Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-15 · Heft 7 (15.2.1901) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 7 (15.2.1901)
Date
1901-02-15
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228427--57289-3293652
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

65. Jahrgang. Nr. 7. löerlin, l5. Februar 1901 Der Gernern-ebote. 'Beilage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHrrrns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 10. Februar. Die heutige Reprä senta nteil versa Y1111 lu Hg nahm einen sehr schnellen und geschäftsmäßigen Verlauf. Aus der Reihe der geschäftlichen Mitteilungen heben wir zunächst hervor, daß in die gemischte Kommission zur Berathung der Ausloosiing der Repräsentantenstellvertreter die Herren Dr. Lilienthal und Dr. Lachinan n vom Vorstand entsendet sind. Der Vorstand ist der Wahl des Rektors Dr. Holz in an zum Mitglied des wissenschaftlichen Beiraths der Bibliothekkommission beigetreten und hat auch dem Beschluß der Repräsentantenversammlung. betreffend die Festsetzung der Gehaltsskala für die Lehrer seine Zustimmung ertheilt. Eine Petition der vereinigten Synagogendiener um Erhöhung des Gehalts wird bis zur Elatsberalhung zurückgestellt. Der Vorsitzende Louis Sachs bringt alsdann noch die an den Reichskanzler in Angelegenheit der jüdischen Notare gerichtete Beschwerde des Gemeinde- Vorstandes zur Kenntnißnahme. spricht dem Vorstande hierfür unter Beifall der Versammlung Dank aus und knüpft daran den Wunsch, daß der Vorstand auch fernerhin in der gleichen muthvollen und furchtlosen Weise sich der Interessen der Genieindemitglieder und des Iudenthnms annehmen möge. Kommerzienrath Fried lau der giebt die Rechnungslegung über die Hauptkasse, Centralkasse und vas Depositorium. Die betreffenden Verwaltungen werden alsdann dechargirt. In die bauleitende Kommission wird Geheimrath Senator abgeordnet, an dessen Stelle bei Ablehnung dieser Wahl Geheimrath Blumen thal treten wird. Aus dem Rechnungsabschluß der Gemeindehauptkasse, den Herr Loewenthal erstattet, theileu wir mit, daß bei verschiedenen Positionen ein Mehrverbrauch eingetreten ist, und zwar 2118.75 Mark Büreaukosten, 930 Mark für Büreauhilssarbeiter, 1000 Mark als Vorschub für die Gemeindebibliothek. 3700 Mark zum Ankauf von Synagogenplätzeu, 130.80 Mark für Einrichtnngsgegenstände in der Synagoge Lützowstraße. Bei den Einnahmen hat sich ein Gesammtüberschuß von 318 431.14 Mark eingestellt; es betragen die Mehreinnahmen im Zinsenkonto 22855 Mark, aus Grundstücken 15 542.29 Mark, aus Beiträgen der Gemeindemitglieder 94968 Mark. Zm Titel Ausgaben ist ein Mehrverbrauch zu konstatiren. bei Gehältern und Pensionen 2100 Mark, für Armenaustalten 9655 Mark. An Anleihen sind noch 3 168 000 Mark zu tilgen. Der Finanzverwaltung des Vorstandes wird Decharge ertheilt, der Mehrverbrauch für die oben genannten Positionen nachbewilligt. Bei der Fürsorgekoni Mission ist pro 1899/1900 ein Minderverbrauch von 752.24 Mark zu verzeichnen. Die Thätigkeit der Kommission hat, wir dürfen wohl sagen, erfreulicherweise eine geringere sein können als in dem vorigen Verwaltuugsjahr. Die Fürsorgethätigkeit erstreckte sich im Berichtsjahre auf 121 Parteien und zwar 44 aus dein Vorjahre, zn denen 77 neue Fälle kamen. Unter diesen handelte es sich in 69 Fällen um die Fürsorge für entlassene Strafgefangene und deren Familien, in 4 um die Familien von Strafgefangenen, in > um die Fürsorge für Prostituirte, in 1 Falle um die Fürsorge für eine jugendliche Person. Unter den 77 Fällen befanden sich 69 Männer, 8 Frauen, 65 waren Deutsche, 12 Ausländer. Lebhaftes Interesse verdient und dankbar zu begrüßen ist die heute beschlossene Einrichtung einer sechsten und siebenten Religionsschnle. Für die sechste Religionsschnle sind die Räume der 55. städtischen Gemeindeschule in der Chorinerstraße 74 vorgesehen, und die Leitung Herrn Lehrer A. Auerbach übertragen worden, der bereits mehrere Jahre den verstorbenen Dr. Apolaut mit bestem Erfolge au der Zweiten Neligiousschule vertreten hat. Mit der Errichtung der siebenten Religionsschnle sind die Bedingungen erfüllt, welche Rabbiner Dr. Eschelbach er in dem Wunsche einer eigenen Religionsschule bei Uebernahme seines Amtes gestellt hat. Die siebente ist. wie bereits