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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-22 · Heft 8 (22.2.1901) · p. Seite 88

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 8 (22.2.1901)
Date
1901-02-22
Page
Seite 88 (sequence 6)
Language
German
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88 ihren verhältnißmäßigen Anlheil hoben mutz, so kommt auch noch die ganz beträchtliche Kopfzahl der jüdischen Bevölkerung in Betracht, bereu Mehrheit sich ja durch besondere Befähigung und Intelligenz für Stoalsgeschäste ouszeichuet." Vielleicht prüft die Rechte nochmals, ob sie sich im Punkte der Konfession mit dem Fürsten Bismarck in Übereinstimmung befindet. Zu derselben Angelegenheit erhalten wir aus Bayern die nachfolgenden interessanten Mittheilungen: Bamberg, 15. Februar 1901. Rach eitler Mittheilung in der Abendausgabe des „Berliner Tageblatt" vom 12. Februar soll gelegentlich der ersten Anstellung eines Juden im bayerischen Justizdienst der König Ludwig II. seinen Justizmiuister, nachdem derselbe ihm darüber Vortrag gehalten, gefragt haben: „Ist der Betreffende nach der Verfassung berechtigt zu der Anstellung?" Und auf die bejahende Antwort des Ministers habe der König ohne weiteres das Anstelllnigspatent mit den Worten unterzeichnet: „Dann ist die Sache ja gut!" — Soweit die Miltheilung, die sich jedenfalls ans Herrn Dr. Max Berlin, jetzt Oberlandesgerichtsrath in Nürnberg, beziehen wird, welcher als erster Richter israelitischer Konfession in Bayern im Jahre 1872 das Allstellungsdekret erhielt. Ich bill nun iil der Lage, die vorstehende Mittheilung bedeutend übertrumpfen zu könne« durch Mittheilung einer Thatsache aus der Verwaltungspraxis Bayerns, die ich einer mir zur Verfügung gestellten Privatkorrespondenz des im Jahre 1864 verstorbenen Landtagsabgevrdneien Dr. Arnheim aus Bayreuth entnehme. Derselbe schrieb an den vor einigen Jahren verstorbenen Jnstizrath und Notar Skutsch in Bayreuth d. d. München 11. Januar 1861 wörtlich Folgendes: „H. Heinzelmann. damals Referent im bayerischen Justizministerium) sagte mir. daß er vom Minister beauftragt sei, die jüdischen Kandidaten aus; er der gewöhnlichen Reihenfolge in Vorschlag zu bringen, und zwar aus zwei Gründen, weil sie keine andere Stellung wählen können als die Advokatur und weil sie in der Regel mit Auszeichnung qualifizirt sind und Mittelmäßigkeit eine Ausnahme bilde." Während also in Preußen die jüdischen Kandidaten aus der gewöhnlichen Reihenfolge in ihrer Besördernug hintangesetzt werden, wurden umgekehrt in Bayern vor 40 Jahren, als es auch zur Ausübung der Advokatur noch der königlichen Ernennung bedurfte, die jüdischen Kandidaten „außer der gewöhnlichen Reihenfolge" befördert. Hier zu Lande ist die Ueberzengmig verbreitet, daß, wenn neuerdings auch in Bayern der Antisemitismus die Gemüther vergiftet und die Rechtscmschamnigen verwirrt, wir das dem vom Norden kommenden Einfluß zu verdanken haben. Aber in Bezug auf diesen Punkt wenigstens wäre etwas mehr „Reservatrecht" am Platze. Vielleicht übernehmen die konservativen Blätter diese für weite Kreise neue und interessante Mittheilung über die Verwaltungspraxis Bayerns. Hochachtungsvoll Dr. A. Eckstein. Im Gegensatz zu fast allen andern preußischen Gemeinden hat der Vorstand der Gemeinde zu Köln a. Rh. folgende Resolution gefaßt: In Erwägung, daß 1. die fast durch nichts zu rechtfertigende Ansammlung jüdischer Anwälte in Berlin und anderen großen Städten als Ausgangspunkt der Peltasohn'schen Interpellation sehr ungeeignet war, 2. die Gegenwart mit ihrem unfreien Geiste und ihren» alle Gebiete überwuchernden Konfessionalismns dieser Interpellation so ungünstig als möglich sein mußte, wie denn auch das Votum des zu nenn Zehntel