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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-25 · Heft 4 (25.1.1901) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 4 (25.1.1901)
Date
1901-01-25
Page
Seite 2 (sequence 17)
Language
German
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2 kermtniß öffentlich abzugeben, das der eigenen UeberZeugung durchaus widerstreitet, und endlich ist ein .solcher Uebertritt eine Verstärkung des Dogmatismus der Kirche, der- Intoleranz, da der Austreteude sich zum Genossen des Unrechts macht, das seit Jahrtausenden aus seinen Stammesgenossen lastet. Das Verfahren der neuesten Zeit, daß die Eltern der Taufe fern bleiben, aber ihre unmündigen Kinder taufen lassen, ist noch gewissenloser als der eigene Uebertritt. Ist es nicht Affenliebe sür die Kinder, denen man äußerlich den Weg ebnet, die man für den äußeren Erfolg erzieht und der inneren Zufriedenheit des Zusammenhangs mit den Eltern beraubt, so ist das Motiv der noch viel häufigere Wunsch, bei den christlichen Freunden sich einzuschmeicheln. Von der Taufe hat die Kirche die geringsten Vortheile, und eine Zersetzung derselben ist die unausbleibliche Folge. Jeder Taufakt ist ein Tanz um das goldene Kalb, und den größten Schaden haben Diejenigen, welche ihre Wahrhaftigkeit verleugnen und, während sie mit ihrer Aufklärung prahlen, sich der Reaktion und Intoleranz unterwerfen. Als Gegenmittel gegen die Taufe kommt hauptsächlich in Frage genügende Kenntnis; der jüdischen Religion und Lehre, damit ein Jeder im Stande ist. die Wahrheit, die Vorzüge und die tiefe Bedeutung der väterlichen Religion zu würdiger; und sich eins zu fühlen mit der; zahllosen Generationen, die sür ihre Religion gekämpft und gelitten haben. Ein ferneres Gegenmittel besteht noch darin, mit der Zersplitterung im Jndenthum aufzuräumen. zum Kampfe gegen den äußeren Feind und zum Kampfe gegen den Abfall im eigenen Lager muß gerüstet werden. Erst wenn wir der ganzen Welt als Inden gegenübertreten, erst dann werden die Schwachen unter uns gekräftigt und auch die Starker; ermuthigt werden gegen Schwachheit und Vorurtheile, erst dann werden wir Achtung nach außen und Anhänglichkeit nach innen finden. Wiederholter, lebhafter Beifall lohnte den Redner für seine trefflichen und interessanten Ausführungen. In dem folgenden geschäftlichen Theil berichtete der Vorsitzende Rechtsanwalt Horwitz über die neuesten Vorgänge im antisemitischen Lager, welche den Lesern bereits aus unfern Mittheilungen bekannt sind. 22 Berlin,22. Jan. Am 15.d.M. hielt HerrProfessorDr. Leop old Cohn aus Breslau im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Litteratur einen Vortrag über Wilhelm von Humboldt. Nach sorgfältiger Charakterisiruug der gesammten Thätigkeit des Staatsmannes von Perikleischer Hoheit der Gesinnung in der auswärtigen Politik und von wahrhaft humanem Geiste in seiner Weltanschauung berichtete der Vortragende über Humboldts Theilnahine an der Emanzipation der Juden in Preußen, wobei er sich hauptsächlich aus die neuesten Publikationen des Professors Dr. Bruno Gebhardt stützte. Wohlverdienter Beifall wurde den klaren Ausführungen des Herrn Vortragenden von den zahlreich versammelten Zuhörern gespendet. — Aus den auswärtigen Litteraturvereinen: In Tilsit sprach Dr. Perles-Königsberg über das Gebet im Jndenthum, in Breslau Rabbiner Dr. Deu tsch über Sarah Copia Snllam, die jüdische Dichterin, in Rakel Generalsekretär Alphonse Levh-Berlin über I. I. Rousseau und dessen Ansichten über Jndenthum. in Köln Kirchenrath Dr. Krön er-Stuttgart über die geistige Neubelebung im Exil, in Frankfurt a. M. Privatdozent Dr. Asher-Bern über den Antheil der Juden au den Fortschritten der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert. Auch in der Schweiz fängt es an sich zu regen. In Basel sprach Rabbiner Dr. Cohn über den Kaufmann von Venedig, in St. Gallen Landrabbiner Dr. T äuzer- Hohenems über die Stellung der Frau im Jndenthum. o. Berlin, 18. Januar. In der Neligionsschule der Gemeinde B' neB' rith fand den 16., Nachmittags 4 Uhr. eine Vorfeier des Zweihundertjahr-Jnbiläums des preußischen Staates in Gegenwart geladener Gäste statt. Nach einleitenden; Gesänge der festlich gekleideten Jugend hielt der Dirigent, Herr Buttermilch, eine längere Ansprache, in welcher er ein Bild von der Entwicklung der preußischen Monarchie entrollte. Schüler und Schülerinnen der vier Klassen deklamirten und sangen patriotische Dichtungen, worauf Herr er;nä. pdil. Wölbe den Festvortrag über „Das Verhältniß der Hohenzollernkönige zu ihren Unterthauen jüdischen Glaubens" hielt. Die Rede klang in ein Hoch auf Kaiser Wilhelm II. aus. Die Absinguug der Nationalhymne beschloß die Feier. 