Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1901)
- Date
- 1901-02-08
- Page
- Seite 67 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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67 demokrat jüdischer Abstammung, ehemaliger Bursch der jüdischnationalen Studentenverbindung „Kadimah", Dr. Verkauf, unterlag dem deutsch-nationalen „Arbeiterführer Franko (sprich Franz) Stein. Heil! —Die Deutsch-Nationalen sind die ausgesprochenen Rassenantisemiten, welche die jüdischen Stimmen gern nehmen, aber als brave Judenhasser keinen Juden leiden mögen. Und nun kommt die „Fortschrittspartei". Sie behauptete ihren „Besitzstand", wie man im freisinnigen Zeitungsjargon zu sagen Pflegt. Einer ihrer Führer, ein bekannter Dauerredner, soll sich geäußert haben, man müsse sich bemühen, die Juden zu „verdauen". Was heißt das? Die armen Juden in Mähren sollen sich für die deutschen Brüder opfern, von den Tschechen sich boykottiren lassen, die „Fortschrittler" wählen, welche sonst unrettbar verloren wären. Man muß also zugestehen, daß man leider von den Juden abhängig ist, aber für deren argbedrängte Rechte sich einsetzen, das kann man von einem fortschrittlichen Abgeordneten nicht verlangen; ich bitte Sie, man darf doch das bischer: Volksthümlichkeit nicht ganz aufs Spiel setzen. — So sehen deine Freunde aus, Juda. — Die Tschechen, Klerikalen und theilweise auch Polen sind offene Antisemiten, und so ist mein im Eingänge ausgesprochenes Dementi nur enm ^rano salis aufzufassen; im Punkte Antisemitismus wird im neuen Parlamente einmüthige Waffenbrüderschaft, eine rührende Gemeinbürgschaft herrschen- Eine geschlossene Phalanx steht uns gegenüber, und man wird im Parlament oft das Vergnügens die Inden mit Worten todtschlagen zu sehen, genießen, nicht so die fruchtbringende Arbeit, welche einige unverbesserliche Idealisten erwarten; „zuerst das Vergnügen, dann die Arbeit", nicht umgekehrt, wie es der selige Präsident des Abgeordnetenhauses Smolka einst wünschte. So steht es mit uns. Wir denken, der Augenblick ist ernst genug, um uns aufzurütteln. Vorhersehen heißt nicht nur Regieren, sondern auch Klugsein. Jetzt ist es an der Zeit, alles Trennende und Scheidende bei Seite zu lassen und auch uns zu einigen. Wir plaidiren also ebenfalls für einen ö sterreichischen In den tag. Es soll einmal auch klar werden in unserer Mitte. Die Vertretungen, wie wir sie jetzt haben, bewährten sich nicht. Der Kampf in unseren Gemeinden wird auch zu kleinlich geführt, und die großen Fragen, welche uns heute bewegen, finden zu wenig Beachtung. Koscherfleisch, Rabbiner- und Kantorenfragen, Friedhöfe und Gottesdienste für Große und Kleine mögen ja in den Augen Mancher sehrwichtige Dinge sein, sind es auch vielleicht, aber die politische Stellung des Judenthums, seine vielfach bedrohten Rechte, diese bilden unseren eigentlichen Lebensnerv; und wenn wir nun sehen, wie von allen Seiten auf uns eingeflürmt wird, wie schon die überkluge:: Christlich-Sozialen sich den Deutsch- Rationalen anzubiedern versuchen, dann kan:: uns nicht laut genug zugerufen werden: „Sorge für dein Haus, Israel." Der „Judentag" hätte vor allem alle Parteien im Judenthun: zu berücksichtigen. Alle Meinungen wären zu Hörerl. Dann Hütte er für eine ständige Organisation des Judenthums zu sorgen und ein publizistisches Mittel zu schassen, das allen Richtungen und Anschauungen Gehör gäbe. Wir sind uns der Schwierigkeiten der Sache, gerade bei uns ir: