Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Ar. 4. Gerlin, 25. Januar 1901 Dev Gemerndebote. 'Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. BeMtt, 20. Januar. Der nächsten Repräsentantensitzung, welche am kommenden Sonntag auf zehn Uhr anberaumt ist. wird eine Reihe von Initiativanträgen vorliegen. Dieselben beziehen sich auf Herausgabe eines Jahrbuches seitens der Berliner Gemeinde, aus die Anstellung höherer Beamten nach Art der Magistratsassessoren sowie auf die Anstellung von Zählkontroleuren in den Orgelsynagogen. Von wem dieser letzte Antrag gestellt ist, dürfte von den aufmerksamen Lesern der Verhandlungen der Repräsentantenversammlung unschwer zn errathen sein. Der Zusammenhang der Frage mit dem erst jüngst gefaßten Beschluß, den Beginn des Sabbathmorgengottesdienstes in den Orgelsyuagogen später zu legen, ist leicht erkennbar. Die Prüfung, ob durch den späteren Anfang eine Hebung oder Verminderung der Frequenz eintreten wird, dürfte sich doch nun nicht mehr ermöglichen lassen, nachdem eine Zählung der Besucher des Gottesdienstes vor dem obigen Beschluß niemals stattgefunden hat. — Die vor einigen Jahren eingesetzte Kommission zur Festsetzung eines Normalbesoldnngsetats für die Beamten der jüdischen Gemeinde hat vor Kurzem ihre Arbeiten abgeschlossen nnd das Resultat derselben dem Gemeindevorstande überreicht. Der Vorstand hat nach dem Inhalt dieser Vorlage aber sich veranlaßt gesehen, den Arbeiten der Kommission seine Zustimmung zu versagen. Wer in dieser Beziehung Recht hat, ob die Nepräsentantenversammlung. welche beharrlich einen Normalbesoldungsetat verlangt, oder der Vorstand, welcher sich ebenso beharrlich gegen eine solche Norm sträubt, das zu entscheiden wird schwer sein, zumal die allein Betheiligteu. die Beamten, in dieser Beziehung weder gefragt noch gehört worden sind. Die Vorlage dürfte voraussichtlich bereits in der nächsten Reprüsentantensitzung vorgelegt werden, und der Gemeindevorstand wird alsdann eingehend seine ablehnende Stellung zu dieser Frage zu begründen Habel,. Nähere Mittheilungen werden sich erst nach Bekanntgabe der Vorlage ergeben können, insbesondere darüber, ob die Ablehnung dieser Vorlage, also die Beibehaltung des bisherigen Modus der Besoldung, nicht etwa mehr den Beamten zu Gute kommt wie deren Annahme. 8. Berlin, 20. Januar. sWie bereits nntgetheilt. fanden am vorigen Freitag Abend anläßlich der zweihnndertjährigen Feier der Erhebung Preußens zum Königreich in allen Synagogen F e st - g ottesdienste statt. Der Besuch kann sür alle Gotteshäuser als außerordentlich zahlreich bezeichnet werden, die Lützowstraßensynagoge erwies sich als dicht gefüllt. Die Predigten waren selbstverständlich der Bedeutung des Tages angepaßt; in erhebenden Worten gedachten die Redner der machtvollen Glanzentfaltnng. welche Preußen unter der segensreichen Führung der Hohenzollern erfahren hat, und der ruhmreichen Entwickelung, die in zwei Jahrhunderten von Kurbrandeuburg zu den, deutschen Reiche in seiner heutigen Machtstellung geführt hat. Die Predigten endeten mit einem heißen Bittgebet und den innigsten Wünschen sür Kaiser und Reich. Es sprachen in der Neuen Synagoge Dr. Maybanm. in der Lindenstraße Dr. Weisse, in der Lützowstcaße Dr. Rosenzweig, in der Kaiserstraße Dr. Eschelbach e r. in der Alten Synagoge Dr. Blumenthal. In die sür Freitag Abend übliche Liturgie war als Choreinlage in allen Synagogen das große Hallelujah (Psalm 150) eingefügt. Die Reformgemeinde hatte aus Anlaß des Gedenktages einen Festgottesdienst veranstaltet, der sehr zahlreich besucht war. Das Gotteshaus war der Bedeutung des Tages entsprechend mit Blumen und Guirlanden reich geschmückt. Eingeleitet wurde die Feier mit dem Psalm 100 („Jubelt den. Ewigen"), worauf Dr. L e v i n das Wort zur Festpredigt ergriff, um i„ begeisterten und zündenden Worten das Wirken des Hohenzollerngeschlechts und dessen historische Bedeutung auf die Entwickelung Preußens und durch Preußen ans das geeinte deutsche Reich zu schildern. Er hob besonders hervor, daß die Hohenzoller,,fürsten durch ihr strenges Pflicht-und Rechtsgefühl gegen sich selbst vorbildlich für ihre Unterthanen waren, daß sie iu ihrem Staate das Prinzip religiöser Duldsamkeit Pflegten und daß wir vom ersten Könige Preußens an, und fast säunntlichen Nachfolgern Aussprüche und Kundgebungen besitzen, welche diese Gesinnung in glänzender Weise zum Ausdruck bringen. Und so wird ihnen auch des Volkes Dank in reichen, Maße zu Theil, in keinem Staate ist die Monarchie so fest begründet wie in dem preußischen, und in Aller Herzen hallt es freudig wieder: Mit Gott sür König und Vaterland. Mit dem Hallelujah schloß die erhebende Feier. 