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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-15 · Heft 7 (15.2.1901) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 7 (15.2.1901)
Date
1901-02-15
Page
Seite 78 (sequence 8)
Language
German
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78 an das Hilfswerk für Rumänien Herangehen, das in letzter Zeit etwas ins Stocken gerathell zu sein scheint. Das Konzil der jüdischen Gemeinden Amerikas, welches am 15. und 16. v. M. in Cincinnati stattgefnnden hat, war von 800 Delegirten aus allen Theilen des Landes besucht. Mit der Jahressaminlung wurde zugleich das silberne Jubiläum des Welmen' Union sowie eine Gedenkfeier für den unvergeßlichen Isaak M. Wise verbunden, der sowohl diese theologische Lehranstalt gründete, wie auch die Union der verschiedenen jüdischen Gemeinden Amerikas zu Stande gebracht hat. Der jüdisch-amerikanische Gemeindebnnd wurde am 8. Juli 1878 in derselben Stadt gegründet. Seine hervorragendste Schöpfung ist das Kollege. Bekanntlich ist bald nach dem Tode des Stifters der Plan aufgetaucht, zur blei-! benden Erinnerung an denselben einen „Rabbi Wise Gedächtnißfonds" von 500 000 Dollars zu gründen und die Zukunst der Allstatt sicher zu stellen, in welcher bisher 74 amerikanische Rabbiner ihre Ausbildung genossen hatten. Von diesem Fonds sind bis jetzt scholl über 140 000 Dollars, also mehr als 400 000 Mark, aufgebracht worden. Jawohl „Amerika, du hast es besser!" Als Präsident des Kollege und als Nachfolger des Dr. I. M. Wise ist noch Niemand in Aussicht genommen; Ulan will warten bis ein Jahr seit dem Tode des Begründers verstrichen ist. Wahrhaft erhebend war auch die Begrüßungsrede, die Louis Seasongood, der in amerikanischen Zeitungell als General bezeichnet ist, im Namen der Israeliten Cincinnatis an die Versammlung gerichtet hat. Auch das Komitee für die bürgerlichen und religiösen Rechte der Juden erstattete Bericht über seine Thätigkeit im Interesse der unglücklichen Glauberlsgenossen in Rußland, Galizien und Rumänien. Einen großen und tiefen Eindruck machte die Gedächtnißfeier für Isaak M. Wise, dessen Enkel, Rechtsanwalt May, bei diesem Anlasse eine sehr wirksame Ansprache hielt. Die nächste Versammlung findet 1903 in St. Louis statt. Der allgemeine Eindruck, den man voll der Lektüre dieser Berichte empfangen, ist ein durchaus günstiger und gewährt das Bild erfreulichen Aufschwungs. Ganz besonders erfreulich ist es, daß die Zukunft des Ilobi'6>v Union Oollo^e, auf welcher auch die Zukunft des Judenthums in Amerika beruht, gesichert ist. ->K<- Aie erste Frage. Av» Rabbiner Dr. S. Gvldschmidt, Kmngshntte O.-S. ersten Male nach langen Jahren sind im Preußischen Abgeordnetenhause jüdische Dinge von einem jüdischen Parlamentarier zur Sprache gebracht worden. Daß die Thatsache allein wie ein Novum, wie ein Ereigniß wirkt, beweist inehr als vieles andere den bescheidenen Stand, auf den wir nufere Ansprüche im öffentlichen Leben herabgeschraubt haben. Was in der letzten Sitzung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus von dem Abgeordneten Dr. Barth als Probates Mittel empfohlen wurde, ist — wir freuen uns dessen — rasch beherzigt worden. Kühl, leidenschaftslos, nüchtern, ohne rhetorisches Beiwerk, ohne Pathos, das so oft Nichtigkeit der Gründe verhüllen muß, richtete der Abgeordnete Peltasohn an den Herrn Justiz- , minister seine Anfrage über die Art der Beförderung jüdischer s Rechtsanwälte zum Notariat. Weil die