Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1901)
- Date
- 1901-02-15
- Page
- Seite 79 (sequence 9)
- Language
- German
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79 es gewiß nicht Vorkommen. Irgend Jemand hat schon ein Interesse daran, wenn eine Klasse des Volkes in ihren Rechten geschmälert wird, das kann und soll garnicht geleugnet werden. In wie weit die Ausführungen des Herrn Justizministers die Zustimmung des Hauses gefunden haben, ist für den Leser der Parlamentsberichte jetzt klar zu erkennen. Daß die Rechte den Abgeordneten Barth, der ohne Schonung die letzten Gründe ausdeckte, stürmisch unterbrach, daß ihr die Beseitigung der Gleichberechtigung gar nicht so ungeheuerlich vorkam, wie er es zu zeichnen für nothwendig hielt, nimmt Keinen Wunder, der die Herzenswünsche unserer Konservativen in diesem Punkte kennt. Aber es erhob sich außer einigen Freisinnigen Niemand, um auch nur mit einem Ton für das gleiche Recht der Bekenntnisse einzutreten. Auf den Fernstehenden macht es einen ganz merkwürdigen Eindruck, wenn er liest, was darauf die Centrumsredner sprachen, die doch sonst so begeistert für die „Parität" eintreten. Es handelte sich ja nur um Juden und ihr Recht. Wer wird sich da echausfiren. Giebt es einen gültigeren Beweis, daß wir allein stehen? Müssen wir die Kraft die wir noch haben, die Intelligenz, das Wissen, die Umsicht, die uns zu Gebote stehen, nicht für ein Ziel einsetzen, unser Recht uns zu wahren, unter Anlehnung an die Wenigen, die im wahren Interesse des Volkes für die Gerechtigkeit kämpfe»! Man mag der Zusammenfassung unserer geistigen und materiellen Kraft den Namen geben, den man null, zusammengefaßt müssen sie werden, das ist eine der Lehren aus den Debatten der letzten Woche! Gin aufklärendes Wort zur rechten Zeit. Von Seminarlehrer A. Levy. Hannover. mau jetzt eine jüdische Zeitung zur Hand, so kann man sicher darauf rechnen, daß man in irgend einer Form über Handfertigkeit oder Gartenbau zu lesen bekommt. Es ist dieses seit etwa Jahresfrist zu bemerken. In allen jüdischen Lehrerversammlungen im ganzen Reiche wird in den Konferenzen, die im Frühjahre stattfinden, über Gartenbau und Handfertigkeit verhandelt werden. Selbst wenn man als Laie diesen Gebieten gegenüberstünde, müßte man sich fragen, ob denn wirklich diese Unterrichtsfächer in solchem Grade die öffentliche Aufmerksamkeit erregen, und wenn es wäre, aus welchem Grunde es geschähe; ob wirklich der jüdischen Volksschule nichts mehr fehle, ob alle Wünsche, berechtigte Wünsche, deren Erfüllung den Lebenskeün der Schule bedingen, erfüllt seien. Der Verfasser dieser Zeilen steht jedoch diesem Unterricht nicht als Laie gegenüber. Wenn auf irgend einem Gebiete, sei es auf kommerziellem oder pädagogischem rc.. eine Umwälzung sich vollzieht, oder neue Bahnen eingeschlagen werden sollen, so geht die Anregung gewöhnlich von einein erfahrenen Fachmanne ans. Selbst dann muß, auch wenn sie gilt ist, die Begeisterung sehr oft etwas gedämpft werden, bevor marr die zu kühnen Pläne in die Wirklichkeit nmsetzen kann. Der Verständige nimmt jedoch die Anregung, wenn sie sich als praktisch erweist, woher sie kommt, auch von dem Laien. Man muß dann als selbstverständlich voraussetzeu, daß der Laie sich den Ausführungen des Sachverständigen anschließt. Bei der Einführung des Haudfertigkeits- und Gartenbauunterrichts in die jüdischen Volksschulen waren es mit ganz wenigen Ausnahmen Laien, die eine Rolle spielten. Das Protektorat liegt noch