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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-08 · Heft 6 (8.2.1901) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 6 (8.2.1901)
Date
1901-02-08
Page
Seite 63 (sequence 5)
Language
German
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63 Antisemiten in Könitz und die Feigheit, die darin liege, daß die Antisemiten nicht gerade und offen Vorgehen, was sie thnn würden, wenn sie die Aufhebung der Verfassnngsbestimmungen über die Gleichberechtigung der Konfessionen forderten. Er beleuchtete die antisemitische Hetze, die bereits dahin geführt hat, das; es an verschiedenen Orten blutige Köpfe setzte, und wies nach, daß die Antisemiten, die so sehr auf den Splitter in des Anderen Auge achtel!, des Balkens im eigenen Auge nicht gewahr werden. Die Ausführungen des Abgeordneten Nickert werden auf alle Diejenigen, die noch nicht durch Voreingenommenheit oder Verhetzung gänzlich verblendet sind, sicher Eindruck machen. Es ist zu wünschen, daß die bevorstehenden Verhandlungen des Abgeordnetenhauses über diesen Gegenstand der durch die Antisemiten geübten Volksverhetznng, soweit sie an die That von Könitz anknnpft, ein Ende bereiten mögen. r Die Wirkung des neuen F ü r s o r ge-Erziehungsgesetzes auf die jüdischen Kreise haben wir bereits wiederholt besprochen. Um so lieber bringen wir das nachfolgende Schreiben zum Abdruck, das uns von einem Manne zugeht, der auf diesem Gebiete eine hervorragende Autorität ist und dessen neueste Schrift über diese Materie die Mitwirkung der bürgerlichen Gesellschaft für die Ausführung des am 1. April in Kraft tretender: Gesetzes in eindringlicher Weise fordert. Das erwähnte Schreiben lautet: Berlin, den 16. Januar 1901. An die Redaktion der Allgemeinen Zeitung des Jndenthmns zu Berlin. Der geehrten Redaktion überreiche ich die anliegende kleine Schrift mit der Bitte um freundliche Besprechung. Gestatte»: Sie mir, noch einem Gedanken Ausdruck zu gebe»», den ich nicht ausgesprochen habe, weil es mir an Raum gebrach, der aber unbedingt zu dem Gegenstand gehört: Nach dem Gesetz soll die Unterbringung in Anstalten sich nach der Konfession richten, ingleichen diejenige in Familien. Es werden nun wohl in den »»leisten Provinzen nicht so viel israelitische Minderjährige unter das neue Gesetz fallen, daß die Errichtung einer eigenen Anstalt für sie ermöglicht werden kann. Wohl aber dürften im ganzen preußischen Staat so viel zusannnenkommen, daß sie eine nicht zu große Anstalt füllen. Da wäre es nu»» außerordentlich wünschenswerth, »venu sich ei»» israelitischer Verein bilden wollte zur Errichtung einer eigenen Anstalt für Fürsorge-Pfleglinge, und wenn dieser Verein sich an die einzelnen Landesverwaltungen mit dem Anerbieten wenden wollte, solche Pfleglinge anfzunehmen, und eventuell die Reisekosten für sie zu bezahlen. Die Unterhaltungskosten in der Anstalt selbst fallen nach den» Gesetz der Provinz, in welcher der Pflegling bevormundet wird, zur Last, beziehungsweise dem Staat, welcher zwei Drittel zu den Koste»» zuschlagen muß. Es handelt sich also thatsächlieh nur um die Reisekosten. Ebenso dürften sich auch die israelitischen Mitbürger an den» von mir vorgeschlagenen Gesammtverein zu betheiligen haben, um geeignete Familie»» und Fürsorge zu vermitteln und zu empfehlen. Ich würde, wie gesagt, sehr dankbar fern, wenn Sie aus der Besprechung »»»einer Schrift Gelegenheit nehmen wollten, diesen Punkt zu berühren. Aus einer in meiner Eigenschaft als Vorsitzender des Centralansschnsses deutscher Arbeiterkolonien mit den» betreffenden Komitee gepflogenen Korrespondenz ist mir bekannt, daß man die Errichtung einer jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensee plant. Es wäre sehr dankeuswerth. wenn man an dieses Unternehmen eine Erziehungsanstalt für s ch u l e »»t l a s s e n e