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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-08 · Heft 6 (8.2.1901) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 6 (8.2.1901)
Date
1901-02-08
Page
Seite 68 (sequence 10)
Language
German
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Geschichte gewinnen dürften. Die Gelegenheit zu einem solchen Ueberblick scheint seht besonders günstig zu sein. In den ersten Dezennien des verflossenen Jahrhunderts waren die Sephardim oder die spanisch-portugiesischen Inden, welche in England und namentlich in London lebten, die eigentlichen und zugleich auch die würdigstell Repräsentanten der gesummten jüdischen Gemeinde. Viele unter ihnen waren nämlich die direkten Nachkommen der jüdischen Patrizier, dre vor ihrer Vertreibung aus Spanien und Portugal in ihrer früheren Heimath wichtige Remter im Staatsdienste bekleidet hatten. Sie erbten daher von ihren Vorfahren eine Vorliebe für Bildung und Strebsamkeit und zugleich auch einen Sinn sür wohlthätiges Wirken und Schaffell innerhalb ihrer Gemeinde. Daher kam es auch, daß die Sephardim in London! während der fraglichen Zeitperiode bereits verschiedene nnh-! reiche Institutionen in ihrer Mitte anfzuweisen hatten, woraus! namentlich die unbemittelten Mitglieder derselben körperliche! und geistige Vortheile in reichem Maße zogen. Leßtere waren! demnach der Außenwelt gegenüber ganz respektabel und sielen ihrer christlichen Umgebung nur wenig auf. Ganz anders aber waren die Verhältnisse der während derselben Zeitepoche in England und namentlich in London lebenden Aschkenasim, d. h. solcher Juden, die, ans Deutschland, Rußland lllld Polen ursprünglich, nach dort ansgewandert waren. Einige unter ihnen waren zwar mehr oder weniger wohlhabend, aber die größere Majorität derselben ernährte sich nur recht spärlich vorn Kleinhandel der niedrigsten Art. Selbst meist ungebildet, ließen sie auch ihre Sprößlinge männlichen und weiblichen Geschlechts in Unwissenheit anfwachsen so daß Erstere im zarten Alter schon anfingen, dem Beispiele ihrer Väter zu folgen und ans offener Straße Maaren feilznbieten. Dieser verwahrloste Zustand der meisten eingewänderten Aschkenasim fiel bald der englischen Regierung ans, und auch die öffentliche Meinung in England war damals zu Gunsten der Einschränkung des Zuzuges voll neuen jüdischen Ankömmlingen. Wie es aber scheint, sind von Seiten der Regierung keine ernsten oder endgültigen Schritte in der fraglichen Angelegenheit gethan worden. Das religiöse Leben der Londoner Aschkenasim von dazumal war ebenfalls unter aller Kritik. In ihren Synagogen wurde! der Gottesdienst nach streng polnischen: Ritus abgehalten, wobei natürlich häßliche Auswüchse zum Vorschein kamen, welche diesen so sehr verunstalteten und ihn nicht selten zur Zielscheibe des Spottes der christlichen Theologen machten. All dies wurde von dem damaligen Chief Rabbi, Nev. Salomon! Herschel, gebilligt nnd als «m rc-olc allgesehen. Seine! rabbinischen Funktionen beschränkten sich meistentheils ans! die Beantwortung der rituellen Fragen, die innerhalb i seiner Gemeinde vvn Zeit zu Zeit allstauchten. Außerdem hielt er zweimal im Jahre — all den beiden Sabbathen vor! Pessach lind vor dem Versöhnungstage — religiöse Borträge im Jargon, die hauptsächlich auf die rituellen häuslichen Gebräuche Bezug hatten. Merkwürdigerweise hatte das geistliche überhaupt der Sephardim -- der sogenannte Chacham - zu jener Zeit fast ganz ähnliche religiöse Funktionen irr seiner Gemeinde