Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 60 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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6^» „Werthe Frau! „Vor alleur meinen Dank für Ihre Aufrichtigkeit und die Güte, mir zu schreiben! Hiermit beantworte ich Ihre Fragen, eine nach der anderen. Sie fragen mich, ob ich Kronele liebe? Ich liebe sie, seit ich sie zum ersten Male sah! Ich habe nie geliebt. ehe ich sie sah, und nie werde ich ein anderes Mädchen lieberr als Kronele! Ihnen, der Freundin meiner Geliebten, darf ich wohl dies Gesläiidrnß thun, aber unter der Bedingung, die ich Ihnen, wie die Heilige Schrift sich ansdrückt, auf das Herz binde. Kronele darf nie diese Zeilen zu Gesicht bekommen noch den Inhalt erfahren, solange sie nicht sicher ist, daß sie mir feierlich als Eheweib mit Einwilligung ihrer Eltern angelobt werde! Möge Gott diesen Moment für uns beschleunigen! Denn wozu ihr sagen, daß ich vor Liebe für sie vergehe, wenn sie für mich verloren ist? Schon lange, als ich bei meinem Eintritt in das Reichliche Harls Kronele wegen ihrer bescheidenen Kleidung für eine Waise, eine Verwandte des Hauses hielt, gelobte ich mir in meinem Innern, für dieses göttliche Geschöpf zu arbeiten und zu leben. Als ich die Wahrheit erfuhr, konnte ich diesen niedergeschriebenen Entschluß wohl den: Papier, aber nicht meinem Herzen entreißen. Besser, ich hätte an jenem Tage schon das Haus verlassen oder voll dein Allgellblicke an, wo ich den halsstarrigen Willen und Charakter der allmächtigen, alleinherrschenden Mutter kennen lernte. Ach, es wäre doch zu spät gewesen! Denn zn meinem Schrecken -- ja, ich erschrack vor mir selber — bemerkte ich bald, das; Kronele meine Liebe erwiderte. Und dann war es für lnich eille paradiesische Glückseligkeit, die Seele dieses thenern Wesens ansznbilden; denn nie schuf die Hand des Schöpfers eille schönere! Wohl war dies meinerseits ein Dünkel, denn an dieser Seele war nichts mehr zu bilden, mau konnte sie nur bewundern. Kronele begreift alles Große und Edle, als hätte sie nie etwas Kleines und Niedriges gekannt noch gesehen. Sie spricht die Sprache des Himmels, als wäre sie nie auf Erden! Und statt sie zu belehren, unterhielt ich mich mit ihr über die Wissenschaft, um von ihr zu lernen. Die Wärme, die Strahlen, die ihre Gedanken und Gesühle verbreiten, haben mehr als einmal nicht allein die Gesundheit meiner Seele, sondern auch die meines Körpers aufrecht erhalten; ein Blick ans ihrem Auge heilte mich. Und wenn ich ermüdet, der Menschen und ihrer Niedrigkeiten satt war, bedurfte es nur ihrer sausten Antworten, und mein innerer Schmerz verschwand wie der Nachtstaub unter dem Morgenthau! Nichts wäre mir lieber und leichter, werthe Frau, als in einem Briese an die Mutter Kronele zur Heirath zu verlangen! Oft wollte ich an Kronele selbst schreiben, um sie meiner ewigen Liebe zn versichern; ich stand davon ab, weil es nicht in der strengen Sitte ist, einem jungen Mädchen, so ehrlich auch die Absichten sind, heimlich Briefe zn schreiben. Es giebt hienieden kein Glück für ein Kind, das die Pflichten gegen seine Eltern verletzt. Und nie möchte ich die Ursache einer solchen Pflichtverletzung sein! Und dann dachte ich : Wenn Kronele mich liebt, so wird sie scholl die Vornrtheite ihrer Mutter zu besiegen wissen; denn ich glaube all das Herz der Frau Reich und denke, daß sie trotz der Liebkosungen, mit denen sie Heva überschüttet, deren Sonntagsschönheit ihrer Eitelkeit