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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-08 · Heft 6 (8.2.1901) · p. Seite 64

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 6 (8.2.1901)
Date
1901-02-08
Page
Seite 64 (sequence 6)
Language
German
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64 In der Sitzung der Kammer vom 24. Januar hat der Deputirte asies die Juden verletzende Äußerungen gethan. die ich nicht unwidersprochen lassen darf. Ich bedaure lebhaft, daß der verehrte Deputirte, statt sich aus zweiter Hand einige unzusammenhängende Sätze aus dem Talmud zu verschaffen, sich nicht gleich an die richtige Quelle gewendet hat. Er hätte das ruhig thun können, ohne sich der Todesgefahr auszusetzen. Nebenbei existiren lateinische, französische und englische^Talmudnbersetzungen, die es selbst den, Laien möglich machen, sich "injdie Geheimnisse desselben zu vertiefen. Hätte Mr Lasies sich die Mühe genommen, einige Traktate des Talmuds durchs zugehen, er würde bald herausfinden, daß dieses immense Werk, welches wie ein klarer Spiegel das jüdische Leben während mehrerer Jahrhunderte getreu wiedergiebt, nicht so schwarz ist. wie er es sich ausmalte; daß aber das talmudische Recht ein Denkmal ist. aus das jedes eivilisirte Volk stolz sein könnte; daß die talmudische Sittenlehre die reinste, erhabenste und zugleich strengste ist, welche jemals gelehrt worden ist. Ich behaupte zwar nicht, daß in den umfangreichen Folianten, welche alles, selbst bis auf den Aberglauben des Volkes, enthalten, nicht irgend welche individuellen Ansichten, welche unsere moderne Auffassung verletzen oder daß mehr oder weniger harte Vorschriften in Bezug auf die Heiden Vorkommen. Allein das. was ich mit Bestimmtheit versichern kann, ist. daß die Worte „Gojim". „Akku,,," n. a. zur Bezeichnung von Nichtjnden vom Talmud angewandte Ausdrücke sich niemals auf die Christen beziehen. Diese übrigens ziemlich milden gegen die Heiden erlassenen Vorschriften sind nichts weiter als Vertheidigungsmaßregeln gegen unbarmherzige Verfolger. Uebrigens kann Herr Lasies wegen der Gefahr, welche der modernen Gesellschaft von den juridischen Vorschriften des Talmuds angeblich droht, sich völlig beruhigen. Diese Gesetze sind in den Ländern, in denen die Inden unter dem gemeinen Recht leben, nach dem großen talmudische,, Satze „Onm ülmalebusse ckiuu" (Das Gesetz des Staates gilt) außer Kraft gesetzt. Es ist daher überflüssig, sich über einige mißverstandene talmudische Vorschriften zu erhitzen, welche seit Jahrhunderten eine antijüdische Polemik unterhalten, und deren wirklicher Sinn von Kennern immer wieder und wieder ins richtige Licht gesetzt wird. Viel wichtiger ist es. sich mit näher liegenden Dingen zu befasse!,. Herr Lasies hat eine von mir über die Alliance gehaltene Rede erwähnt und aus derselben den Satz citirt: „Die ^lliaucv i-wuMts ist keine reine Wohlthätigkeitsgesellschast." Er lies; dabei dnrchblicken, daß gefährliche Geheimnisse dahinterstecken. Ich stelle meine betreffenden Anssührungen Herrn Lasies zur Verfügung. Er würde erkennen, daß der verdächtige Satz überaus harmlos ist. Die ^llirmea israatile hat die Aufgabe, die materielle und moralische Lage der Juden im Orient und in Afrika zu heben. Sie gründet zu diesen, Zwecke nach Maßgabe ihrer Mittel Primär-, Handwerker- und Ackerbauschnlen. Aber sie vertheilt mit seltenen Ausnahmen keine Almosen. Das ist der Sinn des inkriminirten Satzes. Gegenwärtig unterhält die Alliance über 100 Knaben- und Mädchenschulen, für welche das Lehrerpersonal in Paris ansgebildet wird. Die Zahl der Schüler übersteigt 30 000. Es giebt in Frankreich keinen Minister des Auswärtigen, welcher das seit 40 Jahren von der Alliance geleitete Kultnrwerk nicht anerkennt. Nicht umsonst ist die orientalische Normalschule der Alliance als eine öffentliche nützliche Einrichtung anerkannt worden. Wie steht es aber mit dem Aufrufe der Alliance an die galizischen Juden? Nun darüber nur ein Wort. Der Ausruf ist eine Fälschung, deren Urheber leicht zu errathen sind. Es gehört zu den Gewohnheiten der Antisemiten, ganze, die Juden bloßstellende Aktenstücke zu fälschen, um dann entsetzt über eine jüdische Verschwörung zu schreien. Noch ein Wort. Herr Präsident, über die 80 Milliarden, welche das französische Judenthum besitzen soll. Da Herr Lasies einmal die Spendirhosen anhatte, hätte er die Ziffer schon verdoppeln odergar verdreifachen können. Solche Ausführungen schlagen sich selbst. Es ist sehr leicht, etwas behaupten, und das Weitere der Leichtgläubigkeit des Publikums zu überlassen. Ich hoffe, Herr Präsident, daß Sie diesen Brief, den ich. um Ihre Zeit nicht zu mißbrauchen, möglichst