8. Berlin, 17. Januar. In, „ Cen tralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sprach heute Professor Dr. Martin Ph ilippson über das Thema: „Die Judentanfen der Gegenwart". Der Saal der Gesellschaft der Freunde erwies sich als viel zu klein, um die Menge der Erschienenen cmfnehmen zu können. Mit gewohnter Klarheit und in beredten Worten wies der Vortragende daraus hin, daß alle Verluste, welche das jüdische Volk au Glaubensgenossen sowohl im Alterthnm wie in, Mittelalter erfahren hat. durch den Zwang herbeigesührt waren, während es ausschließlich iu der Neuzeit vorgekommen ist, daß sich eine große Anzahl von Juden freiwillig von ihren, Glauben abwendeu. Für die Uebertritte der Juden zum Christenthum am Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts hatte man wenigstens noch die Erklärung, daß die damaligen Juden von den, Lichte der sich über sie ergießenden modernen Kulturgeblendet wurden, und die Neuheit der einstürn,enden Empfindungen iu deu meisten gebildete,, Juden der damaliger, Zeit die Ansicht auftauchen ließ, daß das Jndenthnm. wie sie es in der Jugend kennen gelernt hatten, mit den Ausorder,rügen der Kultur nickt zu vereinbaren sei. Trotzdem iu dem verflossenen Jahrhundert der Widerstreit zwischen der allgemeinen Kultur und den, Judenthun, verschwunden ist, trotzdem das Jndenthnm aus das Glänzendste seine Entwickeluugsfähigkeit und sein Anpassungsvermögen dargethan hat. finden in der Gegenwart noch zahlreiche Uebertritte statt, welche seit deu, letzten Dezennium in erschreckendem Maße nicht nur der Zahl, sondern auch der Qualität nach Zugenommen haben. Für die Taufen wurden mehrere Gründe als maßgebend gewühlt. Eine scharfe Zurückweisung muß der nationale Grund erfahren, daß man das Deutschthum und das Judenthum als unversöhnbare Gegensätze bezeichnet. Die Geschichte beweist es ans jedem ihrer Blätter, daß Juden hervorragende Deutsche gewesen sind mit den besten und rühmlichsten Eigeuschasten des deutschen Charakters. Die Behauptung des Gegensatzes ist ein Erze,,g,üß der antisemitischen Bewegung, und diese Behauptung vertreten heißt die schmachvollen Grundsätze des Antisemitismus anerkennen. Ebensowenig stichhaltig ist der zweite Grund, daß das Judenthum als Religion veraltet sei und der allgemeinen Knlturwelt seinen Platz räumen müsse. Weder ist die jüdische Sittenlehre irgend einer anderen inferior, noch kann der Lehrinhalt der jüdischen Religion, der der denkbar einfachste und philosophischste unter allen Religionen ist. von einer m,deren übertroffen werden; im Jndenthun, lagern die ältesten Wurzeln des Monotheismus, während im Christenthum, wie hervorragende christliche Gelehrte zugegeben habe,, noch zahlreiche polytheistische Elemente sich befinden. Der Hauptgrund für die Häufigkeit der Judeutaufen iu der Gegenwart ist der religiöse Judifferentismus, der allerdings eine uothwendige Folge der menschheitlicheu Entwickelung ist. Ein fernerer Grund ist der Mangel einer jeden Organisation der jüdischen Religionsgemeinschaft, und endlich, und nicht in letzter Linie, führt das Motiv der Selbstsucht und der Eitelkeit zur Taufe. Eine solche Folge ist immer eine schwere sittliche Verirrung. Die Pietät gegen Ahnen und Eltern, die selbst bei den rohesten Naturvölkern den Hauptgrund alles religiösen Empfindens bildet, wird mit Füßen getreten; es ist ferner eine Feigheit sondergleichen, wenn der Kämpfer, der in der Schlacht die eigenen Reihen bedrängt sieht, die Fahne verläßt und geraden Weges zu den, Unterdrücker übergeht. Es ist ferner eine wissentliche Unwahrheit, ein Be-