Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 58 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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nn.mou Are Ksnrgsbraut. Historische Erzählung von Corola Vuchheim. war eirr Festtag, ein Tag des Jubels und der aus-- sehrvei senden Freude für das Volk, das da herbeigeströmt lvar non nah und fern, voll weit und breit nach Griefen in die Krönungsstadt! In den Straßen, auf den Plätzen der Stadt wogte eine unübersehbare Menschenmenge auf und ab. Da sah man geschäftige Polen eifrig das große Ereigniß des Tages besprechen, da schritten ernst und schweigsam stämmige Russen, da waren Rumänen und Kumanen, Tschechen und Moraver von ihrer Heimath herbeigekommen, da zogen die heidnischen Lithauer in ihrer wild-barbarischen Tracht die Aufmerksamkeit Aller auf sich Hier und da erblickte man auch hochgewachsene Schlesier, deren finsterer Ernst gar seltsam abstach gegen die ausgelassene Freude der Anderen, denn nur ungern ertrugen die Schlesier das Joch, das Polens Fürst ihnen auferlegt hatte. So waren denn aus alteil Ländern, die Boleslav Smialy beherrschte, seine Unterthanen herbeigezogen, um dem großen Akte beiznwohnen, da ihr Fürst die Königtzkrone empfing. Hatte er doch alle seine Völker nach Gnesen entboten, hatte sie eingeladen, Zeugen zu sein seines großen Triumphes, Zeugen zu sein, wie er Polen hoch erhebe zu ungeahntem, zu lange vermißtem Glanze! Und die ganze gewaltige Menschenmasse hastete schwatzend und lärmend und stoßend, jubelnd und kreischend dem Platze vor der Kathedrale zu, wo der Herzog seinen Einzug in die Kirche halten, und wo später die Bertheiluug von Almosen all das Bolk stattfindeu sollte. So strömte die aufgeregte Menge dahin, die Straßen sollend voll einer Seite zur anderen, und wie das dumpfe Brausen empörter Meereswogen scholl das Getöse der schweren Fußtritte und der durcheinander schwirrenden Stimmen des Bottes. Der weite Platz vor der großen Kathedrale zu Gnesen war bald bis in die letzten Winkel voll der herbeigeströmten M ens eh enmasse e rfü ll t. Rur irr der Mitte des Platzes, da wo die Prozession zur Kirche ziehen sollte, war der Weg frei gemacht, und die überall ausgestellten Diener des Herzogs suchten das Volk voll diesem Wege zurückzuhalteu. Aber freilich wurde ihnen das schwer genug gemacht. Denn die ungeheuere Menschenmasse befand sich in steter, nnaushörlicher Bewegung wie die Wetten des Meeres, und Hütten die Diener nicht schließlich ihre Schwerter gezogen und gedroht, die Nüchststehendeu niederzumachen, wenn sie nicht aufhörten zu drängell und zu stoßen, so wäre auch der Weg in der Mitte besetzt worden, und die Prozession hätte keinen Platz gehabt, zur Kathedrale zu ziehen. Run aber hielt die eng zusammengedrängte Menge ein wenig zurück und entschädigte sich dafür durch bittere Spottreden ans die herzoglich eil Diener, die ihren Knechtsstand vergäßen und freien Männern zu befehlen und zu drohen wagten. Namentlich die Polen führten gar stolze und hochmüthige Reden. Denn sie waren das herrschende Volk, aus ihrer Mitte war der Fürst entsprossen, der heute König werden sollte, und so wie Boleslav der erste war unter den slavischen Fürsten, so waren sie die ersten unter all den Völkern, die seiner Macht und seineil Befehlen gehorchten. Da ertönten Plötzlich Hornsignale, und blitzschnell verstummte das Lärmen, das Schwatzen und Schelten des Volkes: aber nur für einen Moment. Was kümmerten denn die Menge diese Edelfrauen, die da von herzoglichen Pagen in die Kathedrale geleitet wurden! Diese konnte mau ja auch all anderen Tagen sehen, und wenn sie auch prächtig angethan waren mit kostbaren Kleidern und herrlich strahlendem Schmuck: andere Dinge waren es, um derentwillen all die Männer herbeigekommen waren aus weiter, weiter Ferne, andere größere und herrlichere Dinge, und in Erwartung dieser ließ man die Edelfrauen fast theilnahmslos vorüber in die Kirche ziehen. Und von Neuem erscholl der Lärm, der aus der wogenden Menschenmenge emporstieg und die Luft mit gewaltigem, weithin vernehmbarem Getöse erfüllte. Da ertönt Trompetenschall, und herzogliche Reiter eilen herbei, um an dem Eingangsthore der Kirche Stellung zu nehmen. Sie drängen das Volk zurück, nach beiden Seiten hin. Jetzt geht eine gewaltige Bewegung durch die Menge. Ans tausend Kehlen erschallt der Ruf: „Sie kommen! Der Zug naht!" Noch einmal und mit aller Wucht drängt die ganze Menscheumasse nach vorn, und Alle recken die Hälse empor, gewärtig des kommenden Schauspiels. Dann wird es still, und nichts regt sich, und kein Laut ertönt aus der Mitte des harrenden Volkes. Erliste, sanfte Musik verkündet das Nahen des Zuges. Die Musiker ziehen vorüber. Da geht ein Wogen und Schwanken durch die Menge, und im nächsten Augenblicke liegen Alle aus den Knien und falten andächtig die Hände. Denn unter einem purpurnen Baldachin schreiten jetzt die beiden größten Kirchenfürsten Polens vorüber. Der Erzbischof von Gnesen, ein ehrwürdiger, tief gebeugter Greis, der von zwei Presbytern geführt wird, und ihm zur Seite Bischof Stanislav von Krakau. Nun erschallt lautes, fröhliches Trompetellgeschmetter. Das Volk erhebt sich von den Knien, und die erfurchtsvolle Demuth, die sich eben noch auf alleir Gesichterrr ausprägte, weicht heiterer und hochgespannter Erwartung. Da jagen ans stolzen Rossen Polens Edle vorbei in goldgestickten Kleidern, die Schwerter zum Gruß über ihren Häuptern schwingend. Lauter Jubelruf empfängt und geleitet sie. Vergessen sind die Unbilden, die so Biele unter der Masse des Volkes voll ihrem Hochmuthe, ihrer Wildheit erlitten. Eins schienen Adel und Bolk an Polens Ehrentag zu sein. Dem Polnischen Adel folgen die Vornehmen der anderen Völker, die Boleslav seiner Macht unterworfen, dann die Gesandten, die fremde Staaten zur Kröuungsfeier geschickt hatten. Da glänzte vor allen Anderen der Bote König Belas von Ungarn durch die Pracht seiner über und über mit Gold und Edelsteinen geschmückten Kleidung. Roch ist die Schaar der Edlen nicht ganz vorübergezogen. da erschallt aus der Ferne durchdringender Jnbelrnf und pflanzt sich fort durch die unzählbare Menge des Volkes bis zur Kathedrale hin, ansschwellend, mächtiger werdend, bis zuletzt ein einziger Ton ans der Mitte der wogenden Masse