Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1901)
- Date
- 1901-02-08
- Page
- Seite 62 (sequence 4)
- Language
- German
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62 Generationen, die heranwachsen, die sich in Haß, Neid und kleinlicher Profitwuth untereinander verzehren werden, weil ihnen die Gerechtigkeit gegen ihre Mitmenschen fehlt. Diese Sorge ist so groß und allgemein, daß unser besonderer Schmerz daneben klein erscheint. Wir sind ja Juden; und Jude sein heißt leiden. Mit Ruhe können wir deshalb auch erwägen, was speziell uns Juden bei dieser Angelegenheit angeht. Es ist uns von autoritativer Seite gesagt worden, daß es den jüdischen Juristen Vortheile bringt, wenn sie sich taufen lassen. Wir wußten es längst. Die Thatsachen, die der Abgeordnete Peltasohn vorbrachte, waren uns jüdischen Juristen bekannt. Jeder könnte kleine und große bezeichnende Züge, oft voll erschreckender Sittenroheit, hinzufügen. Aber es war gut, das öffentlich zu sagen. Wenigstens wissen nun auch unsere Gegner, daß wir alle genau die Lage der Dinge kennen. Wir wissen, daß die Richterstellen uns versperrt und, daß man uns gewaltsam in den Anwaltstand drängt, um nachher wiederum die Ueberzahl der jüdischen Anwälte gegen uns zu verwerthen. Es ist derselbe mittelalterliche Vorgang, wo die Juden nur Geldleute werden durften und man es ihnen später vorwarf. Aber kein Minister und kein Mensch wird uns unsere Ueberzeugung abkaufen. Der jüdische Anwalt, der wegen der Beschleunigung des Notariats sich taufen läßt, ist für das Judenthuin kein Verlust. Wir Andern aber werden gerade in einer Zeit, wo ein Jubiläum, wie das letzte stattfinden konnte, stolzer und aufrechter auf unserm Posten stehen, unsres Judenthuines uns rühmen, jedem, der es hören will, verkünden, daß wir Männer sind, die sich durch Titel, Rang und Vermögensurtheile nicht bestechen lassen und nach unfern Kräften daran bauen, daß unsere Nachkommen in einer besseren und gerechteren Zeit leben werden als wir. Air Wschr Berlin, 6. Februar. ein thörichten Gerede, daß die Juden unter den gegenwärtigen Verhältnissen anderen als den liberalen Parteien angehören könnten, ohne einen moralischen Selbstmord zu begehen, tritt die „Deutsche Tageszeitung" kräftig und entschieden in folgender Erklärung entgegen: „Soweit wir die Stimmung kennen, haben die Konservativen und der Bund der Land Wirt he durchaus kein Bed ü rsniß, ihre Reihen durch diesen Zuzug zu verstärke n. Es liegt dazu nicht die mindeste innere Veranlassung vor. Wenn die angeblichen idealen und von wärmster Liebe zum deutschen Vaterlande diktirten Wünsche des Judenthums mit den Zielen und Idealen des christlichen Deutschthums übereiiistiminen, so werden sie heute schon von dem Bunde der Landwirthe und den Parteien der Rechten durchaus vertreten. Wenn aber die idealen Wunsche des Judenthums nicht mit denen des christlichen Dentschthnms nbereinstimmen, so werden die genannten Gruppen und Parteien niemals in der Lage sein, jene zn vertreten. Ob eine Uebereinstimmung zwischen den Idealen des Christenthums und denen des Judenthums allgemein oder auch nur im Einzelnen möglich sei, soll hier nicht von Neuem untersucht werden. Jedenfalls herrscht in den Parteien der Rechten und im Bunde der Landwirthe die Ueberzeugung, dast eine solche lieber einst i m mung weder vorhanden noch möglich se i. Das Jndenthunl wird also vorläufig kaum in die Lage kommen zn erwägen, ob es dein Bunde der Landwirthe und den Parteien der Rechten Zuzug gewähren könne. Daß den Inden der Eintritt in den Bund der Landwirthe unmöglich