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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-15 · Heft 7 (15.2.1901) · p. Seite 76

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 7 (15.2.1901)
Date
1901-02-15
Page
Seite 76 (sequence 6)
Language
German
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76 Verwaltungszweigen, welche sich aus Assessoren rekrutireu, seit längerer Zeit alle jüdischen Bewerber ausgeschlossen sind, — wie es heißt, „im Interesse der Bevölkerung". Vor einigen Wochen, so erzählt die „Nation", schrieb das Amtsblatt der schwäbischen Stadt Leipheim die dortige Kaminkehrerstelle aus, und zwar mit dem Bemerken, daß der Ort eine vorwiegend protestantische Bevölkerung habe. Ein Centrumsorgan, das sich des Falles bemächtigte, die „Augsburger Postzeitung", bestritt diese wichtige Thatsache nicht, fügte aber hinzu, daß die nächste Umgebung des Orts vorwiegend katholisch sei, und deshalb die Wahl eines katholischen Kaminkehrers verlangt werden müsse. Ein böses Dilemma für alle Kandidaten des Kaimnsegeramts. Augenscheinlich sind die Schornsteinfegermeister jenes Orts ebensosehr auf die protestantischen Kamine des Städtchens wie auf die katholischen Kamine der ländlichen Umgebung angewiesen. Vielleicht kann sich der glückliche Bewerber dadurch den Besitz des schwarzen Postens sichern, daß er einen katholischen und einen protestantischen Gehilfen annimmt und sorgsam darauf achtet, daß jeder Schornstein konfessionell gefegt wird. Das Interesse der Bevölkerung erfordert es. Auf diesen Schwabenstandpunkt von Leipheim hat sich am Sonnabend auch das Abgeordnetenhaus gestellt. Es bleibt nun abzuwarten, welche Politik die höheren Instanzen befolgen werden, die der Verfassung selbst oder die ihrer Auslegung durch das Abgeordnetenhaus. Denn schon nach der ersten Abgeordnetenhaussitzung haben sich die größten jüdischen Gemeinden Preußens an den Ministerpräsidenten Grafen Bülow mit einer Eingabe folgenden Inhalts gewendet: „Euer Excellenz! In der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses voni 31.Januar bestätigte nach dem amtlichen stenographischen Bericht (Spalte 928 ff.) Seine Excellenz der Justizminister Herr Dr. Schönstedt, daß jüdische Rechtsanwälte ihres Glaubens wegen später zu Notaren ernannt werden als ihre christlichen Kollegen. Der Herr Justizminister erklärte weiter wörtlich (stenographischer Bericht, Spalte 930) : „Ich hätte nicht erwartet, daß nach dieser Seite hin von dem Herr» Abgeordneten Peltasohn gerade der Justizverwaltung Vorwürfe gemacht werden würden, die ja noch die einzige ist in der ganzen Monarchie, in der überhaupt jüdische Assessoren angestellt werden. Alle anderen Verwaltungen lehnen es ab, jüdische Herren zu übernehmen." Ans den Worten des preußischen Herrn Jnstizministers geht unzweideutig hervor, daß unsere Glaubensgenossen in Preußen die staatsbürgerliche Gleichberechtigung wegen ihrer Zugehörigkeit zur mosaischen Religion thatsächlich nicht genieße». An Euer Excellenz als königlich preußischen Ministerpräsidenten und als deutschen Reichskanzler wenden wir uns unter Berufung auf die preußische Verfassung und unter Berufring auf das Reichsgesetz vom 3. Juli 1869, betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung, damit ein Präjudiz verhütet und damit eine staatsbürgerliche Zurücksetzung, wie sie die Worte Seiner Excellenz des preußischen Jnstizministers Herrn Dr. Schönstedt feststellen, von unseren Glaubensgenossen ferngehalten werde. Die Unterzeichneten als die Vertreter der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands haben sich verpflichtet gehalten, bei Euer Excellenz, dem höchsten verantwortlichen Hüter der versassnngsmäßige» Zustände in Preußen wie im Reiche, vorstellig zn werden. Wir vertrauen, daß Euer Excellenz jene Schritte thun wird, die erforderlich sind, damit den jüdischen Staatsbürgern die ihnen durch Verfassung und