zu verrichten, und der sephardische Gottesdienst war ebenfalls wenig anziehend und erbaulich. Letzterer Umstand war auch vorzugsweise der Grund, daß eine ziemlrche Anzahl voll den gebildeteren Sephardim voll dem Besuche der Synagoge sich nach und nach znrückzogen nnd schließlich jede Gemeinschaft mit ihren Glaubensgenossen gänzlich aufgaben. Was die eivile und politische Stellung der Juden während der ersten Dezennien des vorigen Jahrhunderts anbelangt, so ließ sie recht viel zu wünschen übrig. Noch in den dreißiger Jahren wurde kein Jude zu irgend einem öffentlichen Amte im Staate zngelaffen, und selbst das Recht, einen Laden in der Londoner City zu eröffnen, war ihm untersagt. Ebenso war es ihm unmöglich gemacht, in die höheren englischen Schulen oder ill irgend eine englische Universität einzutreten, so daß er irr jeder möglichen Beziehung zurückgesetzt und allgemein als Paria angesehen wurde. Eine neue und viel glücklichere Zeit aber trat für die Juden irr England ein, als Victoria den englischen Thron bestieg. Unter ihrer langen, segensreichen Regierung und durch ihren persönlichen Einfluß haben sie sich nach und nach eine Position errungen, die in religiöser, eiviler und politischer Hinsicht in hohem Maße befriedigend ist. Diese glückliche neue Zeit, welche einen wichtigen Theil der modernen Geschichte der Inden in England repräsentirt, soll in meinem nächsten Briefe iil kurzen Umrissen beschrieben werden. Der Tod der greisen Königin hat darum in allen jüdischen Kreisen in England schmerzliches Bedauern verursacht. Und dies mit vollem Recht. Denn Victoria war unstreitig die beste und freisinnigste Regentin, die jemals überhaupt in irgend eitlem Lande die Zügel der Regierung geführt hat. Sle war eine edle Iran, und ihr Andenken wird sicherlich in der jüdischen Geschichte nach Gebühr gefeiert werden. Jüdische Kunst. vor Jahren dieses Wort gebraucht hätte, der wäre sür einen sonderbaren Schwärmer angesehen worden. Man hatte sich allmälig daran gewohnt, das Judenthttm als das kunstfeindlichste Element ill der Geschichte anzusehen. Daß die Hebräer wie die Semiten überhaupt keinen Sinn für Plastik hatten, war eine landläufige Phrase, die auf der Unkenntniß oder dem Unverständniß eines religiösen Gebiets beruhte. Und doch hatte schon Herzfeld in seinem Vortrag über die Kunstleistttilgen der Hebräer voll namhaften plastischen nnd anderen künstlenschen Leistungen der alten Juden sprechen können. Heute kann man sich ein Volk ohne Kunst überhaupt nicht mehr denken, und am wenigsten ohne dieMalerei,delllt diese ist eir:e in: Grunde genommen demokratische Knust, weil sie ein Allen verständliches Leben durch dieselbe Vermittlung ausdrückt, durch die Farbe, in der sie Jeden: die Dinge mittheilt. Haben also die Israeliten infolge des Verbots jeder plastischen Darstellung voll Göttern und sonstigen Gegenständen der Anbetung und weiter infolge der Scheu, daß alle Bildwerke zur Anbetung verleiten könnten, der Kunst nur einen geringen Spielraum gelassen, so Haber: dafür die moderner: Juden auch auf diesen: Felde ihren Platz mit Ehren ausgefüllt. Wenn man die bester: modernen Bildhauer nennt, wird man den Namen Antokolsky nicht übergehen dürfen, nnd wenn man die größten Künstler moderner Richtung anfzählt, so nennt mar: schon heute irr erster Reihe die Namen Josef Jzraels und Mar Liebermann. Es ist eill Nerdienst unseres unvergeßlichen David Kaufmann, ans dessen Namen man immer und immer wieder stößt, so oft

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