kurz zu fassen suchte, günstig ausnehmeu werden. Empfangen Sie die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. Brief aus Köln. Von Hermann Moses. er Erfinder des bekannten Wortes: „Es ist nichts schwerer zu ertragen als eine Reihe von Feiertagen" war sicherlich kein Kölner. Die hiesigen Lebensanschannngen sind dieser Auffassung ziemlich entgegengesetzt. Ein echter Kölner kann sehr gut und sehr wohl bekömmlich eine ganze Reihe von Feier- und Festtagen nebst den dazu gehörigen Nächten ertragen, ohne aus dem seelischen oder körperlichen Gleichgewicht zu gerathen und etwa ein Zuviel des Guten zu verspüren. Von dieser sicherlich schätzbaren Eigenschaft des Kölners konnte man sich gelegentlich der verflossenen Festwoche so recht überzeugen. Allerdings lag auch eine ganz besondere Veranlassung vor. eine solch intensive Festfeier zu veranstalte,,: das 2 5jährige Amtsjubiläum unseres Rabbiners, des Herrn Dr. Frank. Seit 25 Jahren entfaltet unser Rabbiner in unserer Gemeinde eine überaus erfolgreiche, segensreiche Wirksamkeit auf allen den weitverzweigten Gebieten eines großen Gemeindewesens, und da kann es kaum Wunder nehmen, daß Jeder und Jede das Bedürfnis; fühlte, den, verdienten Jubilar an seinem Ehrentage irgend eine Huldigung, irgend eine Aufmerksamkeit darz,,bringen. Dieses gemeiusame Bestreben der Gemeindeangehörigen zeitigte unn allerdings eine solche Fülle von Einzelerscheinungen, daß es Ihrem Berichterstatter vollständig unmöglich ist, jede derselben ihrem Werthe und ihrer Bedeutung entsprechend zu würdigen. Die hiesigen Tageszeitungen, an ihrer Spitze die Kölnische, haben dies ohnehin schon in ausführlicher Weise gethan, und so möchte ich mich hauptsächlich darauf beschränken, die Hauptmomeute der festlichen Veranstaltungen, die in ihrer Gesanuntheit ein unvergeßliches, herrliches und farbenprächtiges Bild darboten, hervorzuheben und die Eindrücke zu schildern, welche der Beobachter in überaus reichen, Maße gewann. Montag Abend, der 28. Januar, war gekommen und mit ihn, der Beginn der Festlichkeiten. Punkt sechs Uhr geleiteten die Mitglieder des Vorstandes und eine Abordnung der Gemeindevertreter den Jubilar, seine Gattin. Söhne und Familienangehörigen in die im festlichsten Lichterglanz strahlende neue Synagoge in der Noonstraße. Der Jubilar wurde zu seinem, durch ein herrliches Blumenarrangement geschmückten Sitze geleitet, die Familienmitglieder nahmen auf der Estrade Platz. Feierlicher Chorgesang mit Harmoniumbegleitung, formvollendete Festrede des Herrn Rabbiners Dr. Rosenthal. Herr Kantor Blumenthal, der in einigen Monaten auch sein 25jähriges Amtsjubiläum, so Gott will, feiern wird, hatte zur Feier einen Psalm komponirt und trug denselben höchst wirkungsvoll vor Hierauf folgte die Dankrede des Herrn Dr. Frank, deren alle Hörer gewaltig packende Wirkung außerordentlich schwer zu beschreiben ist. An Bedeutung kann sie nur mit der von ihn, an, 3. April 1875 in der Kölner Synagoge gehaltenen Probepredigt verglichen werden. Wer von der dichtgedrängten Zuhörerschaar hätte wohl die tiefste Ergriffenheit verbergen können, als Redner zu Beginn seiner Rede mit ans tiefsten, Herzen kommenden Dankesworten seiner dahingeschiedenen Eltern, seines Vaters, eines frommen Lehrers in Israel und seine guten, treuen Mutter, seiner großen Lehrer am Breslauer Nabbinersenünar, des berühmte,, sel. Oberrabbiners und Seminardirektors Dr. Zacharias Frankel und des großen Geschichtsschreibers Professor Grätz gedachte. Und zum Schlüsse erflehte der Rabbiner Gottes reichsten Segen herab auf seine treue Gemeinde, seine Familienmitglieder und sein Werk im Dienste unserer heiligen Religion. In weihevoller Stille lauschte die Gemeinde hieraus dem Gesangsvortrage des Herrn Kantors E. Cohn, dessen herrliche Stimme tief in die Herzen der Hörer drang Die ergreifende gottesdienstliche Feier fand durch den unter Kapellmeister Fillers vortrefflicher Leitung vorgetragenen Chor „Adon Olani" des Synagogenchorcs ihren würdigen Abschluß. Der nächste Tag, Dienstag, eröffnete die weltliche Feier des Jubiläums. Um zehn Uhr erschienen in den Salons des Jubilars der Vorstand und die Mitglieder der Gemeindevertretung iu eorpore, um durch den Mund des 81 jährigen Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Rentner Jacob de Jonge, dem Jubilar die Glückwünsche der Gemeinde darzubringen. Herr deJonge war tief ergriffen, als er in seiner Ansprache daran erinnerte, daß er der einzig Ueberlebende von seinen Kollegen im Vorstande sei. die vor 25 Jahren den Jubilar feierlich in sein Amt ei,führten. Ein werthvolles Silbergeschenk, Jardiniöre und zwei Kandelaber in reichster

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