ist, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Das Programm der deutschkonservativeu Partei, das den jüdischen Mitbürgern den Zutritt zum Richter- und Lehreramt verwehrt, dürfte auch au sich die Juden von der Partei fernhalten." Ausnahmsweise befinden wir uns einmal in voller Uebereinstimmung mit dem Agrarierblatte, da auch wir der Ueberzeugnng sind, daß die Juden nicht einer Partei angehören können, die ihre Gleichberechtigung aufheben möchte. Die Theologie der Agrarier freilich steht bei dieser Argumentation auf sehr schwachen Füßen. Es wäre doch besser, wenn sich die Herren voll einem der ihnen affiliirten christlichen Prediger darüber aufklären ließen, ob eine Uebereinstimmung der Ziele des Christenthums und des Judenthums in der That „weder vorhanden noch möglich sei" und ferner, ob es wirklich nur von „unverständlicher Ueberhebung" zeuge, wenn ein Rabbiner sagt, „Israel sei das Herz der Welt" und endlich, ob es eine Kühnheit sei, zu behaupten, Israel habe den Begriff der Gleichheit aller Menschen, der Einheit des Menschengeschlechts, zuerst in die Welt gebracht. Die Herren Agrarier könnten da voir ihrem theologischen Gewährsmann seltsame Dinge hören, die sie vielleicht sogar etwas bescheidener machen dürften. r Im Reichstage hat am Montag der „wilde" Antisemit Dr. Böckel über den Mord in Könitz gesprochen. Er sagte u. a.: „Der scheußliche Mord in Kouitz ist bis heute noch uugesühnt. Das Odium darf auf unserer Justiz nicht sitzen bleiben, daß diese That ungestraft bleibt. Mau hätte den Mörder finden können, wenn man gleich zu Beginn fest Angegriffen und den Ort abgesperrt hätte. So konnten die Thäter über die russische Grenze entkommen. Es darf sich aber in dem deutschen Volke nicht der Glaube festsetzeu, daß unsere Justiz hier versagt." Wir sind wieder ganz derselben Meinung, daß man die Spuren des Mörders vielleicht hätte finden können, wenn man nicht von vornherein eine falsche Spur in der Synagoge und bei vielen jüdischen Mitbürgern verfolgt hätte. Daß der Mörder über die „russische Grenze" gegangen, ist eine feine Anspielung, die sicher nirgends mißverstanden wurde. Eine Antwort hat Herr Böckel erst am nächsten Tage erhalten. Abg. Herzfeld zog aus den Konitzer Ereignisseil den Schluß, daß große Schichten der Bevölkerung in einem Zersetzungsprozeß begriffen und ihrem Urtheil verwirrt seien. Die Nichtigkeit dieser Behauptung zeigte sich sofort. Der antisemitische Abgeordnete Bindewald machte sich zum Sprachrohr von dieser! Elementen, die in ihrem Urtheil sehr verwirrt sind. Er warf den Behörden Lauheit bei der Untersuchung vor und fragte, warum man gegen die „verdächtigen" Juden nicht vorgehe. Staatssekretär Nieberding warnte vor erneuter Erregung; es sei, so fügte er hinzu, Kaltblütigkeit nothwendig. Er äußerte ferner die Hoffnung, daß die Behörden doch noch eine Spur von dem Mörder Winters finden würden. Im Uebrigen wies er auch darauf hin, daß der Fall ins preußische Abgeordnetenhaus gehöre; sicher würden die Minister dort in entsprechender Weise antworten. Der Abgeordnete Rickert kündigte an, daß er den Antisemiten und ihren Bundesgenossen im preußischer! Abgeordnetenhause antworten werde, unterzog sich aber sofort in dankenswerther Weise der Aufgabe, den beweislosen Verdächtigungen, die von den antisemitischen Abgeordneten im Reichstage ausgesprochen worden, gestützt ans unanfechtbares Material, und mit guten Gründen entgegenzutreten. Er kennzeichnete insbesondere die ungeheure gegen dieBehörden gerichtete Verdächtigung, daß man absichtlich die Aufklärung über die räthselhafte That von Könitz verhindere, sowie die Agitation der