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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-08 · Heft 6 (8.2.1901) · p. Seite 71

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 6 (8.2.1901)
Date
1901-02-08
Page
Seite 71 (sequence 13)
Language
German
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71 Unbill mehr begegne! Du aber, nngläubiger Hund," wandte er sich an den Angreifer, „Du wanderst ins Gesängniß! Führt ihn ab!" rief er seine»! Knechten zu. „Schont ihn, edler Herr," bat Recha, indem sie einen mitleidigen Bliü ans die zusammengekrümmte Gestalt des nun Gefesselten warf. „Der Elende verdient Dein Erbarmen nicht, »nein schönes Kind, fort mit ihm! Du aber, Alter, sag', wohin Dich Deine Geschäfte führen, ich will Dich begleiten!" (Forts, folgt.) Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weil!. XI. as eingeschlossene Billet lautete folgendermaszen: Mein Fräulein! Ich habe den Entschluß gefaßt, mich zu verheirathen, aber nur, »venu Sie, meine Auserwählte, diesen Entschluß billigen! Ich habe hier 2500 Francs festen Gehalt, und mit meinen Privatstunden bringe ich es auf 3000 Francs. Ich habe die Bekanntschaft des Gouverneurs von Algier gemacht, der mir gewogen ist und mir eine schöne Zukunst verspricht. Wenn ich um Ihre Hand werbe, und Ihre liebe Mutter sie mir gewährt, würden Sie ohne Bedauern Ihre Familie und Ihre Heiinath verlassen, um mir nach Afrika zu folgen? Antworten Sie nur mit einem Wort durch Ihre Freundin Sommer, und seien Sie versichert, daß ich mich — was Sie auch beschließen — im voraus diesen» Entschluß unterwerfe. Sind Sie ja doch meine Krone und meine Fürstin, ich bin nur Ihr Diener, aber treu bis in den Tod! Elias Seibel. Und hier — die Antwort Kroneles! Herrn Elias Seibel! Sie haben mir ein hebräisches Gebet übersetzt, in dem es heißt: „Du sollst deinen Gott von ganzen» Herzen, von ganzer Seele und von ganzen» Vermögen lieben." So werde ich meinen Man»» lieben. Wenn also meine Mutter Ihnen ihre Tochter Kronele zun» Eheweib verspricht und gewährt, so wird Ihre Frau Ihnen nicht allein nach Afrika folgen, sondern sie wird mit Ihnen bis ai» das Ende der Well gehen, bereit, ivie sie ist, wenn dies nicht Gott beleidige»» heißt, Sie von ganzem Herze»», von ganzer Seele und vor» ganzen» Vermögen zu lieben. Kronele Reich. -i- -k- Frau Sommer, die dieses Billet Elias schickte, bat ihn zugleich, seine Anfrage zu beschleunigen. Denn mit jedem Tage wuchs die Gefahr, die über dem Liebespaar schwebte. Zum Lobe der Menschheit sei es gesagt, daß sogar auf dem Dorfe eine wahre, große Liebe, die von Herzen kommt, mehr Bewunderer als Verächter findet, und daß ein Mädchen, das sich durch eine reine Liebe für einen Ehrenmann auszeichnet, statt verschmäht zu werden, mehr Heirathsbewerber findet, als ihr genehm ist. Sei es, daß der Bewerber sich schmeichelt, dies Mädchen, einmal seine Gattin, werde ihm so treu und ergeben sein, wie sie es ihrer idealen Liebe war, oder auch, weil der Mensch von Natur so boshaft und neidisch ist, daß er gern sogar sein eigenes Glück aufs Spiel setzt, wenn er nur das seines Nächsten dadurch zerstört. Kronele, deren Liebe für Elias im ganzen Elsaß, wenigstens bei den Judenfamilien, die Söhne und Töchter zu verheirathen hatten, bekannt war, wurde durch diese Liebe selbst über alle anderen Mädchen gestellt und von den jungen Männern zur Heirath verlangt, die ohne diese Geschichte nie an sie gedacht hätten. Diese Liebesgeschichte verschönerte sich bei ihrer Wanderung von Dorf zu Dorf. Ueberall sprach man vor: ihrem Reiz, und nicht allein ihre Schönheit, sondern auch die Häßlichkeit Elias' wurde so übertrieben, daß man glauben konnte, ein Zwerg der Unterwelt hätte eine himmlische Fee nach Afrika entführen wollen. Null fing man auch in ihrem Dorfe selbst an, ihrem Geiste und ihrer Anmuth Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie wurde die Perle des Dorfes, vielleicht des ganzen Elsasses, unter Jüdinnen wie Christinnen. So dachte auch ein junger Tuchfabrikant ans Bischweiler, der Elias wohl kannte und von seiner Liebesgeschichte mit Kronele oft sprechen gehört. Er war von sehr guter Familie und bereits in seiner Fabrik als Theilhaber interessirt. Neugierig, Kronele zu sehen, begab er sich in ihr Dorf und verhehlte ihrer Mutter seine Absichten rlicht, nachdem er die Tochtereinige Zeit betrachtet hatte. Kronele glich in ihrer durchsichtigen Blässe, die ihre leidende Seele abspiegelte, einem überirdischen Wesen. Alles an ihr strahlte von Liebe und Geistigkeit. Seit langer Zeit besorgte sie wegen ihrer Schwäche keine Hausarbeit mehr. Da sie nichts zu thun hatte, denn ihre Mutter hatte ihr alles Lesen streng verboten und hatte ihr jedes Buch aus den Händen gerissen, so kämmte und flocht sie ihr seidenes Haar und Pflegte ihre schöne Hand. Sie hatte es versucht Zu sticken, aber auch diese Arbeit ward ihr bald zu schwer, und so blieb sie still und nachdenkend in ihre Träumereien versunken. Selten erlaubte ihr die Mutter, ihre Zeit bei ihrer Freundin zuzubringen. „Mit der Frau Sommer," sagte sie, „sprichst Tn von Elias; hier sollst Du Dich langweilen. Wenn Du müde bist, an ihn zu denken, so hörst Du'von selbst auf." Zwar fehlte es nicht au Leuten, die der Frau Reich sagten, ihre Tochter sei krank, sehr krank. Frau Reich selbst konnte es nicht ganz weglengiien. Doch so oft man ihr von diesem Unwohlsein sprach, erwiderte sie: ,,Eine Krankheit, deren Ursache mall kennt, ist nicht gefährlich; ein Dorfmüdchen ist übrigens kein Stadtfräulein. Kronele ist jung und stark und wird nicht aus Liebe sterben." Der Fabrikant war nicht allein reich und schön, sondern hatte auch eine gute Erziehung genossen. Er glaubte daher, daß Kronele, da sie doch wußte, daß ihre Mutter sie nie dom Schulmeister gewähren würde, seine Werbung freudig allnehmen würde, schon um aus der Hölle ihres elterlichen Hauses zu kommen. „Glauben Sie", sagte er darum ironisch zu Frau Reich, „daß ich mich mit einem Schulmeister messen kann und darf?" Frau Reich lächelte und erwiderte: ,,Sie thun dem Elias zu viel Ehre an, er kann sich nicht mit Ihnen vergleichen. Der Unterschied ist so bedeutend, daß ich fast au Ihren erlisten Absichten zweifle. Dem sei aber wie ihm wolle, Herr Salonwu," denn er hieß Salomon Netter, „Sie müssen nicht denken, daß die Sache so leicht sei. Freilich sind Sie reicher als meine

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