Oesterreich, vollauf bewußt. Aber bei ein wenig guten: Willen geht alles. Das Leben in vielen jüdischer: Gemeinden ist ja in erfreulicher Weife erwacht. Die Großgemeinde Wien hat, insonderheit in der letzten Zeit, manche Vereinigungen, zu Tage gebracht, einige Erscheinungen gezeitigt, welche beweisen, daß der alte jüdische Geist noch fortlebt. Alle diese Bächlein und Flüsse in ein gemeinsames Bett zu leiten, wäre Sache des Judentages. Wohlthätigkeits- und Wohlfahrtseinrichtungen, politische Vereine und Vereinigungen zur Pflege unserer Sprache, Litteratur, Geschichte und Alterthümer und Wahrung unseres Rechts, Versammlungen zur Belehrung des Volkes, journalistische Aufklärungen, sie alle sollen in den Dienst des Judentages gestellt werden. Wir sind überzeugt, dieser Gedanke, den wir schon vor Jahren in diesen Blättern propagirten, läßt sich zur Durchführung bringen. Aber das Stänkern und sich gegenseitige Befehden in unserer Mitte muß vor allen: aufhören. Eintracht und guter Wille müssen unsere Leitsterne sein. Wir leiden zu viel unter dem leidigen Gemeindegezanke, unter dem, was man in früherer Zeit mit „Bezirksberger-- oder Bezirksmeierthum" bezeichnet. Auch wissen wir, es werden viele nicht mitthun wollen. Die Einen nicht aus unverbesserlichem Stumpfsinn und nicht zu bannender Trägheit, die Anderen nicht aus Furcht und übertriebenen: Zartsiim, als könnte man irgendwer: verletzen oder irgendwo anstoßen. Andere wieder nicht, weil ihnen das Judenthum gänzlich Nebensache geworden ist, oder weil es mit diesem nichts zu ergattern giebt; auf alle diese Schwachen, Trägen, Armen in: Geiste, Stumpfsinnigen, Gleichgiltigen und Indolenten rechnen wir nicht, wir zählen nur auf Diejenigen, denen das Judenthum noch ein erhabenes Ideal ist, werth, daß man für dieses eintrete und sich dafür begeistere. Daß wir natürlich auch stets unsere Jugend im Auge behalten wollen, versteht sich von selbst. Diese ist es ja, welche gerade im Judenthun: wie auf einen: steuerlosen Schiffe von Klippe zu Klippe geschleudert wird. Was nützt aber die hellste Begeisterung unserer Jugend, wenn wir sehen, wie sie oft uneingedammt und zügellos bizarre Formen anuimmt. So wäre auch ein, und nicht der letzte, Programm- Punkt des Judentages die Schule, der Unterricht unserer Jugend. — Arbeit genug, wie man sieht, aber edle, fruchtbringende Arbeit, Arbeit, welche zum Segen werden kam: künftigen Geschlechtern. Wer lebt, wird manches erleben. Vielleicht erleben wir auch noch die große Vereinigung der Inden ans einem Judentage. lvvri. Briefe aus England. Von Nev. Dr. I. C h o tz n e r. ekanntlich schloß Graetz die Geschichte der Juden in England damit ab, daß er daselbst die Auszeichnung erwähnte, die der selige Sir Moses Montefiore von der englischen Königin Viktoria erhielt, als er von seiner denkwürdigen Reise nach dem Orient nach der englischen Metropole zurückgekehrt war. Seitdem sind etwa sechzig Jahre verflossen, während welcher langen Zeitperiode das jüdische Gemeindeleben in: ganzen britischen Reiche recht wichtige Veränderungen in verschiedener Hillsicht erfahren hat, ine schon deshalb ausgezeichnet zu werden verdienen, weil sie für die gesammte Judenheit von Interesse sind. Die bedeutendsten dieser Veränderungen sollen nur: in: gegenwärtigen und in einen: späteren Briefe in gedrängter Kürze beschrieben werden, wodurch die geehrten Leser dieser Blätter einen kleinen Ueberblick über einen wichtige:: Theil der modernen jüdisch-englischen