^1897 wurde er zum Professor ernannt, welche Auszeichnung sowohl von Glaubensgenossen mit besonderer Genngthunng ausgenommen wurde, wie auch sonst allgemein Aufsehen erregte, da in Rußland bekanntlich den Israeliten der Zugang nicht allein zu Hochschulprofessnren,! sondern auch zum Gymnasiallehrerfach absolut verschlossen ist. Die gesammte Geschichte der Hochschulen Rußlands hat aus früheren Jahrzehnten nur zwei Namen ungetanster Inden zu verzeichnen. Seit mehreren Jahren wird auch kein Glaubensgenosse als Privatdozent bestätigt, und für die nächste Zukunft sind Ansnahmefälle ivie der gegenwärtige kaum zu erwarten. Neben zahlreichen Abhandlungen in russischen und deutschen Fachschriften und Artikeln in der russischen medizinischen Encyclopädie ist noch eine Neubearbeitung und Ergänzung des Prof. Eichwald'schen „Lehrbuches der allgemeinen Therapie" zu nennen, welche nach dem Tode dieses Gelehrten seinem Lieblingsfchüler Schapiro anvertraut wurde, sowie eine Reihe von Uebersetzungen gediegener Handbücher deutscher Kliniker (Eichhorst, Pentzvld-Stintzing. Klemperer). Das umfangreiche bewährte Wissen des Verstorbenen, gepaart mit einem überaus ansprechendem, milden Wesen und einer ungewöhnlichen Bescheidenheit, verschaffte ihm eine gute ausgedehnte Praxis. Für seine Popularität in den verschiedensten Kreisen spricht der Umstand, daß sowohl von seinen Mitarbeitern und sonstigen ärztlichen Verehrern eine Stiftung an dem klinischen Institut geplant wird, wie auch in Patientenkreisen die Idee aufgetancht ist, ein Stipendium seines Namens an der genannten Anstalt zu gründen und ein Grabdenkmal aus Spenden von Patienten zu errichten. Wir heben mit besonderer Eenugthuung hervor, daß die Initiative zu dieser Ehrung des hochverdienten Gelehrten vvn Nichtjuden ansgegangen ist. Das Andenken des ausgezeichneten Mannes wird fvrtleben im Kreise seiner zahlreichen Freunde und in der Wissenschaft, der er sein Leben geweiht hat! ->O<- Fanny Lewald und das Irrdenlhnm. Bo» Dr. Ludwig Fränkel. ^9^ä^ancher mag sich vielleicht au die Stirn schlagen, wenn sein Auge auf obige Ueberschrift fällt; ist man doch gewöhnt, Fanny Lewald außer jedem Zusammenhänge mit ihrem angestammten Bekenntnisse und ebenso der sogenannten spezifisch jüdischen Charakterzüge bar zu denken. Daß dem nicht so ist, weiß allerdings schon ein einigermaßen aufmerksamer Leser ihrer Hauptrvmane, noch besser, wer sich etwas in die Weltanschauung dieser ohne Zweifel höchst interessanten Frau vertieft hat. Wer aber gar literarhistorisch die Brücke von der Periode ihres .Heranwachsens und Heranbilde atz zu ihrer späteren schriftstellerischen Behandlung der Tagessragen zu schlage» versucht, dem treten eine Menge Beobachtungen entgegen, die an einem starken jüdischen Element in und an ihr nichts weniger als beirren. Wir sind eigentlich erst jetzt im Stande, die Beziehungen zwischen ihrem Leben und Schaffen deutlich aufzudecken und zu verfolgen, inwiefern sich die Ereignisse ihres scheinbar relativ normal verfließenden irdischen Daseins in ihrem Denken, Reden, Schreiben spiegeln. Diese fesselnden Einblicke in Fanny Lewalds Wesen ervffuetc uns kürzlich ein Buch, das Professor Dr. Ludwig Geiger's. des um Kenntniß und Erkenntniß der neueren deutschen Litteratnr, der Berliner Kulturverhältnisse und um des älteren wie des neueren Jndenthnms Wechselwirkungen auf das deutsche Schriftthnm hochverdienten Gelehrten, vielerprvbtes Sach verständniß und Geschick aus den Markt gebracht hat: Ge fühlt es und Gedachtes (1838—1888) von Fanny Lewald Heransgegeben von Ludwig Geiger. (Dresden und Leipzig Verlag von Heinrich Minden sF. Lewalds Neffe). 1900. Obwohl wir hier keine Anzeige oder gar Besprechung diese, originellen Schrift veröffentlichen, mögen ihr unsere Zeiler doch recht viele Leser gewinnen, Leser nicht nur, nein ancl regelmäßige Benutzer, Befrager in mancherlei Stimmungei und Situationen des Alltags. Denn es spricht aus diese» Bekenntnißbuche keineswegs die fertige Frau der Zeit und de, Feder, die in üblicher Weise, d. h. etwas olympisch, geschrauln mit gönnerhafter Miene, auf die kleinen Erdenwürmlein nute sich hinabschant und ihre Erfahrungen und Einsichten vor bildlich anempfiehlt. Schon' der endgiltige Doppeltitel de Manuskripts, „Erlebtes und gedachtes Vertrautestes" nn > „Eigenstes Bekennen", widerlegt die Annahme, als ob wir e hier mit einer Nummer der auch neuerdings wieder reichtü , vermehrten Reihe der Dichtermemoiren durchschnittlichen Ka libers zu thnn hätten. Natürlich streifen Fanny Lewald intime Herzensergüsse öfters, sogar viel öfter, als inan b, einer Belletristin, deren Entwicklung sich um die 18^8c Epoche gruppirt, vermuthen sollte, die Religion im Allgemeine« die Konfession im Besonderen. Sie vermeidet, scheint es, inn sonst nirgends bemerklicher Schüchternheit auf die Eigei thümlichkeiten des Jndenthnms, sei es auch vom sozialen G sichtspunkte, einzugehen, selbst da, wo es ihr durch die Zei begebenheiten, die sie anderwärts sorgsam glossirt, oder d. Erwähnung betreffender Persönlichkeiten nahegelegt wir! Nicht eben anders liegt es mit diesem Punkte in den beiden autobiographischen Werken, die sie ans der Höhe des Leben: beziehentlich am Rande des Grabes dem Publikum bescheert „Meine Lebensgeschichte" (1861 -62) und „Zwölf Bilder an> dem Leben, Erinnerungen" (1888); jedoch zwang da beide