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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-08 · Heft 6 (8.2.1901) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 6 (8.2.1901)
Date
1901-02-08
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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der Anstalt den Vorsitz führt. In geistvoller Weise sprach der Redne über „Das Buch der Frommen", schilderte dies alte, eigenartige Schriftwerk als einen Spiegel seiner Zeit, des Mittelalters, und behandelte eingehend das Verhältnis des Judenthums zur Superstition. Es wäre im höchsten Grade erwünscht, wenn die interessanten Erörterungen des Redners über den wichtigen und trotz aller modernen Erkenntniß heute noch aktuellen Gegenstand auch einer größeren Oeffentlichkeit zugänglich gemacht würde. Hierauf verkündigte der Vorsitzende das Ergebniß der Bewerbung um den von Professor Kaufmann gestifteten Rosinschen Preis. Es war als Aufgabe das Thema gestellt: „Die Geschichte des Achtzehngebetes". Der jetzt zum zweiten Mal vorgelegten Arbeit wurde der Preis zuerkannt. Die Eröffnung des beigegebenen Kouverts ergabals den Bewerber den Dr. Jsmar Elbogen, einen ehemaligen Zögling der Anstalt, der jetzt am ^oIl6§io rabkirneo in Florenz thätig ist. Der an diesem Tage erschienene Jahresbericht der Anstalt bringt eine Fortsetzung der „Geschichte der schlesischen Juden" von Dr. M. Braun. Diese werthvolle wissenschaftliche Arbeit wird gewiß eine besondere Besprechung in Ihrem Blatte erfahren. Es ist bedauerlich, daß sich das Erscheinen dieses Geschichtswerkes so lange hinzieht. Bekanntlich stellt das Kuratorium der Anstalt seinen Dozenten seit mehreren Jahren nicht mehr als drei bis vier Druckbogen für jeden Jahresbericht zur Verfügung. Früher war das anders! Im Uebrigen erfreut sich die Anstalt nach wie vor des öffentlichen Vertrauens. Zwar erscheinen wie bekannt bei jedem Semesteranfang in den orthodoxen Blättern Warnungen Vörden Thora- und Gottesleugnern, die da auf der Wallstrabe den Lehrkörper des Seminars bilden. Aber diese Warnungen, an welche die Urheber und Verbreiter ja selber nicht glauben, sind in keiner Weise im Stande, das Vertrauen der Gemeinde zur Anstalt zu erschüttern. Wir entnehmen vielmehr aus diesem Jahresbericht die erfreuliche Thatsache, daß wiederum etliche ihrer ehemaligen Schüler zu Vertretern angesehener Gemeinden berufen worden sind. Vor allem hat Berlin den lange vergeblich gesuchten Rabbiner für seine konservativen Synagogen unter ihnen gesunden und Rabbiner Dr. Eschelbacher gewählt. Nach Danzig ging der Lalldesrabbiner von Dessau Dr. M. Freudenthal. Zwei im Dienste der Breslauer Gemeinde wirkende Religionslehrer und Prediger erhielten allgesehene Bezirksrabbinate in Baden: Dr. Pinkuß wurde Rabbiner in Heidelberg und Dr. M. Doktor der Nachfolger Dr. Eschelbachers in Bruchsal. Ferner ist zu erwähnen die Berufung des Dr. S. Freund. früher Rabbiner in Czarnikau, nach Ostrowo, die des Herrn Rabbiner Fabian zum stellvertretenden Rabbiner und Religionslehrer der Neligionsanstalt II und die des Herrn Dr. Deutsch, bisher Stiftsrabbiner in Lissa, zum stellvertretenden Rabbiner und Religionslehrer der Neligionsuuterrichtsanstalt I der Synagogengemeinde zu Breslau. Vor Ablegung ihrer Prüfungen wurden die Kandidaten Dr. E. Schlesinger zum Rabbiner in St. Gallen und Dr. U. Brettholz zum Rabbiner in Sissek gewählt. Wir können der Anstalt nur eine weitere gedeihliche Entwicklung wünschen! L. Stadtoldendorf, 4. Februar. Eine Trauernachricht ist es, die ich Ihnen, hochgeehrter Herr Redakteur, zu berichten habe. Der Fabrik- und Gutsbesitzer Herr Ephraim Rothschild, der langjährige Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde und Mitbegründer des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes hat am 30. v. M. in nahezu vollendetem 93. Lebensjahre das Zeitliche gesegnet. Es würde zu weit führen, wollte ich hellte ein Lebensbild des selig Entschlafenen entwerfen, was übrigens in diesem Blatte scholl wiederholt geschehen. Was Rothschild bei seiner Lebzeit angestrebt, ist den Lesern zur Genüge bekannt. Er war auch einer der treuesten Freunde dieses Blattes und hat die Allgemeine Zeitung des Jndenthums seit ihrem Bestehen bis zu seinem Ende ununterbrochen gelesen und auch vollständig gesammelt. Ephraim Rothschild war ein Biedermann durch und durch, eine wahrhafte Stütze des Jndenthums. Dies zeigte er uoch in der letzten Zeit seilles Lebens, als der Nothschrei der rumänischen Glaubensbrüder zu uns herüberdrang. Als hochbetagter Greis wanderte er bei seinen hiesigen Glaubensgenossen Halls sür Haus und hat ein hübsches Sümmchen für diesen edlen Zweck zusammengebracht. In welchem Ansehen er bei seinen Mitbürgern stand, das zeigte sich so recht bei seiner Beerdigung. Ein nicht übersehbarer Leichenzug