Jugendliche männlichen Geschlechts anschließen wollte. Hochachtungsvoll ergebenst von Mc» ssow. Geheimer Oberregierungsrath. Die Begründung einer israelitischen Fürsorge-Erziehungsanstalt in Pommern, durch den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, ist sicher die prompteste Erfüllung der Wünsche, die Herr Geheimrath v. Massow ausgesprochen. Auch der rheinische Provinzial-Gememdeverband hat in seiner letzten Sitzung die folgenden Beschlüsse gefaßt, die wir allen Proviuzialverbänden zur Nachahmung empfehlen: 1. Den Laudesdirektoren der Nheinprovinz die Fürsorgekommission des D.-J. G.-B. als Ce»»tralstelle für die Erledigung der jüdischen Fnrsorge-E»ziehnngsangelegel»heiten zu bezeichnen. 2. In den jüdischen Gemeinden der Rheinprovinz und benachbarten Provinzen jüdische Farnilien. die zur Aufnahme von Fürsorgezöglingen geeignet und gewillt sind, ausfindig zu machen, und dieselbe»» dem D.-J. G.-B. »nitzutheilen. Geradezu abenteuerliche Geschichten hört mau aus Oesterreich über den Mädcheumord bei Polna. Deutsche Blätter bringen jetzt die einzelnen Details jener Vorgänge, die aber, wie gesagt, so haarsträubend sind, daß wir noch Anstand nehmen müssen sie mitzutheileu. Und doch sind diese Aufklärungen, wie uns von verschiedenen Seiten und von Männern, die mit den Verhältnissen in Böhmen genau vertraut sind, mitgetheilt wird, so gut wie authentisch und unanfechtbar. Wir sind neugierig, ob sie irgend welchen begründeten Widerspruch finden werde»». Sollte dies aber nicht der Fall sein, so wird die gesammte liberale Presse aller Länder sich der Sache bemächtigen und im Interesse der Humanität den Fall vor die Assisen der Kulturwelt bringen müssen. Oesterreich ist doch nicht China. Und solche Vorkommnisse, wie sie dieser Prozeß Hülsner gezeitigt, dürfen nicht vertuscht werden. * Der französische Deputirte Lasies, Führer der bonapartisch-nationalistisch-antiselnitischen Mischmaschpartei, hat die Debatten der Deputirtenkammer über die Kongregationen zn einem heftigen Angriff auf die Juden benutzt. Er verglich die katholischen Kongregationen mit der israelitischen Alliance und log der Kammer vor, daß die Alliance 80 Milliarden — nicht etwa80Millionen —besitze; gleichzeitig las er derKammer einenvon ihm selbst erfundenen Aufruf der Alliance an die Juden Galiziens vor, in welchem es u. a. heißt: „Brüder und Glaubensgenossen! Es ist hohe Zeit, daß dieses Land (Galizien) unser eigenes Königreich werde. . . ." Ferner heißt es in den» von Lasies verfaßten Aufruf: „Das Eigenthum der Christel» soll dann Euch gehören. Die Ulimwa wird auch schon die zun» Kampfe nöthigen Mittel liefern." Der antisemitische Fälscher hatte noch die Stirn, der in jüdischen Angelegenheiten unwissenden Kammer gegenüber die Worte zn gebrauchen: „Ich weiß wohl, daß alle unter Beweis zu stelle»»den Anklagen nichts nützen, sobald es sich um Juden handelt." Um das Maß voll zu machen, las der freche Antisemit der Kammer dreist einen nirgends existirenden talmudischen Text vor, irr dem die wildesten Sachen Vorkommen. Als der Berichterstatter der» schüchternen Einwurf wagte: „Ich weiß nicht, ob das Buch, aus dem Sie vorlesen, authentisch ist", warf sich der große Talmudist Lasies in die Brust und erwiederte stolz: „HerrBerichterstatter, das Buch steht JhnenzurVerfügung." Mau sieht, dieAntisemiten in Frankreich sind womöglich noch frecher als die in Deutschland. Leider fand sich in der französischen Kammer kein Jude, der fähig und willig wäre, den dreisten Antisemiten das Wort „Lügner!" „Fälscher!" ins Gesicht zu schleudern. Drei Tage später sandte Herr Bigart im Namen der Alliance einen offenen Brief an Lasies. Gleichzeitig aber richtete der (n nml lindbin de lVanca Zadoc Kahn an den Kammerpräsidenten Paul Deschanel ein Schreiben, in welchem es u. A. heißt:

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