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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-01 · Heft 5 (1.2.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 5 (1.2.1901)
Date
1901-02-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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6',. )ichrgang. Rr. kr. Wertcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes Zuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 2X2 Berlin, 27. Januar. Gestern fand inr Saale des Architekten» Hauses die diesjährige Versammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus statt, die diesmal sehr zahlreich besucht war. Unter den Anwesenden bemerkten wir die Abgeordneten Nickert, Barth. Schräder, Endemanu, Pettasohn. ferner viele Stadtverordnete nnd andere angesehene Männer aus Berlin, ans Stettin Archivar Dr. Winter, aus Frankfurt Charles I. Hallgarten, aus Hannover Senator Fischer sowie noch eine Reihe hervorragender Persönlichkeiten aus anderen Provinzstädteu. Herr Nickert. der derzeitige Vorsitzende des Vereins, eröffnete die Versammlung und gab einen Bericht über die Leistungen des Vereins und über den gegenwärtigen Stand der antisemitischen Bewegung. Unzweifelhaft ist Wesentliches erreicht worden, aber die antisemitische Bewegung dauert fort und wird noch auf lange hinaus eine ernste Gefahr bilden, der gegenüber die Kräfte des Vereins viel zu schwach erscheinen. Der Vorstand des Vereins kann eben nur so viel leisten, als die Mitglieder ihm durch finanzielle und persönliche Hilfe ermöglichen. Herr Nickert besprach dann die Vorgänge inKouitz und erwähnte auch die Thätigkeit des Pastors Krösell aus Kloxin, der in der Pyritzer Gegend herumreist und unter der Maske von wissenschaftlichen Vorträgen die Bevölkerung durch Propagirung des Märchens vom Blutmord aufhetzt. Bei dieser Gelegenheit erfuhren die Anwesenden zu ihrem großen Erstaunen, daß dieser Hetzpastor für seine Vortrüge nicht allein die Schulräume eingeränmt erhält, daß sogar in einem Falle für ihn die Wände der Klassenzimmer entfernt wurden, um ihm den Raum für ein großes Auditorium zu schaffen. Eine Beschwerde der jüdischen Gemeinde in Phritz hat das pommersche Konsistorium znrückgewiesen. weil der Pastor nachträglich bestreitet, aufreizende Reden gehalten zu haben. Herr Nickert stellte weitere Schritte in dieser Angelegenheit in Aussicht sowie eine Besprechung dieser Vorgänge beim Kultusetat im Abgeordnetenhaus. Nach Herrn Nickert ergriff Herr Professor Strack das Wort zu eniern Vortrage über den Ritualmord. Derselbe führte aus. daß er kein Mitglied dieses Vereins sei, auch den religiösen und politischen Standpunkt des Vorstandes nicht theile, aber er fühle sich gedrungen, in dieser Frage das Wort zu nehmen, weil gerade der wahre Christ die Pflicht habe, in dieser Sache zu bezeugen, daß die Angriffe gegen das Judenthnrn, die dasselbe beschuldigten, daß seine Religion oder die einer seiner Sekten den Blutmord verlange, auf Lügen beruhen. Gerade er, sührte Strack aus, müsse sich dieser Pflicht unterziehen, denn er sei gegenwärtig jedenfalls derjenige Professor an den preußischen Universitäten, der sich am meisten mit dem hebräischen Schristthum und der Blutmordfrage beschäftigt habe. Der Gegensatz zwischen Juden und Christen müsse durch diese Angriffe auf die jüdische Religion um so mehr verschärft werden, als diese doch das einzige sei. was alle Juden verbindet. Bei Angriffen, die sich gegen die Juden als Betrüger richteten, könnten die ehrlichen Inden noch sagen, daß diese sie nicht angiugen. ebenso bei ähnlichen Beschuldigungen, aber bei Angriffen gegen ihre Religion sei es nur zu natürlich, daß die Inden verbittert würden, und auf das Christenthum übertrügen, was schlechte Menschen, die sich Christen nennten, verschuldet hätten. Um so größer sei die Pflicht der wenigen Christen, die auf diesem Gebiet überhaupt mitsprechen könnten, ihr Zengniß für die jüdische Religion abznlegen. Die Antisemiten seien die schlimmsten Feinde des Chriftenlhums, die dasselbe in den Augen der Welt erniedrigten. Darum spreche er wie vor ihm Wagenseil und Delitzsch un Geiste des Christenthums, wenn er die Antisemiten bekämpfe. Diese seine Thätigkeit habe ihm schon viele Angriffe und Beschimpfungen eingetragen, aber auch manche begeisterte Zustimmung voll christlicher Seite. So habe er vor Kurzem von der allgemeinen