Thatsachen selbst eine viel zu deutliche Sprache redeten, verzichtete er denn auch, j durch Reflexionen die Wucht des Materials noch zu verstärken Nur um die Gründe des, wie der Redner versicherte und wie ihm sicher an vielen Stellen des Hauses geglaubt wurde, merkwürdigen und auffälligen Vorgehens wars ihm zn thun, den Herrn Minister zu einer Erklärung zu veranlassen, über Dinge, die für Viele in Preußen keiner neuen Erklärung bedurften. Denn die Redner der Linken erzählten nichts Neues. In dem kleinsten Provinznest weiß und er zählt man sich von den Listen, in denen die Anwälte nach drei einzelnen Bekenntnissen eingetheilt sind, in Christen, getaufte Juden und Juden. Sie verlangten auch keine Bestätigung, aber eine Begründung, Erklärung — darf man sagen Rechtfertigung? — von dem höchsten Beamten der preußischen Justiz, die den preußischen Grundsatz der Gerechtigkeit mehr, als es sonst geschieht, zum Ausdruck bringen muß und auch bringt. Eine Rechtfertigung ist es nun nicht gewesen, was der Minister erwidert hat. Deren, so meinte er, bedürfe es nicht. Daß ein preußischer Minister sich glatt und offen etwa zum Antisemitismus bekennen würde, hat wohl Niemand erwartet. Aber ebensowenig darf Jemand erwarten, daß die Erklärung, die Zurücksetzung jüdischer Anwälte geschehe überall im preußischen Laude im Interesse des Volks, das nun einmal jüdische Notare nicht mag, irgend Einen über die wahren Gründe hinwegtäuschen könnte. Die vermeintliche Abneigung gegen jüdische Vertrauensmänner kvnstatirte der Herr Minister hauptsächlich für Berlin. Gilt sie gleichermaßen für ganz Preußen? Gilt sie ohne Rücksicht aus die Parteischattirnngeu und GruPPirungen im Lande? Aber aus den angeblichen Schwierigkeiten in der Reichshauptstadt werden die Konsequenzen in ganz Preußen gezogen; die jüdischen Anwälte werden in Posen und Schlesien, in Pommern und sonstwo gleichmäßig zurückgesetzt. Allerdings ist die Zurücksetzung jüdischer Aspiranten in anderen Ressorts noch größer, noch allgemeiner, und der Herr Minister gab seiner Verwunderung offen Ausdruck, daß man grade die Justizverwaltung befragte, die unter alten Verwaltungen allein noch jüdische Anwärter berücksichtige. Darin hat der Herr Minister unzweifelhaft Recht. Man muß nicht müde werden, auch die anderen Ressortminister zu fragen. Es giebt ja Verwaltnngsziveige, bei denen sich solche Anfragen erübrigen. Durch die konstante Praxis, Juden nicht zu berücksichtigen, sind jüdische Reflektanten überhaupt nicht mehr vorhanden. Aber da, ivo Juden noch immer den Muth, die Hoffnungssreudigkeit und den Ehrgeiz habe», ihre Kraft in den öffentlichen Dienst zu stellen, wird man nicht umhin können dem Rath des Herrn Ministers zu folgen. Sporadisch geschieht es ja, aber man muß es wiederholen, um Aufklärung zu erhalten. Warum werden z. B. jüdische Kandidaten des höheren Schulamts nicht angestellt? Es gab eine Zeit, wo Ueberfluß war, und da Niemand durch seine bestandene Prüfung ein Recht auf Anstellung hat, so konnte und mußte man sick zur Noth bescheiden. Augenblicklich ist der Ueberschnß aufgebraucht, in manchen Fachern droht Mangel, aber Juden werden nicht angestellt. Es giebt Aerzte unseres Glaubens, die seit Jahren in ihrem Innersten ihr Befähigungszeugniß als Kreisphysiker tragen. In neuerer Zeit wird ihnen eine amtliche Stellung nur im äußersten Falle verliehen. Geschieht das auch nur im Interesse des Volkes! Sicherlich, sonst würde

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