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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-08 · Heft 6 (8.2.1901) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 6 (8.2.1901)
Date
1901-02-08
Page
Seite 66 (sequence 8)
Language
German
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66 künstlerisch vollendeter Weise zur Ausführung. Eine sehr talentvolle Schülerin des Konservatoriums, Fräulein Betsh Culp, bekundete in ihren Klaviervorträgen, „Valse" und „k'autniZie improuKue" von Chopin, technische Fertigkeit, gepaart mit durchgeistigter Auffassung. Eine andere Schülerin des Konservatoriums, Fräulein Frida Levy, hatte die Pagenarie ans „Figaros Hochzeit" znm Vortrage gewählt, welche sie mit dem bestrickenden Wohllaut ihres silberhellen Soprans ausstattete, und die ihr rauschenden Beifall eintrug. Die Herren Kantoren I. Blumenthal und E. Cohn bewährten sich als die stimmgewaltigen Säuger, die ihres Erfolges in der Synagoge wie im Konzertsaale stets sicher sind. Dieser wurde ihnen auch jetzt in reichstem Maße zu Theil. Während Herr Blumenthal die nachkomponirte Arie aus „Undine" und ein Rheinlied von Ries gewählt hatte, brachte Herr Cohn das berühmte Händel'sche Largo mit Orgelbegleitung und die Ballade „Prinz Eugen" von Loewe zum Vortrag- Eineu weiteren Genuß bereitete der Cettovirtuose Herr Oertel dem Auditorium durch den stimmungsvollen Vortrag des „Kol nidre" von Max Bruch. Dazwischen spielte die Kapelle ausgewählte Orchesterstücke, von welchen besonders die „Meditation" von Bach-Gounod und „Altniederlündisches Dankgebet" von Kremser, beide mit Orgelbegleitnng letztere ausgeführt von Herrn Sattler, von großartiger Wirkung waren. Selbstverständlich fehlte es nicht an Trinksprüchen, der Bedeutung des Tages angepaßt. So trank Herr S. P. van Perlstein auf die Gattin des Jubilars. Herr Kalltor Wetzstein überbrachte Glückwünsche des Elberfelder Mendelssohn-Vereins, Herr stud. med. Nathausohn sprach im Namen des jüdischen Corps „Rheno Silesia" von der Bonner Universität, und endlich gratulirte Herr Dr. Klee-Bonn für den Bonner Litteraturverein. Herr Dr. Klee ist ein glänzender Redner, dessen geistvolle Ausführungen den Entwickelungsgang der geistigen Bestrebungen der Juden in der Gegenwart gegenüber der Vergangenheit znm Thema hatten. Namentlich hob er hervor, daß die modernen Juden in ihren wissenschaftlichen Vereinen vor allem Spezialgeschichte studiren. während inan vordem nur Universalgeschichte betrieben habe. Hieran anknüpfend nahm Herr Rabbiner Dr. Frank das Wort zu einer bedeutungsvollen Ansprache. Er sagte n. a.: „Sie sehen hier ein Stück Spezialgeschichte, eine Geschichte aus der allerneuesten Gegenwart vor Augen. An jenem Tische sitzen jüdische Studenten, welche die Farben ihres jüdischen Corps tragen, während in der Vergangenheit die Juden zum Tragen des sogenannten „Judenflecks", des Abzeichens an ihrer Kleidung, gezwungen waren. Und neben diesen Herren sehen Sie in Frieden und Eintracht die Herren Professoren der Theologie der beiden christlichen Konfessionen, welche erschienen sind, um an dem Feste des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur zu Ehren des Rabbiners Theil zu nehmen. So unterscheidet sich die Gegenwart von der Vergangenheit. So wirken heute die Konfessionen einträchtig miteinander 'im Dienste des Guten und Schönen, des Ewigen und Göttlichen, jede in dem Bewußtsein, daß ihre Lehre die beste sen Und in dieser gemeinsamen Arbeit liegen die Grundlagen für die Fortentwickelung der Menschheit zu den höchsten Höhen geistiger und sittlicher Vollendung. In diesem Sinne war mein bisheriges Wirken, und so hoffe ich mit Gottes Hilfe weiter zu wirken in der Mitte der Gemeinde." — Die Ansprache endete mit innigen Worten des Dankes an die Gemeinde und die Veranstalter der herrlichen Feier. Herr Professor Kownatzki, evangelischer Neligionslehrer. antwortete hierauf in längerer, humordurchwürzter Rede, indem er auf das schon seit 18 Jahren bestehende schöne Freundschaftsverhnltuiß zwischen ihm und dem Jubilar hinaus, der sich in heiteren und ernsten Tagen stets als treuer Freund und Kollege bewährt habe. Der katholische Neligionslehrer Herr Professor Ehlen schloß