bewegte sich vom Sterbehause nach dem israelitischen Friedhöfe. Voll weit und breit war mall herbeigeeilt, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Es bedarf wohl keiner Erwähnung, daß alle Behörden hiesiger Stadt sich am Gefolge betheiligte. Im Trauerhanse und am Grabe schilderte der Herr Landrabbiner Dr. Nülf aus Braunschweig in trefflichen Worten die Tugenden des Entschlafenen. Jeder im Gefolge verließ die Grabstätte mit dem Bewußtsein, daß ein edler Mensch geschieden sei. Möge die Erde ihm leicht sein. N. Homburg, 1. Februar. Der „ Hamburgische Verein zur Beförderung nützlicher Gewerbe unter den Israeliten" hielt seine Generalversammlung im Patriotischen Gebäude unter Vorsitz des Herrn Dr. F. Gobert ab. Der Verein bezweckt, die Erwerbsfähigkeit der jüdischen Bevölkerung im Hamburgischen Staate auf dem Gebiete der Gewerbe einschließlich solcher Gewerbe, für deren Erlernung besondere Studien nöthig sind, zu befördern. Er unterstützt zu diesem Zwecke die der jüdischen Konfession angehörenden jungen Leute bei Erlernung eines Gewerbes, indem er dieselben bei geeigneten Lehrherreu unterbringt, während der Lehrzeit beaufsichtigt lind erforderlichen Falls sür ihren Lebensunterhalt bis zur gescheheneil Ausbildung Sorge trügt. Ebenso trägt er sür die Ausbildung Oer Zöglinge Sorge, welche für die Erlernung des Gewerbes besonderer Studien bedürfen, und deren Fähigkeiten die Wahl eines solchen Gewerbes rechtfertigt. Allerdings waren die Mittel in den letzten Jahren beschränkt, so daß es sich nothweudig zeigte, eine große Zahl der sich Meldenden zurückzuweisen. Bei Beginn der letzten Berichtszeit hatte der Verein 37 Zöglinge, neu ausgenommen 25. während in derselben Zeit 43 entlassen wurden. Die sonach unterstützten Zöglinge vertheilen sich auf die verschiedenen Gewerbe folgendermaßen: 5 Barbiere und Friseure, 5 Buchbinder, 14 Buch- und Steindrucker. 6 Feinmechaniker und Elektriker, 1 Gelbgießer, 2 Glaser, 2 Goldarbeiter, 2 Graveure, 1 Waffenschmied. 3 Klempner und Mechaniker. 1 Kürschner, 4 Maler und Lackirer, 1 Photograph, 2 Posamentirer, 1 Schlachter, 2 Schneider, 6 Tapezirer, 2 Tischler, 2 Uhrmacher. Die Ausgaben für die Zöglinge betrugen in der letzten Berichtszeit 7 800 Mark. Das Vereinsvermögen beträgt ea. 40 000 Mark. — Sally Es che Wege, der langjährige Jnspektor der neuen Beerdigungsgesellschaft, ist im 83. Lebensjahre sanft entschlafen. Der Verblichene war außerdem fast 50 Jahre Chordirigeut in der Tempelgemeinde. Die Bestattung fand unter großer Betheilignug von: Trauerhause aus statt Herr Prediger Dr.Leimdörffer hielt eine zu Herzen gehende Gedenkrede, in welcher er namentlich die Verdienste des Dahingeschiedenen um die Tempelgemeinde hervorhob. Karlsruhe, 1. Februar. Der Groß herzogliche Oberrath der Israeliten erläßt folgende Bekanntmachung das israelitische Gebetbuch betreffend: „Auf unser Preisausschreiben von: 22. März v. I. (Verordnungsblatt Seite 12), worin die Aufgabe gestellt wurde, „die Liturgie für Freitagabend in schönem und volksthümlichem Deutsch wiederzugeben," sind 19 Arbeiten eingekomrnen. Die eingehende Prüfung hat ergeben, daß keinem der Bewerber eine befriedigende Lösung der allerdings nicht leichten Aufgabe gelungen ist. Von den Meisten ist lediglich eine mehr oder minder gute schulmäßige Uebersetzung geliefert worden. Andere sind in der Uebertragung vom Texte willkürlich abgewichen, ohne daß dieselbe dadurch au Gehalt und Schönheit gewonnen hatte. Bei Einzelnen findet sich zwar manches Gute und Anerkennenswerthe, doch fehlt es an der erforderlichen Ausgeglichenheit. Wir haben uns daher zu unserem Bedauern außer Stande gesehen, einen der ausgesetzten Preise zu verleihen, dagegen Anordnung getroffen, daß die Manuskripte den Verfassern zurückgesandt werden." — Das Mitglied des Oberraths David Kahn in Mannheim ist dieser Stelle wegen leidender Gesundheit enthoben und der Synagogenrathsvorsteher Max Stockheim daselbst für die Zeit bis 1. Januar 1905 zum Mitglied des Oberraths der Israeliten ernannt worden. Oesterreich - Ungar«. LI Wierr, 4. Februar. Heute findet die Eröffnung des Ne ichsrathes statt; ob die neuen Männer, die da einziehen, den Stürmen werden Einhalt gebieten können, die nun schon Sessionen hindurch das Haus durchtobt haben, bleibt abzuwarten. — Die städtische Assanirnngskommission in Prag hielt dieser Tage eine Sitzung ab, welcher die Anträge des Herrn Dr. Thomas Czerny als Vertreter der israelitischen Beerdigungsbrüderschaft Vorlagen, wonach dem Assanirungszwecke ein kleiner Theil des alten jüdischen Friedhofes zum Opfer fallen würde. Herr Dr. Czerny bot namens der erwähnten Brüderschaft der Stadtgemeinde den nach seinen Anträgen wegzurasirenden Theil des historischen Friedhofes unentgeltlich all und versprach, daß

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