in der Hand voll Laien. Es soll nicht auf die Frage verwiesen werden, ob der Unterricht in Handfertigkeit und Gartenbau mehr oder weniger nützlich sei, es soll nicht auf den Kölner Lehrertag, der sein Urtheil hierüber unzweideutig gefällt hat, hiugedeutet werden. Für uns Juden sind es ja ganz andere Vorbedingungen, die zu der Empfehlung der Einführung des Unterrichts geführt haben. Ob dieses Verfahren richtig war, ist eine andere Frage, die offen bleiben soll. Schaden kann der Unterricht nicht, er kann selbst von Nutzen sein, ungefähr wie ein gutes Dessert nach einer kraftbringeuden Mahlzeit. Wenn aber die Hauptmahlzeit fehlt, was soll mau mit einem noch so hübschen Dessert? Die „Mahlzeit" fehlt in vielen Fällen, das werden viele, sehr viele jüdische Schulmänner Deutschlands den jüdischen Schulen bezeugen können, und nun will man ihnen durchaus das „Dessert" aufdrängen. Jedem einigermaßen Eingeweihten ist es klar, wie die jüdischen Schulen, besonders im Westen und Süden des Reiches, zusammenschmelzen, wie sie ein klägliches Dasein fristen, jeder Eingeweihte weiß, welche Sorge dieser Umstand dem Lehrer verursacht. Es giebt Schulen mit drei, fünf oder sieben Schülern, nicht etwa vereinzelt, nein, in erdrückend großer Zahl. Unter diesen sind ein oder zwei Knaben, von denen oft des Alters wegen Keiner für Handfertigkeit oder Gartenbau in Betracht kommt. Dieses ist ebenfalls nicht vereinzelt der Fall, sondern so sind leider die normalen Verhältnisse. Für diese Paar Kinder also diese ganze Bewegung! Darum sollen die Lehrer, wie einer von den vielen Vorschlägen, die kürzlich allen Ernstes gemacht wurden, besagt, „einige Monate" ihre ohnehin scholl lange Studienzeit verlängern, denn ill „zehn Tagen" oder irr einem „Ferienmonat" kann doch nichts Ordentliches gelernt werden! Wenn man bedenkt, daß der Lehrer, nachdem er das Seminar verläßt, auf dem er, wie alle großen und minder großen Pädagogen meinen, nur gelernt hat, sich weiterzubildeu, zunächst noch einige Monate dem Studium voll Handfertigkeit und Gartenbau sich widmen, dann ein Jahr seiner Militärpflicht genügen soll, so muß man sich fragen, ob denn der junge Lehrer eigentlich noch unterrichten kann, ob er dann noch seine zweite Prüfung machen wird. Die jüdischen Seminare, die den Unterricht ill Handfertigkeit und Gartenbau ablehnten, haben recht gethan, denn es erfordert nicht, wie behauptet wird, zwei Stunden wöchentlich, sondern, wie die Erfahrung lehrte, fünf Stunden. In Hannover ist der Unterricht am Seminar obligatorisch; aber nur sehr wellige Lehrer können ihn später praktisch verwerthen, theils, wegen der Ansbildung ihrer Stimme und durch die vielseitigen Berufsarbeiten, die der Lehrer in der kleinen Gemeinde zu bewältigen hat, theils, weil kein Schülermateriat vorhanden ist. Was dem jüdischen Lehrer Noch thut, ist neben dem vorgeschriebeuen Wissen ill den profanen Fächern, das er im Seminar erhält, weitgehende Kenntnisse ill jüdischer Geschichte, Litteratur und im Hebräischen, damit er der Unwissenheit und Lauheit steuern kann. Wenn der Lehrer Zeit findet, seinen kleinen Garten zu bebauen, so kann er das voll einem guten Gärtner, der im kleinen Orte am bester: zu finden ist, leicht und mit geringen Kosten gründlich erlernen. Darum gebet dem guten „Dessert" alle Ehre, aber verderbet nicht die nährende und kräftigende „Mahlzeit"; gebet dem Unterricht in Handfertigkeit lind Gartenbau die ihm gebührende Anerkennung, aber lenkt uns Lehrer nicht von unserem Hauptstudium ab.