Gesetz gewährleistete» Rechte in der Praxis nicht verkürzt werden, und bitten mit Rücksicht ans die tiefgehende Beunruhigung, welche sich unserer Glaubensgenossen bemächtigt hat. uns Bescheid hochgeneigtest zugehen zu lassen." Es bleibt nun abzuwarten, welche Antwort auf diese Eingaben erfolgen wird. Auch einige Protestversammlungen haben bereits stattgefunden, wie die des fortschrittlichen Vereins Waldeck und die, über welche wir an anderer Stelle berichten. Natürlich hat sich auch sofort der Klatsch der Sache bemächtigt, und einige Blätter wußten sogar zu berichten, daß die vielen an preußischen Gerichten wirkenden jüdischen Handelsrichter, die sich durch die Erklärung des Justizministers verletzt fühlten, deshalb eine Bewegung eingeleitet hätten, nach Beendung ihrer übernommenen Verpflichtungen grundsätzlich auf die Ehre zu verzichten, dem Staate Dienste zu leisten. Es versteht sich von selbst, daß cm der ganzen Sache kein wahres Wort ist. Nein, nichts wäre falscher, als gegenüber dieser Bewegung die Waffen zu strecken und Resignation zu üben. Der Kampf, der uns aufgezwungen worden, ist, wie gesagt, nicht nur ein Kampf für unser gutes Recht, sondern vielmehr und in erster Reihe ein Kampf für die Integrität der Verfassung, für die Sache des Fortschritts und die Idee der Gewissensfreiheit. Wir werden in diesem Kampfe nicht allein stehen, sondern viele Bundesgenossen finden, die wir allerdingsswon jetzt ab nicht mehr in den Reihen des Centrums oder der nationalliberalen Parteien suchen werden, sondern vielmehr in den Reihen der Männer, denen die Ideen des Fortschritts und der Gewissensfreiheit nicht Schall und Rauch, sondern der Ausdruck innerer, gefesteter Ueberzeugung sind. Are Woche. Berlin, 12. Februcrr. in wahrer Kiddusch Haschen: in des Wortes tiefster Bedeutung ist die Rede, die der greise Sanitätsrath Dr. Neu mauu in der letzten Generalversammlung des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" mit jugendlicher Frische gehalten hat. Da dieselbe in den Berichter: nur sehrkurz resumirt wurde, gebeu wir den Inhalt nach den: stenographische:: Protokoll wieder. Dr. Neumann sagte: Der Herr Vorsitzende hat seiner: Vortrag mit eitlem energischen Nechtsprotest geschlossen: nicht blos als liberaler Mann, sondern auch als Christ beanspruche er als sein Recht und seine Pflicht, gegen die Antisemiten und für die Juden zu kämpfen. Die beiden folgenden Redner, ein Professor der evangelischen Theologie, und ein berühmter Kanzelredner, haben ihren christlichen Standpunkt dargelegt. Es wäre wie Unwahrheit zwischen uns. wenn aus diesem Kreise kein Jude ein Wort des Dankes oder der Entgegnung zu sagen hätte. Da Berufenere schweigen, so ergreife ich das Wort. Im vorigen Jahre mußte ich, und gerade von jüdischer Seite, schwere Vorwürfe hinnehmen, weil ich gewagt hatte, daraus hinzuweisen, daß unser Verein seinen ursprünglichen, d. h. interkonfessionalen Charakter eingebüßt zu haben scheine. Heute, meiue Herren, darf mein erstes Wort ein Dank an den Herrn Vorsitzenden und die beiden Herren Vorredner sein dafür, daß sie im Kampfe gegen den Antisemitismus lediglich ihre Christenpflicht zu erfüllen bestrebt sind. Nun. meiue Herren, der Herr Vorsitzende hat nicht blos selbst durch seinen eigenen, ausführlichen Vortrag den Ritualmord zum Thema der heutigen Versammlung gemacht, Herr Professor Strack hat uns außerdem auch noch eine Allzahl von Thesen über den Ritualmord vorgetragen. Auf eine derselben komme ich alsbald noch zurück. Ich habe vor dem orthodoxen Standpunkt und ebenso vor seinem Eifer für die Ehre Christi, wie er solche hier vor uns ausdrücklich bekannt hat. aufrichtige Hochachtung; ich anerkenne ohne jeden Rückhalt und als Jude auch mit Dank, daß seine Arbeit über den Nitnalmord aus der reinsten Absicht entsprungen lind nur der Wahrheit gewidmet ist. Aber bei dem

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