2/V Berlin, 17. Januar. Am 6. d. M. beging der Verein ehemaliger Schüler der Knabenschule der Jüdischen Gemein d e z u Berlin sein 1. Stiftungsfest. Die Zahl der Mitglieder hat I sich bereits auf 800 erhöht. Ju den Säle;; der Theerbourg'schen Ressource hatten sich über 700 Personen eingesunden, nn; den Vorträgen des Frl. Ella Goltz, derHerren kgl.Konzertmeister Rehfeld, KonzertsängerAlexander Heinemann, des Gesangvereins Harmonie und des Schauspielers Herrn Georg Kaiser vom Metropol-Theater zn lauschen, die alle ihr Bestes zu Gehör brachten. Der reichliche Ueberschuß aus den; erhobenen Eintrittsgeld fließt den; Unterstühungssonds des Vereins zu. 22 Berlin, 20. Januar. Der Vorstand der Gefells ch.a ft zur V e rbr e i tu n g d e r Ha n d w erke u nd d e s Ackerb a u es u nt er d en I nd en im pr e n ß i sch en St aa te, gegründet 1812, hatte zum 13. d.M. seine Zöglinge zu einem gemeinschaftlichen Mittagessen in Cassels Hotel eingeladen. Außer ihnen waren auch frühere Zöglinge, die nun Meister und Fabrikanten sind sowie die beiden Religionslehrer H. Heskel und Weber erschienen. Mit kernigen Worten begrüßte der erste Vorsitzende Herr Leopold Lesser, der nun seit achtzehn Jahren dieses Amt bekleidet, die Anwesenden. In begeisterter Ansprache ermahnte Herr Moritz Rosenow, der neue zweite Vorsitzende, die Zöglinge, sich mit allen Kräften'beruflich vollkommen auszubilden, das Jndenthum zu pflegen und ihn; für alle Zeit treu zu bleiben. Die Herren Loeweuberg und Adler ermahnten die Zöglinge zun; fleißigen Besuch der Fachschulen, zur Erhaltung der Gesundheit, zur Mäßigkeit und zu vernünftigem Lebenswandel. An zwei Tischlieder heiteren Inhalts, die von den jugendlichen Knabenstimmen kräftig und klangvoll gesungen wurden, schloß sich die Zuertheilnng der Prämie aus der Bodenstein-Fränkel-Stiftung. Dem prämiirten Buchbindergehilfen S. Lemky, welcher eine vierjährige Lehrzeit bei dem königl. Hofbuchbindermeister Herrn W. Collin kürzlich beendet hatte, wurden 300 Mark statutenmäßig zuerkannt und die darüber von; Vorstand ausgefertigte Urkunde vorgelesen und überreicht. Die gesammte Tischgesellschaft hatte sich von ihren Sitzen erhoben, und zwei Vorstandsmitglieder bestimmten eil; Kapital zu einer Stiftung, aus dessen Zinsen Werkzeuginstrumeute für einen zu prümiirenden Zögling alljährlich anzu sch affen sind. Der Prämiirte und noch einige andere Zöglinge dankten den; Vorstand in fließender Rede. 22 Berlin, 18. Januar. An; 15. d. M. ist hier der Geheime Kommerzienrath Bei; ja min Li eb er;na;; n im Alter von 89 Jahren eines sanften Todes gestorben. Er war in Märkisch-Friedland geboren. derselben Stadt, die auch der Geburtsort des Justizministers Friedberg gewesen ist. Am 4. Dezember 1812 geboren, war er nur etwa acht Wochen älter als sein eben genannter Landsmain;. In; Jahre 1825 siedelte der Vater Benjamin Liebermauns mit seiner zahlreichen Kinderschaar nach Berlin über. Benjamin als der älteste konnte der Wohlthat eines langen Schulunterrichts nicht theilhaft werden, er hat nur wenige Jahre das Gymnasium zum Grauen Kloster besucht. Er hat dann eine kaufmännische Lehrzeit in England durchgemacht, trat nach seiner Rückkehr in das väterliche Geschäft ein und half, dieses zu einer großen Bedeutung zu bringen. Liebermann war lange Jahre Vizepräsident des Aeltestenkollegimns, erster Präsident des deutschen Handelstages und Präsident der Gesellschaft der Freunde, in der er seit vier Jahren das Ehrenpräsidium führte. Bei einer fast einundfünfzigjährigen Mitgliedschaft war er durch 35 Jahre der Leiter dieser Gesellschaft; es war ihm noch vergönnt, einigen der Stifter vom Jahre 1792 näher zu trete;;, in ihrem Geiste hat er gewirkt, mit Rath und That und mit seiner Begeisterung für die edlen Ziele der Gesellschaft hat er ihre Interessen in hohem Maße gefördert. Als Kaufmann war Liebermam; der Begründer der Berliner Kattunfabrikation. Als er Anfangs der fünfziger Jahre, in denen seine Fabrikerzeugnisse bereits bis nach Japan exportirt wurden und mit Erfolg den englischen Fabrikaten Konkurrenz machten. Friedrich Wilhelm IV. vorgestellt wurde, antwortete er aus eine Frage nach seiner Berufsstellung mit berechtigten; Stolze: „Ich bin der Liebermam;, der die Engländer vom Continent verdrängt hat". Als Präsident des deutschen Handelstags hat er zu der Zeit, wo für das neu geeinte Deutschland eine volkswirthschaftliche Gesetzgebung neu zu schaffen war, einen großen Einfluß ausgeübt. Bei jeder Frage, die angeregt wurde, hatte er praktische Erfahrungen in die Diskussion zu werfen, die er logisch darznstellen wußte. Mochte es sich nn; einen Zollsatz oder um Musterschutz oder um Arbeiterverhältnisse handeln, er war stets mit der Frage vertraut und wußte Sachliches vorzubringen. Liebermann war bei allem praktischen Sinne, den er als Kaufmann bethätigte, doch eine ideal gerichtete Natur. Es war der Stolz seines Alters, daß der Name, den er trug und dem er ans kaufmännischem und industriellem Gebiet zu Ansehen verholfen hatte, nun auch aus den; Gebiete der Wissenschaft und Kunst

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