schmeichelt, ihre ältere Tochterinniger, vielleicht allein herzlich liebt. Der Zander, den Kronele auf alle allsübt, die sich ihr nähern, erstreckt sich sogar auf ihre Mutter, und sie brauchte nur zn wollen, um sie zu beherrschen: Es fehlt Kronele nur an dem Willen, weil ihr der Glaube an sich selbst fehlt. Ich wiederhole Ihnen, daß ich bereit bin, um Kroneles Hand anznhalten. Jedoch wünschte ich vorerst ein Wort der Ermutbigung von ihr selbst; denn wie ich ihr nie meine Liebe gestand, so hat sie ihrerseits mir me gezeigt, das; sie meine Liebe annehmen würde. Ehe ich meine Frau ans den Händen ihrer Eltern verlange, muß ich wissen, das; sie selbst es wünscht, meine Frau zn werden. Verweigert mir die Mutter ihr Kind, so warte ich, und harrend werde ich Gott allflehen, daß er das Herz der Mutter erweiche. Denn, ohne viel leere Worte darf ich Ihnen sagen, Kronele wird mein Eheweib in Gott oder Elias stirbt ledig? Uebergeben Sie, beste Frau. Kronele dieses anliegende Bittet, das Sis lesen möge, nie aber diesen meinen Brief selbst! Indem ich Ihnen noch einmal von ganzer Seele für Ihre Sorgfalt, für Ihre Freundschaft und Herzenszärtlichkeit danke, verbleibe ich Ihr Freund und Diener- Elias Seibel." (Fortsetzung folgt.) Litterarische Wrttheilungen. Mit besonderer Genugthuung zeigen wir heute die zweite vollständig nmgearbeitete und erweiterte Auslage des Antisemiten- Spiegels (Danzig. 1900. A. W. Kafemann) an. Die Antisemiten werden in diesem höchst interessanten Buche im Lichte des Christenthnms, des Nechts und der Wissenschaft dargestellt. Alle, welche sich der Vertheidignng unserer Sache widmen, finden hier das volle Rüstzeug beisammen. Seit dem Sommer 1890, in dem der Antisemiten - Spiegel zuerst erschien, hat der Antisemitismus mehrfache Wandlungen und erhebliche Fortschritte gemacht. Dies alles ist in der neuen Auflage des Antisemiten-Spiegels berücksichtigt und zum Theil ausführlich erörtert. wie schon eille kurze Inhaltsangabe der wichtigsten Kapitel beweisen kann. Den Neigen eröffnet eille Statistik der Inden, dann folgt ein Kapitel über die Forderungen der Antisemiten, als Antwort daraus werden die staatsbürgerlichen Rechte der Juden auseinandergesetzt, dann folgen Aufsätze über die Entwickelung des Antisemitismus in Deutschland, über die parlamentarische Thätigkeit und die Kampfeslveise der Antisemiten, den Bund der Landwirthe, die Verjudnng der Welt,, deil Mädchenhandel, die Inden als Soldaten, als Handwerker, die Güterschlächterei und den Wucher, den Antheil der Inden an Verbrechen. die drei Reichskanzler und den Antisemitismus, den Talmud und der Schulchan Arnch. über das Verhältnis; der Antisemiten zürn Christenthnm, die Autoritäten des Antisemitismus, die Inden in der Rechtspflege, die konservative Partei, die Neiehsbank, Ahlwardt, den Antisemitismus im Verhältnis; zu Schule und Veamtenthnln. die Geldmacht der Juden und die Börse. Den Abschluß bildet eine sehr eingehende und sachgemäße Abhandlung über den sog. Nitualmord. Das Sach- und Ramensregister am Schlüsse erleichtert den Gebrauch des vortrefflichen Buches wesentlich. Es ist in seiner neuen Bearbeitung ein unentbehrliches Hilfsmittel für jeden deutschen Inden im Kampfe gegen den Antisemitismus geworden. Da der Preis eilt außerordentlich niedriger, so hoffen wir zuversichtlich, das; das Buch viel gekauft, und bald eine dritte Auflage nothwendig werden wird. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für tue Reduktion: Dior Bauchwitr in Berlin.