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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-08 · Heft 6 (8.2.1901) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 6 (8.2.1901)
Date
1901-02-08
Page
Seite 70 (sequence 12)
Language
German
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70 besonderer Vorzug. Er kennt das Judenthum, er liebt cs mit aller Kraft seiner Seele. Mit weiser Selbstbeschränkung vermeidet er alles Harte und Grelle, versteht er das Echte und Wahre besonders hervorznheben. Er zaubert mit wenigen Strichen in diesen Gestalten, die er uns vorführt, und um sie her ein eigenes Licht; man sieht es nicht und es leuchtet doch; ein Märchenhaftes, halb aus der Bibel halb aus dem Talmud, schwebt darüber hin und doch bleiben wir ans festem Boden. Es steigen in uns Erinnerungen auf aus dem altjüdischen Hause, 'aus der alten Synagoge, vom Passahfest, von der Wüstenwanderung, von den Psalmen Davids; die alten Harfen klingen wieder, die an den Weiden Babylons hingen — und dazu kichert und plaudert in „Judäas lieblichem Dialekte" die Prinzessin Sabbath, wie sie uns Heine vorgeführt hat. Mag immerhin hier und da manches übertrieben oder all zu derb erscheinen, der Gesainmteindruck ist der tiefer Empfindung, großer Naturtreue, stimmungsvoller Kraft. Das ganze Buch wird sicher eine Zierde jedes jüdischen Hauses sein und dort den Sinn wecken für die Ideale des Jndenthums. 6. L. Are Königskraut. Historische Erzählung von Carola Buchheim. IV. (<Ä8^er König war mit seinem glänzenden Gefolge den Augen der Menge entschwunden, die Leute hatten sich aus ihrer demüthigen Haltung aufgerichtet, und im nächsten Augenblicke war auch schon alle Schell und alle demuthsvolle Ergebenheit aus ihren Mienen geschwunden — und ein Zug wilder entfesselter Leidenschaft malte sich auf dem Antlitze Aller — denn da war auf dem weiten Platze vor der Kathedrale des Königs Säckelwart erschienen, gefolgt von einem Troß Leibeigener, die Säcke voll Münzen trugen, mit denen das niedrige Volk heute am Krönuugstage betheilt werden sollte. Mit wilder Gier stürzte sich die Menge aus die ausgestreuten Almosen, und es war ein wahres Wunder zu nennen, daß Alle etwas erhielten und Keiner leer ausging, und wenn auch hier, und da ein derber Faustschlag einem zu Vordringlicher! zu Theil wurde, so hatten sie doch am Ende alle ihr Scherflein, Alle, Christen, Heiden und sogar — Juden. Bis jetzt war die Verkeilung noch verhältnißmäßig ruhig hergegangen, hielt sie ja die Nähe der königlichen Wachen im Zaume, nun aber ertönte Plötzlich wildes Gekreisch und ängstliche Hilferufe aus der Menge. „Da sehe doch Einer den frechen Juden an!" schrie ein stämmiger, in seinem Aeußeren verwahrloster Mensch, „drängt der doch einen anständigen Christenmenscheu zurück und bringt unsereins um den wohlverdienten Groschen." „Wo ist der Jude?" „Laßt ihn heraus! Gebt ihn her! Wir wollen ihn lehren, uns uni unser gutes Geld zu betrügen!" „Wie kommt denn der Jude dazu, von unserem gnädigen König ein Almosen zu erhalten?" „Glaubt er vielleicht, er hätte ein Recht darauf, blos des halb, weil seine Vorfahren unfern Heiland gekreuzigt?" „Komm' her, Jud!" rief der Erste, „und da hast Du Dein Almosen!" Mit diesen Worten hatte er einen derben Knüttel erhoben, um ihn mit wuchtigem Schlage auf das Haupt des alten Juden niedersausen zu lassen. „Heiliger Gott! Mein Kind! Meine Recha!" schrie aus gequältem Herzen der alte Manu. „O meine Recha hat er erschlagen! Und in verzweifelndem Schmerze warf er sich über die zu Boden gesunkene Gestalt des Mädchens hin. „Was giebt's hier, und was soll der wüste Lärm?" erscholl jetzt die Stimme des Säckelwarts, „ein solches Toben am heutigen Freudentage?" Und dabei war er an die Gruppe herangetreteu, und sich an die Umstehenden wendend, forderte er Erklärung für den Tumult. Schnell hatte sich eine Menge Neugieriger gesammelt, um Zeuge des Strafgerichtes zu sein, das sich ohne Zweifel auf das Haupt des Juden vor ihren schadenfrohen Augen entladen sollte. „Edler Herr," berichtete einer der Lärmenden, „seht, der Jude da hat sich vorgedrängt und uns Alle zurückgestoßen, um ja nur seine Taschen bis an den Rand zu füllen mit des Königs gutem Gelde" .... „So wahr mir Gott helfe, edler Herr," flehte der Jude, „ich habe auch nicht einen Denar genommen, böswillige Verleumdung ist's, erbarmt Euch meiner und sucht mir am Leibe nach, ob ich von den Münzen, die gestreut wurden, auch nur eine einzige besitze." „Weshalb hätten dich Jene sonst angefeiudet?" wandte sich der Ritter an den Juden. „Erzähle Du!" „Edler Herr! Ich kam von weit, von Kiew her mit meiner Tochter, weil ich hier Geschäfte habe mit einem vornehmen Herrn; ich wollte auch den Krönungszug sehen, und weit entfernt war es von mir, an den Almosen Theil zu haben, die der gnädige König seinem Volke schenkt. Da aber beginnt der Mensch, den Ihr da seht, hoher Herr, plötzlich Händel mit mir schwachen! Greise, und ohne daß ich ihm erwidert hätte, schwingt er seinen Stock und holt aus zum Schlage, und da seht, hoher Herr, da hat sich meine Recha, mein Kind, vor ihren Vater hingestellt und hat mit ihren! jungen Leibe den Schlag aufgefaugeu, der mir zugedacht gewesen. Da seht Herr," und dabei deutete er auf Recha, die sich inzwischen, von umstehenden Frauen gestützt, etwas erholt hatte. Der Ritter war überrascht einen Schritt zurückgetreten, dann heftete er sein Auge auf die vor ihm halbliegende Gestalt, und ein Ausdruck höchster Bewunderung malte sich auf seinen Mienen. Hölle und Teufel! Das war ein Frauenbild, wie er es schöner nie geträumt, viel weniger je gesehen hatte! Diese Pracht des des jungen Leibes, diese schwellenden, knospenden Glieder und das leuchtende, blauschwarze Haar, das in dichten Massen das feine Oval des Gesichtes umrahmte, aus dem das tiefdunkle, glänzende Augenpaar kindlich fragend in die Welt schaute; die feingeschnittene Nase und der etwas breite, aber volle rothe Mund machten das Antlitz des Mädchens zu dem bewunderungswürdigsten, und der Ritter konnte sein Auge nicht wegwenden von dem herrlichen Bilde. „Das, Alter, ist Eure Tochter? Fürwahr, ein schönes ein herrliches Geschöpf! Bist Du verwundet, Kind?" fragte er, sich zu dem Mädchen hiuneigend, „und schmerzt die Wunde?" „Ich fühle nichts mehr, edler Herr", flüsterte das Mädchen, „und ich bin glücklich, daß mein Vater lebt." „Du bist eine brave Tochter, aber sagt mir, wohin führt Euer Weg? Ich will Euch dahin geleiten, daß Euch keine

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