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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-08 · Heft 6 (8.2.1901) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 6 (8.2.1901)
Date
1901-02-08
Page
Seite 69 (sequence 11)
Language
German
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69 man die Hallen der jüdischen Geschichte betritt, den Nachweis geführt zu haben, daß auch selbst die Juden des Mittelalters durchaus nicht so kunstfeindlich waren, wie man es sich im Allgemeinen vorznstellen beliebt. Auch sie hatten Verständniß für die Kunst, und selbst in ihren trübsten Tagen ist ihnen dieser Sinn nicht abhanden gekommen. Mit der Erweiterung des menschlichen Horizonts ist auch dieses Ideal zu immer höherer Anschauung gelangt. Leider aber konnte der künstlerische Genius unseres Stammes seine Schwingen erst in unseren Tagen zu regen beginnen, und trotzdem ist die heutige moderne Kunst der Naturwahrheit und Farbenstimmung seit der kurzen Zeit ihres Aufblühens vor allem in unsere Lebenskreise eingedrungen und hat die Herzen des jüdischen Stammes erobert. Schon diese eine Thatsache beweist, wie stark der Sinn der Juden für jedes Gebiet der Kultur ist. Zwei grobe Gesellschaften in Franks:: rt a. M. und in Wien haben sich die große Aufgabe gestellt, die jüdischen Kunstdenkmaler zu erforschen. Beide arbeiten mit großer Energie, aber leider nicht immer mit großem Erfolg. Die Frankfurter- Gesellschaft hat jetzt zum ersten Mal eine sehr werthvolle und künstlerisch ausgestattete Publikation erscheinen lassen, in der Herr Direktor Frauberger vom Düsseldorfer Museum, der künstlerische Beirath der Gesellschaft, Aufschluß über das ganze Unternehmen und Rechenschaft über die bisherigen Leistungen giebt. Schon aus den ersten Blick mußte jeder Einsichtige erkennen, daß hier ein im Wesentlichen noch nnerschlossenes, reiche Schätze bergendes Feld brach liege, dessen Bebauung eine neue, in ihrem Zusammenhang bisher nicht gekannte Seite des jüdischen Geisteslebens zu Tage fördern, die Kenntniß der geistigen und sittlichen Bedeutung des Judenthums erweitern und vertiefen müsse. Eine Reihe von Tempelbauten von der prächtigen Synagoge in Toledo bis zu den einfachen Holzbauten in Russisch-Polen wird uns in diesem Werk vorgeführt, ferner viele werthvolle Gegenstände des Synagogenknltns: Thorarollen, Vorhänge, Becher, Leuchter u. s. w., die alle den Beweis liefern, daß das Knnstgewerbe bei den alten Israeliten in hoher Blüthe und in noch höherer Schätzung gestanden hat; und dabei konnten viele Gebiete der jüdischen Kunst in dieser erster: Publikation noch nicht berücksichtigt werden. Aber schon ans diesen ersieht man, daß es kein Anachronismus sei, von jüdischer Kunst überhaupt zu sprechen. Auch die „Haggadah vor: Serajewv" zu der Kaufmann eben jene grundlegende Einleitung über jüdische Knnstdenkmäler geschrieben hat, ist ein sprechender Beweis hierfür. Das Wichtigste ist nur:, daß von Alle::, die sich für dieses Gebiet interessiren, die Aufgabe der Gesellschaft durch werktätige Theiluahme gefördert werde. Diese Aufgabe ist der Natur der Sache entsprechend eine sehr umfassende, denn in allen Ländern, in denen Inder: wohnen oder gewohnt haben, müssen Nachforschungen angestellt, alle irgendwo über Gegenstände diesesForschnngsgebiets gewonnenenResültatemüsser: verwertet, und vor allem müssen große Sammlungen angelegt werden. Es ist dringend zu wünschen, daß das Unternehmen Gönner und Freunde finde, die in opferfreudigem Wetteifer die Frankfurter Gesellschaft in den Stand setzen, das große Werk fortzuführen und zu einer gewissen Vollendung