reaktionären Landtages bewiesen hat. 3. Ein energisches Verlangen nach Auslegung der Verfassung in einem den Inden günstigeren Sinne keinesfalls eine Verbesserung, möglicherweise aber eine Verschlechterung des bisher herrschenden Zustandes bewirken könnte, beschließt der Vorstand der Synagogengemeinde Köln die im Entwurf vorliegende Eil,gäbe an den Herrn Ministerpräsidenten nicht abzusenden und den, Komitee zur Abwehr des Antisemitismus in Berlin hiervon Kenntniß zu geben. Wir müssen gestehen, daß uns diese Erklärung, namentlich aber Punkt eins derselben, geradezu unverständlich ist, und daß wir die ganze Sache einfach für eine Mystifikation hielten, wenn wir sie nicht in dem in Köln erscheinenden „Israelitischen Gemeindeblatt" abgedruckt gesehen hätten. Mit dem ersten Punkt der Resolution hat sich der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Köln einfach auf den Standpunkt der antisemitischen Gegner, mit den beiden anderen aber auf den Standpunkt jener feigen Bequemlichkeitsmoral gestellt, die wir schon genügend charakterisirt haben. Mit der ganzen Resolution dürften die Herren aber keine Lorbeeren ernten. 4 In der französischen Kammer geht es jetzt genau so zu wie in, deutschen öder österreichischen Parlament. Die Juden sind beständig auf der Tagesordnung. Nur treten die Gegner dort nicht so offen mit ihren abenteuerlichen Wünschen und Plänen ans und die Sprache ist nicht so roh, wie z. B. die der österreichischen Antisemiten. Im Senat beklagte der Senator Depechel kürzlich den antisemitischen Geist, der in die Lyeeen eingekehrt sei, wo kürzlich ein Lehrer sogar die Inquisition vertheidigt habe, und deren Zöglinge fast stets nnter den Banden zu finden seien, die „Tod den Inden" auf der Gasse schreien. In einer früheren Sitzung beklagte der Kriegsminister General Andre wieder der Geist der Zwietracht und des Hasses der in die Armee eingedrungen und die Kameraderie untei den Soldaten desselben Regiments oft völlig zerstört Hütte Eine schöne Revanche erlebte in einer der letzten Sitzungen die Alliance israelite universelle, indem der Depntirte Roze das civilisatorische Wirken derselben, ihre Schulen und den Geist, der in diesen lebe, in der glänzendsten Weise und unter lautem Beifall der Majorität darstellte. Rozet hat die Alliance Schulen im Orient wiederholt besucht und ist des Lobes voll über die Disziplin, die in diesen herrscht, wie über die Kultur arbeit der ^Ilianee überhaupt. Der Deputirte Lasies, der diese kurz vorher so scharf angegriffen, schwieg bei diesen Ausführungen mäuschenstill. 4- Eine Statistik der Juden in Rußland wird gegenwärtig vom russischen Ministerium des Innern geplant. Es sol nämlich ei»l neues Verzeichniß aller Plätze mit städtischer Ver faffung demnächst erscheinen, die im russischen „Ansiedelungs rayon" Vorkommen und unter der charakteristischen Bezeichnung „Oertchen" resp. Städtchen figuriren. Bon diesen mit Jude» vollgepfropften „Oertchen" soll ein ganz genaues Verzeichnis mit ausführlichen Angaben über Zahl, Zusammensetzung un- Beschäftigung der Einwohner ausgenommen werden. Ferne soll in dieser Statistik angegeben werden, welche Bedeutung diesen Städtchen in industrieller und kommerzieller Beziehung zukommt und inwiefern die jüdische Bevölkerung dieser „Oertchen" von den verhängnißvollen Maigesetzen betroffen wird. Letztere Angabe läßt diese statistische Arbeit, welche auä in wissenschaftlicher Hinsicht werthvoll zu werden verspricht, iu einer Politischen Beleuchtung erscheinen. Je mehr die russische Regierung die traurige Lage der Juden in» Ausiedelungsrayon kennen lernt, desto größer erscheinen die Aussichten, daß sie die unsichtbare chinesische Mauer, welche die Maigesetze uru

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