ans unserem vorigen Bericht ersichtlich, nur eine Fortführung der bisher vom Luisen städtischen Brüderverein (Ahawas Renn) in der Annenstraße geleiteten Schule. Nur für den Fall der Vereinigung mit dieser Schule wurde vom Gemeindevorstand die Lage dieser Schule als günstig betrachtet; der Abschluß der mit großem Eifer geleiteten Verhandlungen ist dem Oberlehrer Dr. Schäfer zu danken. Dem Wunsche des Vereins auf Neberiiahme des bisherigen Schulleiters Herrn Dr. Bleich rode, welcher die Frequenz von 45 Zöglingen auf 250 geho ben hat, wird entsprochen werden, und zwar soll ihm, um den Respekt der Kinder nicht zu untergraben, eine den Lehrern Vorgesetzte Stellung eingeräumt werden. Das Inventar der Schule wird ebenfalls von der Gemeinde übernommen werden. Beide Vorlagen werden debattelos bewilligt. Mit der Errichtung dieser Schulen ist dem Bednrfniß der Gemeinde für den Norden und für den Osten resp. Südosten Rechnung getragen. Für Pflasternngsarbeiteii auf dem Friedhofe in Weißensee werden 135.32 Mark als Nachbewilligung genehmigt. Die Zinsen der Zerline Helfftffchen Stiftung werden der Armenkommission, die Zinsen des Carl Eduard Hertel'schen Legates werden im Betrage von 300 Mark dem Verein Amicitia, im Betrage von 450 Mark der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums und für den Nest der Lehrerbildungsanstalt überwiesen. Die Vorlage betreffend den NormaLbesoldnngsetat für die Beamten der jüdischen Gemeinde, welche, wie wir bereits mitzutheilen in der Lage waren, nicht die Genehmigung des Vorstandes gesunden hat. wird alsdann noch in die hierfür eingesetzte gemischte Kommission znrückverwiesen. Der Vorstand legt Werth daraus, die Pensionsverhältnisse der Beamten mehr als in der bisherigen Vorlage berücksichtigt zu sehen. Herr Louis Sachs spricht den Wunsch ans, nicht vor der Berathung des Etats in die Regelung der Frage einzutreten. da nur auf die im Etat festgesetzten Gehälter znrückgegriffen werden könne. Vorsteher Martin Simon bestreitet die von uns in einer früheren Notiz berichtete Abneigung des Gemeindevorstandes gegen den Normalbesoldungsetat und giebt allerdings zu erkennen, daß sich gewisse Beamtenkategorien durchaus nicht in den Nahmen eines Normaletats hineinzwängen lassen. Soweit als möglich sollen die im Etat festgelegten Steigerungen der Gehälter in Betracht gezogen werden. Damit schließt nach einstündiger Dauer die öffentliche Sitzung. Der geheimen Sitzung liegt abermals ein Schreiben des Rabbinats bezüglich der Theilnahme der Rabbiner beim Gottesdienste vor. 8. Berlin, 10. Februar. In der Victoriabrauerei tagte heute die von einem Sonderkomitee embernfene, durch den zahlreichen Besuch imposante P r o test versa m m l n n g jüdischer Bürger Berlins gegen die beim Justizetat erfolgten Aeußernngen des Zustizmiiiisters Dr. Schönstedt betreffs der Anstellung von Juden im Staatsdienst. Das Bureau der Versammlung setzte sich aus den Herren Stadtverordneten Louis Sachs, Dr. Nathan und Jnstizrath Cassel, Rechtsanwalt Dr. Horwitz und James Simon zusammen. Nach den einleitenden Worten des Vorsitzenden Louis Sachs, welcher den Grund der Einberufung erläuterte, gab Dr. Nathan in objektiver Weise ein Bild der Sachlage. Es handle sich, so führte der Redner unter lebhaften! Beifall der Versammlung ans, nicht etwa im Wesentlichen nur um die Notariatsfrage, sondern um die prinzipielle Stellung der Inden in der Staatsverwaltung, deren Gleichberechtigung zwar durch die Verfassung gewährleistet, aber in der Praxis nicht anerkannt werde. In der Debatte im Abgeordnetenhcmse seien das mathematische Interesse vom Centrumsredner und das Interesse der Bevölkerung vom Justizminister als maßgeblich für die Behandlung der Juden bezeichnet worden. Beide Gründe hätten es zu Wege gebracht, daß sich in den bei weitem meisten staatlichen Verwaltungen säst kein Jude mehr befindet, und daß die Inden, die sich noch darin aufhalten, in der Justizverwaltung zusammengedrängt seien, deren Ueberfüllniig mit Inden, was man bedauern müsse, zweifellos vorhanden sei. Der Justizminister habe daraus gefolgert, daß ans diesem engen Winkel noch mehr Inden hinansgedräiigt werden müssen, und es mit voller Offenheit ausgesprochen, daß in Zukunft die Lage der jüdischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.