Misstonskonserenz, die in Köln getagt habe, eine Zuschrift mit begeisterter Zustimmung erhalten, nnd gerade diese Mission, die zugleich das orthodoxe Cbristenthum vertrete uud vor anderen den Vorzug habe, daß ihre Mitglieder am besten über die einschlägigen Schriften und Verhältnisse unterrichtet seien, sei berufen, ihr Nrtheil abzugeben. Redner geht dann noch auf Einzelheiten der Konitzer Vorgänge ein uud betont, daß die Fälle von Blutaberglauben gerade bei den Juden äußerst selten und viel seltener als bei anderen Konfessionen Vorkommen. In der Diskussion ergreift zunächst Pastor Schmeidler das Wort, um von seinem speziellen Standpunkt ans als Christ gegen den Antisemitismus zu protestiren. Er habe die Beobachtung gemacht, daß. wenn die Wogen des Antisemitismus besonders hoch gehen, die Zahl der Juden, die sich taufen lasse, immer abnehme!!! Sauitätsrath Reumann spricht seine Freude aus, daß Christen vom christlichen Standpunkt ans den Kamps gegen den Antisemitismus aufnehmen wollen. Eingehend auf Einzelheiten bei der Untersuchung, die in Könitz wegen des Mordes an Winter gesührt wird, sucht Redner nachzuweiseu, daß die Behörden die Untersuchung von Anfang an unter dem Gesichtspunkt des Nitualmordes ge führt hätten. Dr-Endemauu-Kassel giebt einen Bericht ans Kurhessen, der einen erfreulichen Rückgang des dortigen Antisemitismus koustatiren kann. Bemerkenswert!) sei indessen, daß gerade die Lehrer der höheren Lehranstalten die Träger dieser Bewegung seien. Abgeordneter Dr. Barth wendet sich gegen die allzu zarte Behandlung der Negierung. Solange die Regierung das Grundgesetz der Verfassung, die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, verletze, solange werde der Antisemitismus nicht aufhören. Nicht nur bei dem Militär, auch in allen anderen Ressorts werden die Inden znrückgesetzt nur ihrer Religiou wegen, nnd dieser Zustand sei natürlich ein steter Ansporn für die Hetzer. Alle Staatsbürger sind gleich, und bei der Besetzung einer Stelle darf nicht nach der Konfession gefragt werden. Darum muß sich der eigentliche Kampf gegen die Behörden richten, er muß im Reichstag und Landtag geführt werden, und Redner findet, daß es bei dieser Sache sich gar nicht um christlichen oder jüdischen Standpunkt handeln dürfe, sondern nur um den Standpunkt der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Vaurath Benoit verweist daraus, daß der Boden in Könitz für die Judenhetze durch die Nähe von Neustettill und die dort schon so lange betriebene Hetze gründlich vorbereitet worden sei. Stadtverordneter Dr. Nathan widerlegt detaillirt die Auffassung, als hätten sich die Behörden in Könitz durch die Idee des Nitualmordes bei der Untersuchung leiten lassen. Einzelne Mißgriffe werden gewiß vorgekommen sein, aber im Allgemeinen war doch der Standvunkt der Polizeinnd richterlichen Behörden, daß man jeder Spur nachzngeheu habe, daß aber Ritnalmord auszuscheiden habe. Redner eitirt die Erklärung des Kriminalkommissars Braun in seinem Bericht, die im Maßloffprozes; vorgelesen wurde. Damals hat Braun ausgefnhrt. daß ein Aberglaube, der für die ganze Christenheit beschämend sei. der Aberglaube vom Ritualmord der Juden für ihn, der die Inden überall, auch im Orient, kenne, nicht ill Frage kommen könne. Auch die anderen Kommissare haben sich dieser Auffassung angeschlossen. Das Gerede von der Blutleere sei so wenig begründet, daß gerade die medizinischen Gutachter jeder einzeln nach Erklärung suchen, warum die Lungen uud andere Körpertheile trotz der Auslaugung durch Wasser uud Spiritus noch blntübersüllt waren. Dr. Heinrich Meyer Cohn verglich die antisemitischen Hetzereien mit den Boxern in China, koustatirte die Analogien und als einzige Verschiedenheit, daß die deutsche Negierung in China gegen die Lügen der Boxer anftrete, in Deutschland aber nicht. Die weitere Diskussion drehte sich um Organisationsfragen. Die Versammlung schloß mit einer wohlverdienten Ovation für den Vorstand und besonders den Abgeordneten Nickert. 6. Berlin, 28. Januar. Eine wissenschaftlich wie künstlerisch besonders interessante Musikaussührung verheißt der 26. Februar, h nämlich eine Vorführung der Neste der a l t gr iech i s cll en und alte s hebräischer Musik. Ganze Bibliotheken sind über die Musik der alten Griechen und Inden geschrieben, aber Klarheit schafften sie nicht

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