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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-22 · Heft 8 (22.2.1901) · p. Seite 91

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 8 (22.2.1901)
Date
1901-02-22
Page
Seite 91 (sequence 9)
Language
German
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91 het Loo. wo sie in idyllischer Weltabgeschiedenheit inzwischen ihre Flitterwochen verlebt haben werden. In Weltabgeschiedenheit, wenn schon ernsterer Art. fern vom Tosen und Lärm der großen Städte sind auch in Holland nach und nach verschiedene Volksheilstätten entstanden oder im Entstehen begriffen. Seitens einstußreicher jüdischer Kreise hat man bei Gründung solcher Sanatorien sich dahin bemüht, daß auch die rituellen Vorschriften des strenggläubigen Israeliten in denselben Berücksichtigung finden und für Gelegenheit zu ihrer Befolgung gesorgt werde. Diese Bemühungen hatten bereits das folgende Ergebniß: Im ersten Volkssanatorinm für Brustleidende zu Hellendoorn wird eine besondere Küche für rituelle Speisenbereitung zur Benutzung israelitischer Patienten eingerichtet. Ferner war an die Königin-Mutter das ehrerbietige Gesuch gerichtet dahin gehend, daß in dem zu Oranje-Nashauoord (Königliche Kolonie) auf von der Fürstin geschenktem Grund zu stiftenden Sanatorium eine Separatküche für jüdischen Gebrauch sowie ein Betsaal geschaffen werden möge. Hierauf ist das Kuratorium besagter Heilstätte angewiesen worden, dein Gesuch soweit als möglich entgegen zu kommen, eine Verfügung, die israelitifcherseits mit Genugthuung und Dankbarkeit begrüßt worden ist. Man muß dabei im Auge behalten, daß unsere ärmere Bevölkerung, welche doch das Hauptkontigent zu den Heilstätten stellt, soweit sie jüdisch ist, dnrchgehends orthodox lebt. An der hiesigen Universität hat sich unlängst der Rabbinatsasiessor Wijnkoop (Sohn des Rabbiners) als Privatdozent für nen-hebräische Litteratur habilitirt und dabei eine fesselnde und lehrreiche Rede über den Nutzen des Studiums dieser Litteratur gehalten. Im klebrigen leben wir hier in froher Erwartung der festlichen Dinge, die da kommen sollen. n. Die Iudenfrage in der Türkei. Konstantinopel, Mitte Februar. uch die Türkei hat ihre „Judenfrage", eigentlich gar deren zwei, eine in der Hauptstadt und eine in Jerusalem, die scheinbar keinen Zusammenhang haben und dennoch demselben politischen Boden entsprungen sind. Sprechen wir zuerst von Konstantinopel. Hier ist neben der numerisch zwar schwachen, wirthschaftlich aber recht blühenden Kolonie eingewanderter „deutsch - polnischer" Israeliten eine sehr starke Gemeinde von „Spaniolen" vorhanden, die eines der ruhigsten, arbeitsamsten lind loyalsten Elemente der Hauptstadt bilden. Sie sind mit wenigen Ausnahmen ottomanische Unterthane». Unter ihnen hat sich nun seit längerer Zeit, theils spontan von innen heraus — einfach ans geschäftlichem Interesse — theils auf Anstoß von außen eine Strömung bemerkbar gemacht, statt des bisher allgemein unter ihnen gebräuchlichen jüdisch-spanischen Jargons sich als Schul- und Geschäfts- und allmälig auch als Familiensprache des Türkischen zu bedienen, wie es z. B. unter den Armeniern sehr ausgedehnt im Gebrauch ist. Eine eigene Kommission wurde gebildet, um die erforderlichen Schritte zu thun, diese Maßregel zur Durchführung zu bringen. Die Behörden stehen der Angelegenheit natürlich sympathisch gegenüber und haben versprochen, geeignete Zöglinge gratis in türkische Jnstitutp aufzunehmen, auch Preise und Belohnungen auszusetzen, um einen Stock von Lehrern heranzubilden, welche das Türkische rein sprechen und korrekt lehren können. Die Presse spricht denn auch jetzt schon von der „Ottomanisirung der Israeliten". Während also in der Hauptstadt die einheimischen Juden (denen auch sonst keine Schwierigkeiten gemacht werden» lieb Kind bei den Behörden sind, sehen wir auf der anderen Seite diese selben Behörden die lästigsten Maßregeln ergreifen gegen eingewanderte, zureisende, fremde Israeliten, sobald es sich „in einen Besuch in der heiligen Stadt, der drei Religionen heiligen Stadt, handelt. Ein Jrade ordnet nämlich erstens an, daß jeder Israelit, der nach Jerusalem zu reisen wünscht, einen Spezialpaß lind „Teskere" haben muß. Es spricht von Israeliten im Allgemeinen, der ganze Ton desselben aber beweist deutlich, daß mau die sremden meint. Artikel zwei besagt, daß sie bei der Ankunst in einem Hafen des Sandschak Jerusalem auf Grund ihrer besagten Dokumente einen weiteren Erlaubnißschein, giltig für drei Monate und nicht verlängerbar, lösen müssen, gegen den sie ihre Pässe und Teskere abzuliefern haben. Der Erlaubnißschein muß jederzeit auf Verlangen gezeigt werden. Wer, so heißt es ferner, ohne Schein betroffen, oder dessen Schein — nach drei Monaten — verfallen, wird seinem Konsulat zur A burtheilung und Repa triirung übergeben u. s. w. Auf dem Erlaubnißschein muß genau verzeichnet stehen, zu welchem Zweck die Reise unternommen wird — dies ist sehr charakteristisch, denn das Jrade ist bestimmt für „die Israeliten, die eine Pilgerreise nach Jerusalem" machen wollen, also was soll die Extraaugabe? Es scheint, man wittert zionistische Absichten hinter jedem Fremden, der die heilige Stadt besuchen möchte. Nimmt mau nun also das Gesagte zusammen, so kann man daraus keine Feindschaft gegen die Juden an sich herauskvnstruiren — Antisemitismus hat hier keinen Boden — nein! Aber eher will es uns ein neuer Beweis jenes chauvinistischen Zuges erscheinen, von dem wir kürzlich sprachen, der in jedem Fremden einen Feind zu sehen glaubt, und der auf seinem Banner das Motto trägt: „Die Türkei für die Ottomanen!" Heute sängt man bei den Juden an - man glaubt vielleicht, daß daS „draußen" weniger verschnupft, morgen kommt die Reihe an Jemand anders. kl. Professor Dr. Heinrich Schapiro. Von Hofrath Dr. A. Natanson in Moskau. 22. Januar (14. Februarverschied in St. Petersburg /LßAjL Dr. Heinrich Schapiro, Professor der klinischen Medizin, ü im Alter von 48 Jahren, und drei Tage darauf wurde er von seinen Angehörigen, Kollegen, Freunden und vielen Tausenden von Patienten, sowohl Christen wie Glaubensgenossen, zur letzten Ruhe auf den israelitischen Friedhof hinansgeleitet. Dieser Todesfall wird sicher weit über Rußland hinaus Interesse und Theilnahme erregen. In Grodno geboren und auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt erzogen, i trat Schapiro 1871 in die medizinische Akademie zu St. Petersburg ein, wo er bis 1876 studirte. Den russisch-türkischen Feldzug machte Schapiro als junger

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