dadurch zu bringen, daß wir endlich einmal ein Museum jüdischer Knnstdenkmäler' erhalten. -sr * * Der Gedanke einer jüdischen Kunst ist aber nicht nur in den beiden eben genannten Gesellschaften, von denen die zweite, die in Wien, auch bereits den schönen Anfang einer Sammlung von Kunstgegenständen jüdischer Art gemacht hat, zum Ausdruck gekommen. Er hat auch in Dichter- und Küustlerherzen Blüthe getrieben. Und das ist vielleicht das Bedeutsamste. Denn ungleich wichtiger als die Sammlung von Kunstdenkmälern der Vergangenheit ist die Entstehung von Werken, die auf die Zukunft des jüdischer: Stammes Hinweisen. Ein Dichter- und ein Künstler, beide von durchcnrs modernem Geiste und beide von nicht geringer Begabung Haber: sich zu einem Werke vereinigt, dis den Titel führt: „Juda", lGoslar 190l. F. A. Lattmann). Es sind Gesänge eines deutschen Dichters von Börries Freiherru v. Münchhau sen , geschmückt durch Zeichnungen eines jüdischen Künstlers E. M. Lilien. Beide, der Dichter wie der Künstler, haben ihr Bestes gegeben, und so ist ein Werk von harmonischer Verschmelzung deutsche:: Geistes mit jüdischen: hervorgegangen, das nicht genug gerühmt werden kam:. Leider hat nur der Verlegerdes Buches schon das Beste meiner Kritik weggenoimnen, indem er einen Satz ans einem Brief an ihn, der meine Freude an diesem Werke aussprach, als Inserat ans den grünen Umschlag setzen ließ. Es bleibt mir also nichts übrig, als diesen Satz zu wiederholen. Dem: was ich dort sagte, war der Ausdruck meines innerste:: Empfindens. Ich habe in der That die Dichtungen von Münchhausen mit tiefer Ergriffenheit gelesen und gestehe gern ein, daß ich selten von einein modernen Dichter einen so großen Eindruck empfangen habe. Es giebt nur wenige Poeten, die sich so tief in das Seelenleben des jüdischen Volkes zu seiner Blnthezeit und in den Geist der heiligen Schrift hinein zu versenken vermochten wie Münchhausen. Er hat den Geist der Propheten und die Sprache der Psalrniften erfaßt wie kaum ein Anderer. Ich hoffe den geneigten Lesern noch eine Probe von diesen ausgezeichnete!: Dichtungen Vorführer: zu können. Einzelne dieser Dichtungen: „Also sprach Jesaia", „Passah", „Triumphgesang der Juden", „Gesang des Jehuda", „Sabbath der Sabbathe", sind von einer künstlerischen Gewalt, der sich Niemand entziehen kann, auch selbst der nicht, der etwa gegen die zionistische Widmung Einspruch erheben möchte. Mir ist diese Widmung garnicht unsympathisch; ich habe nichts dagegen, wem: sämmtliche Christen Zionisten werden; nur die Juden sollen es nicht sein. Einen eongenialen Künstler hat Münchhausen in E. M. Lilien gefunden, dessen Name in künstlerischen Kreisen schon längst einen guter: Klang hat. Seine künstlerische Ausstattung des Buches zeugt von einer gründlichen Vertiefung in den Geist der altjüdischen Kunst. Seine Ornamente, Vignetten, Mirriaturen, Illustrationen, Ranken und Arabesken zeichne:: sich durch die äußerste Feinheit und künstlerische Vollendung ans. Es ist nicht nur die naturalistische Kraft, die daraus spricht, die Meisterschaft in der Zeichnung, die wunderbaren Einzelheiten, die uns entzücken, und die wir immer und immer wieder bewundern müssen, es ist vielmehr die schöpferische Stärke einer Künstlerkraft, deren charakteristisches Vermögen uns den Beweis liefert, daß die bildende Kunst vvn den Söhnen unseres Stammes, den: dieser Künstler angehört, noch viel zu erwarten hat. An jüdischen Künstlern fehlt es ja heute nicht mehr im Revier der Kunst, aber Lilien ist ein jüdisch e r Künstler, und das ist sei::

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