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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-22 · Heft 8 (22.2.1901) · p. Seite 89

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 8 (22.2.1901)
Date
1901-02-22
Page
Seite 89 (sequence 7)
Language
German
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89 dieses moderne Riesenghetto gezogen haben, allmälig weiter rückt und eines Tages ganz niederreißt. Der Anfang dazu ist schon durch verschiedene Einzelverordnungen des Senats und des Ministeriums gemacht. So hat jetzt auch eine Kommission im Ministerium des Innern eine ganze Anzahl größerer Dörfer im jüdischen Ansiedelungsrayon in Städte umgewandelt, da den Juden bekanntlich das Wohnen auf dem platten Lande verboten ist. * Das Ministerium Carp ist in Rumänien doch am Ruder geblieben, und man kann mit den alten Weisen sagen: „Auch das ist zum Guten!" Es ist keine Frage, daß die Macht des Herrn Carp und sein Ansehen durch diese Wendung der Dinge erheblich gestiegen sind, und daß er nun wohl in die Lage kommen wird, seine Neformpläne wenigstens in Angriff zu nehmen. Zunächst wird er sich allerdings genvthigt sehen, die Finanzen des Landes, das hart am Rande des Bankerotts steht, zu „saniren", aber damit hängt ja leider die Judenfrage eng zusammen. Es fragt sich nun. ob die europäische Finanzwelt bei diesem Geschäft, das ja doch früher oder später einmal zu Stande kommen muß, auch auf die „ethischen Momente", wie es in einem aus Finanzkreisen hervorgegangenen Expose der Frankfurter Zeitung heißt, Rücksicht nehmen wird. Wir hoffen diesmal zuversichtlich, daß Rumänien keine Hilfe finden wird, so lange nicht civilisirtere Lebensbedingungen für die dortigen Juden geschaffen werden. 4- In Italien ist wieder ein Jude zum Finanzminister ernannt worden, und zwar der Abgeordnete Leo Wollemberg, der noch dazu deutscher Abkunft ist. Derselbe ist als der Begründer der ländlichen Hilsskassen in Italien ein sehr angesehener Mann; durch seine Bekämpfung der finanziellen Mißstäude, die ihrer Zeit den Krach der Banca Rvmana hervorgerufen haben, ist er auch ein populärer Mann geworden. Er gehört der Fortschrittspartei an und hat sich als ein echter Patriot, als ein begabter und zuverlässiger Politiker erwiesen. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß der junge König von Italien dein Beispiel seines edlen Vaters folgt, und seine Berather ohne Rücksicht auf das Glaubensbekenntniß und den Partei- Unterschied auswählt. So ist in einem Lande des Dreibunds ichon zum zweiten Mal ein Jude zum Finanzminister gewählt morden, während sie in einem anderen fast vogelfrei sind und in dem dritten kaum — zu Notaren ernannt werden. 4 Die Inden in Marokko haben nach den letzten Aufregungen etwas Ruhe gehabt. Der Mord an dem amerikanischen Staatsbürger Marcus Ezaoui hat seine Sühne gefunden. Dank der Intervention des Kabinets von Washington hat die Regierung von Marokko 25000 Francs der Familie des Unglücklichen zahlen muffen. Der französische Beamte hat seinerseits Schritte bei der Regierung Marokkos gethan und erhielt näheren Aufschluß über den Fall Ezaoui. Der Agha von Fez wurde seines Amtes entsetzt und Vertrieben. Antisemitische Offenheiten. (^^önende Reden, dröhnende Phrasen und scholl tausendmal widerlegte Behauptungen — das war die Kost, die auf dem erstell antisemitischen Parteitage für die Provinzen Posen, Westpreußen und Pommern dem Publikum vorgesetzt wurde. Nichts unterschied diese menschenfreundliche Veranstaltung vor: ähnlichen ihrer Art, trotz des großen Traras, das man für sie zu entriren für richtig befand, nur daß Wilhelm Bruhn hier endlich eine seiner würdige Belohnung fand, als er zum Vorsitzenden des unter seiner Aegide gegründeten antisemitischen (mit Respekt zu sagen) Volksbundes gewählt wurde. War also das positive Ergebniß der antisemitischen Heerschau ein recht geringes, so traten doch in ihrem Verlaufe einige Tinge zu Tage, die zu charakteristisch sind für die antisemitische Mache, als daß ich sie den Lesern vorenthalten dürfte.! Man konnte nämlich die Zwiespältigkeit in der nationalen Gesinnung der Itrteutouen wieder in der schönstell Gestalt erblicken, und Wilhelm Bruhn, der Mann voll Meseritz-Bomst, als ebenso phautasievollen wie begabten und last not tonst bescheidenen Menschen bewundern. Der Mann, der sich seit seiner Trennung von Liebermann von Sonnenberg besonders dazu prüdestiuirt zu fühlen scheint, unsere Gegend in die Mysterien des Antisemitismus einzuweihen, der Freund und Gesinnungsgenosse des Knüppelgrafen aus Klein-Tschirne, war der Löwe des Tages. An der Seite eines polnischen Vertreters des Antisemitismus schwelgte er in nationalen Phrasen, und er, der in Meseritz-Bomst seinen Befähigungsnachweis für nationales Gefühl erbracht hatte, er warf den Juden zu geringes nationales Empfinden vor. Es war schön, die Juden angegriffen zu sehen, weil sie nicht deutsch genug wären, und dabei den Vertreter der Polen zu wissen — nach Meseritz- Bomst. Aber Bruhn war gut im Zuge. Wer wird sich danach wundern, daß sich der Herr in wüsten Phantasien über Könitz erging und schließlich in Bezug auf die letzte Wandlung der Dinge ausrief: „Nur ein Jude kann so frech sein, die Sachen des Winter jetzt ans Tageslicht zu bringen." Der Mann wußte eben, zn wem er das sagte, sie waren ja unter sich, die Herrschaften, was that^s also? Und dann wurde ein Orgcmisationsstatut vorbereitet für die systematische Judenhetze in der Provinz Posen. Und es wurde die äußerst wichtige Feststellung gemacht und in die Blätter lanzirt, daß der Konitzer Hossmann sechs Brüder habe, die alle Fleischermeister und alle Antisemiten seien. Und dann wurde der Parteitag — Gott wie bescheiden - mit Ausdrücken hoher Befriedigung geschlossen. Die Antisemiten gingen nach Hause, der polnische Vertreter zog los, und der Vertreter des Bundes der Landwirthe, den Herr Bruhn in Meseritz-Bomst auch liebgewonnen zu haben scheint, that das Gleiche. * §- * Die Provinz Posen darf demnach nene antisemitische Heimsuchungen erwarten. Sie darf erwarten, nach dem bewährten Rezept zu gleicher Zeit die Juden als zu schlechte Deutsche zn denunziren und die Polen gegen die Inden anfznbringen. Das klingt ernster, als es je werden kann. Aber trotzdem sollte den Germanen von oben charakterisirter Observanz bei Zeiten das Handwerk gelegt werden. Nicht ans Furcht vor den kleinen und immer noch kleineren Persönlichkeiten, sondern um die

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