sich den Ausführungen seines Kollegen freudigen Herzens an und betonte die durch seine Religion vorgeschriebene Pflicht der Me n s ch e n l i eb e. welche nicht durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession bedingt sei, was an der Schule, wo er mit dem Jubilar Lhätig sei, auch stets in die Erscheinung trete. Es gebe mit dem Jndenthum so viele Berührungspunkte, vor allem das gemeinsame alte Testament, daß ein einträchtiges Zusammenwirken sich von selbst ergebe. Sein Freund und Kollege Dr. Frank habe mit ihm stets einträchtig im Dienste der Nächstenliebe gewirkt und geschasst. — Diese goldeilen Worte der Vertreter der drei Konfessionen entfesselten einen wahren Sturm des Beifalls, und brausend erklang das Hoch auf die drei „Ringe", die drei Diener Gottes, die Vertreter der drei Konfessionen, welches Herr Wolffsohn ausbrachte. Von den zur Feier des Tages gesungenen gemeinschaftlichen Liedern, welche großen Beifall fanden, hatte Ihr Berichterstatter zwei beigesteuert. Da eines derselben auch für weitere Kreise Interesse haben dürfte, stelle ich es der Redaktion zur Verfügung. Das herrlich verlaufene Fest, welches ein Tänzchen beschloß, endete erst in den frühen Morgenstunden. Mit berechtigtem Stolze aber darf der Verein für jüdische Geschichte und Litteratur ans sein Werk zurückblicken, welches so recht die hohe Bedeutung erkennen ließ, die ein solcher Verein, zielbewußt geleitet, im Leben einer jüdischen Grobgemeinde einnehmen kann. - - Die Rheinlandloge Hierselbst gab dem Jubilar zu Ehren am verflossenen Samstag Abend ein Festessen, womit die imposante Feier des Jubiläums ihren Abschluß fand. Brief aus Oesterreich. a Ende Januar. ^Lck dementire mir," Pflegte der alte General Wrangel zu sagen, wenn man wieder einmal in den Zeitungen von seinem Tode berichtete. Ich dementire mich auch — nicht etwa, als hätte man sich erzählt, ich wäre in die seligen Gefilde hinüber entschlummert; was ich aber über den möglichen Ausgang unserer Wahlen prophezeit, ist nicht ganz so eingetroffen, wie ich es vermuthete. Die Antisemiten sind zwar oben, aber nicht die Truppe Luegers, sondern die des Exritters Georg Schönerer. Die Christlich-Sozialen weinen an der Bahre ihrer Hoffnungen. Vor allem ist der „Rufer im Streite" Bielohlaivek in den Sand gestreckt. Er kann jetzt seine, wenn auch nicht aus den vielgehaßten Büchern geschöpfte, Weisheit nur im Wiener Gemeinderathe und im Rathhauskeller verzapfen. Gregorig wird mit seiner bebrillten Persönlichkeit nun auch nicht mehr das Haus zieren, vor dem sie, zu anderen Standbildern nun auch das des Thucydides aufgestellt haben. Ich bitte Sie, Gregorig und Thuchdides, gesteifte Vorhemdchen und griechische Geschichtsschreibung, Hemdkragen und Unterhosen und hellenische Rhetorik sind doch etwas gar zu disperate Elemente. Geßmann, der Mann mit dem „schiefen G'schan", wurde von den Kremser Bauern schmählich in die Flucht geschlagen, und auch auf seinen lieblichen Anblick hätte „das hohe Haus" verzichten müssen, wenn nicht der Pfaidler Gregorig zu Gunsten des ehemaligen Universitätsbeamten und jetzigen allmächtigen niederösterreichischen Landesausschußmitgliedes großmüthig auf sein Mandat verzichtet hätte. Der christlich-soziale Antisemitismus blutet also aus manchen Wunden; was haben wir aber für ihn eingetauscht? „Gehupft, wie gesprungen", Lueger besiegt, und Wvlf ist der Sieger. Mahnt dies. uns Juden nicht an die talmudische Legende von jenem Manne, welcher dem Rachen des Löwen entging und in den des Wolfes siel? Wer sind die Sieger in diesen Wahlen? Die deutsche Volkspartei vor allem. Was will sie? Sie schämt sich, zu den Antisemiten gerechnet zu werden, ist es aber in den Tiefen ihres Herzens. Das nennt man Linzer Programm. Bekämpfung des Judenthums auf allen Linien ist auch ihr Ziel und, da man es nicht offen thun darf, — ist man doch mit jüdischen Stimmen gewählt —, so thnt man es versteckt desto intensiver. Es siegten ferner die Deutsch- Radikalen, natürlich auch mit jüdischen Stimmen. Karlsbad, wohin tausende Juden jährlich ihr Geld tragen, wählte zum Danke dafür einen deutsch-nationalen Antisemiten. Der Sozial-

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